To star or not to star

Reklame 09: Von Kim, Ye und kleinen Bären

Das goldene Zeitalter der Werbung mag in den Sechzigern gewesen sein, aber selbst im Jahr 2022 kann eine Kampagne noch gewaltige Wellen schlagen. Wobei die Faustregel „Bad news is good news“ hier leider nicht immer hinhaut, wie sich am Beispiel Balenciaga gerade eindrucksvoll beobachten lässt.

Muss man den Hintergrund noch mal erklären oder sind über Social Media längst alle im Bilde? Bären, Bags, Bondage hier, Huppert inmitten von echten Gerichtsunterlagen zur Verbreitung von Kinderpornografie dort. Balenciaga übernimmt die volle Verantwortung – verklagt aber die „verantwortliche“ Produktionsfirma, derweil Kim Kardashian, prominentestes Aushängeschild der Marke und nebenbei Mutter von vier Kindern, die ihre Beziehung zum Haus hinterfragt. Das hatte gerade noch gefehlt. Erst ein gehöriger Shitstorm (großes Problem), dann wird die Nominierung für Demna beim BOF Global Voices Award zurückgezogen (Peanuts), und nun fragt sich Kim Kardashian auf ihrer 334-Millionen-Followerstarken Instagram-Seite, ob diese Marke im wahrsten Sinne des Wortes noch tragbar ist (Mega-Gau).

Bondage-Bären-Bag bei der Spring 2023 Schau

Der Fall zeigt: Mit Celebrities zu werben lohnt sich – kann aber auch nach hinten losgehen. Siehe Kanye West. Bei der Haute Couture Show von Balenciaga sah Demna auf einem Bild noch so aus, als wundere er sich über den Mann mit dem Kopfsack an seiner Seite. Kurz darauf machten sie aber schon eine gemeinsame Sache für GAP – die bekanntlich auch nur so mittel funktionierte. Die „Yeezy Gap engineered by Balenciaga“ (längste Collab-Wortschöpfung so far) wurden aus Müllsäcken heraus verramscht, was für den Geschmack der meisten Kund*innen nicht ganz die aufgