
Berliner Modewoche, Heimspiel also. Wir haben das meiste mitgenommen, etwas sortiert und können sagen: In Berlin gibt es reichlich Platz für viele Ideen. Manche frisch, manche einfach toll und manche ein wenig zu nahe am Moodboard. Die internationalen Gäste wurden eingeflogen, die Aufmerksamkeit ist da. Einige Labels, die hier zeigen haben was zu sagen und man merkt, sie wollen mitspielen. Das waren unsere Berlin Fashion Week Highlights:
ioannes
Unser Start des verlängerten Wochenendes war bei ioannes. Braucht auch eigentlich kein Intro mehr. Elegance flirting with drama, so wie Johannes Boehl-Cronau es selbst beschreibt. Super sexy, super tight und einfach extrem cool. Und im Herbst 2026 auch mit etwas Tailoring im Angebot. Eine Kollektion mit Johannes‘ Handschrift durch und durch: Mini-Kleider, florale Prints auf Bikinihöschen, Sonnenbrillen auf fast jeder Nase und viel schräg zugeschnittener Stoff zum Drapieren. Die quer-verlaufenden Nähte sind inzwischen ein Erkennungsmerkmal und ziehen sich auch bis zu ledernen Halter-Neck-Tops durch. Vorerst seine letzte Präsentation in Berlin, wie der Designer sagt. Wir glauben aber, da kommt was Größeres.

ioannes F/W 2026

Bias-cut drapings

Angular seams have become a ioannes-trademark
SF1OG
Mehr Kontrast geht eigentlich nicht: Inspiration, die von einer Seite aus dem viktorianischen Zeitalter und dessen trauernden Frauen auf 2000er Paparazzi-Fotos von Amy Winehouse oder Lindsay Lohan von der anderen Seite treffen. Der gemeinsame Nenner: Verletzlichkeit und die Zurschaustellung davon: Was damals höchst codiert und protokolliert war, wie eine Frau die trauert sich zu kleiden hat, trifft auf voyeuristische, echte und rohe Vulnerabilität auf Kosten der Paparazzi-Opfer. Letzteres ist sowieso eine Ästhetik, die zeitgeistiger nicht sein kann. Indie-Sleaze, Teenage-Angst, Outfits, die so aussehen, als würden sie nach Zigarettenrauch riechen, Tumblr schwingt da irgendwo auch noch mit und eine ordentliche Portion Young-Adult-Insecurity, die sich in hohen, aufgestellten Krägen oder in sehr hoch platzierten Taschen – die zum Einnehmen einer Abwehrhaltung führen – widerspiegelten. Die zwei Gründer des Labels, Rosa Marga Dahl und Jacob Langemeyer haben vorerst auf jeden Fall keinen Grund zur Unsicherheit – wir gratulieren zur bis dato stärksten SF1OG Kollektion.

SF1OG F/W 2026


Very high pockets on coats
Marke
Marke ist langsam aber sicher auf dem Weg, eine unserer BFW Lieblingsmarken zu werden. Unübertroffen was Männer-Schneiderei angeht, zeigte der Kölner eine für seine Marke eher nüchterne Show. Volumen wurden fast gänzlich reduziert und auf spielerische oder romantische Gesten – bis auf ein paar verstreute Rosen-Applikationen – verzichtet. Wie durch einen Filter gejagt. Ausgangslage der Kollektion war auch das ungefilterte Verbreiten von Nachrichten über Medien heutzutage, und wie den Designer Mario Keine das an die Epochen vor der Aufklärung erinnert. Motive vom späten Rokoko, die Zeit vor der französischen Revolution: Alles zu erkennen in den Mützen, oder den leicht sitzenden Hemden, den Rosen-Ansteckern. Interessanterweise auch jene Zeit, in der das, was wir heute als Männermode bezeichnen, seinen Lauf genommen hat. So war auch Keines‘ Winterkollektion mit dem Blick nach vorne was Männerkleidung angeht – wie bewiesen im besten Look der Show: Ein gestreiftes Set aus Ballonhose, Hemd, V-Ausschnitt-Weste und Krawatte.

Marke F/W 2026

A reduced collection for the Cologne based brand

Favorite look
William Fan
Der Berliner, der für jede:n was hat. Hier jagt tatsächlich ein gutes Outfit das nächste. Besonders die Männermode dieses Mal, für die wir gerne das Wort herausragend verwenden wollen. Der Utility-Look wird mittlerweile zum Brand-Merkmal: Viele große Taschen auf Cargo-Hosen, Reißverschluss-Schichten, Doppelrevers und etwas, was William Fan so gut kann: Die Verschmelzung seiner Entwürfe mit seinen chinesischen Wurzeln: Bestes Beispiel, die Stehkragen-Jacken, die er unter festeren Mäntel oder Outerwear zeigte, verschlossen mittels vereinfachten, aber traditionell chinesischer Froschverschlüssen.

William Fan F/W 2026

This Berliner is acing the utilitarian look

Great men’s wear
Kasia Kucharska
Man würde denken, Kasia Kucharska hat mittlerweile alles, was man mit Latex machen kann, gemacht. Und dann kommt ein Mantel daher, komplett aus Latex gespritzt versteht sich, der aussieht wie ein gehäutetes Rehkitz. Oder Schlangenhaut. Inspiration? Dschungelbuch, Disney, Bambi, Kindheitserinnerungen und Kindheitshelden – passend für die frisch gewordene Mutter. Hier schwingt aber noch viel mehr mit: Wut, Liebe, Überforderung. Die ganze Achterbahn, die halt so ein lebensverändernder Umstand mit sich bringt. Kasia macht Kleidung für Frauen, die konstant in Bewegung sind, mehrere Rollen einnehmen müssen, Mutter sind, arbeiten wollen und nebenbei emotionale Arbeit verrichten, die unsichtbare Arbeit zuhause sowieso. Blusen sind modular, lieber gebunden als geknöpft, falls die Zeit mal knapp ist und die Taschen so groß, dass auch wirklich alles reinpasst. Die Models hatten Stechschritt drauf, der Bass hat vibriert – Kasias Energie reißt mit.

Kasia Kucharska F/W 2026

The Bambi dress
The energy was infectious
Intervention V
Fünfte Intervention in Berlin – das Format von der PR Agentur Reference Studios setzte erneut auf: Dieses Mal im Kraftwerk auf der Köpenicker Straße. 5 Shows, Ted Talks, Live DJ Sets. Eigentlich könnte man also den ganzen Tag dort verbringen. Begonnen mit Buzigahill – und dem Projekt Return to Sender für das der deutsch-nigerianische Designer Bobby Kolade vom globalen Norden nach Kenia kommende Second-Hand-Mode upcycelt und so rekontextualisiert. Gefolgt von Kenneth Ize, der sein Comeback auf den Modekalender feierte und seine typischen Gewebe in quadratischen Mustern und frischen Farben mittels eines Live-Photoshoots auf einer Bühne präsentierte. Dagger hatte Debüt – der Nordire Luke Rainey der 2020 wegen einer Kündigung den Frust seiner Jugend nochmal durchleben musste und daraufhin sein Label gründete. Damals ging er skaten, wenn er frustriert war – heute auch noch – oder aber, er entwirft Kleidung dafür: Zerissene Jeans, Kapuzenpullis, Karo- und Camouflage-Hemden, eine Collab mit Vans. Faust auf Auge halt.

Buzigahill F/W 2026

Kenneth Ize F/W 2026

Dagger F/W 2026
GmbH
Geendet hat die Intervention mit GmbH als die vorletzte und meist erwartete Show der Berliner Woche. Und wie immer, zurecht. Überraschenderweise eine leichte Kollektion – wenn wir jetzt mal von der Kleidung reden. Weniger scharf-geschnittene Jacken oder Mäntel wie sonst, keine skulpturalen Schulterpartien. Dafür viel Teddyfleece, fließende Sakko- und Hosenkombinationen oder weiches, schwarzes Leder als Komplettlooks. Inspiriert von Berlin in den 80ern und Größen wie Einstürzende Neubauten, blickten die zwei Designer auf eine Periode in ihrem Leben zurück, als das Nachtleben – früher, so wie heute – eine Flucht bieten kann, zu Zeiten die eigentlich wenig Grund zum Feiern bieten. Titel der Kollektion: Doppelgänger. Damit wird referenziert, etwas zu sehen, das sich wiederholt. Im Gespräch nach der Show stellten die beiden offene Fragen: Ob das zurzeit auch passiert? Ob in Deutschland das Gleiche geschieht wie vor 100 Jahren? Fast hätten sie die Kollektion Friedensangst genannt, ein Wort, welches das Gefühl der Aktionäre des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall AG beschreibt, wenn die Wahrscheinlichkeit auf Kriegsende zu hoch wird.

GmbH F/W 2026

Favorite look: simple jacket and pants with a long, thin scarf

The duo presented a quintessential GmbH collection for F/W 2026
Richert Beil
Letzter Stopp bei Richert Beil, das Duo mit Kollektionstiteln, die einen meist zum Schmunzeln bringen. Dieses Mal: Landei. Wenn man die Mode von Jale Richert und Michele Beil kennt, weiß man, dass das eigentlich nicht zusammenpasst. Bekannt für Latex, Leder und ehrliche Berliner Diversität lieferte das Duo dieses Mal eine Show/Dinner Kombination zum Ende der BFW ab. Serviert wurden jeweils ein Happen und zwei-drei Looks, es ging also um Handwerk als ein Ganzes. Hemden mit integriertem Rüschen-Lätzchen, ein Kleid mit verwendeter Serviette im Dekolleté und als Nachtisch ein Straußenei, aus dem sich jeder Gast einen Schlüpfer pellte. Das Duo suggeriert Entschleunigung, Genuss und versucht einem System, welches von Schnelllebigkeit und Neuerung lebt, entgegenzusteuern. Für Richert Beil ist Nachhaltigkeit nämlich eher Haltung statt Marketingplan.

Richert Beil F/W 2026

They served dinner and looks
P.S.: Die Ottolinger Royal Party, das etwas andere Highlight des Wochenendes – eine hochgediegene Hotelzimmerparty im Château Royal. Nach Kirsten Landwehr’s Laufsteg Debut bei William Fan ein paar Stunden davor, öffnete sie den Ottos die Pforten ihres Hotels, die einige Räume kuratierten und endlich mal eine gute Party während der Modewoche schmeißten: Stripper-Suite, Karaoke-Suite, Precious Renee Tucker in der Kunsthalle Basel Suite. Nobody does it like them.

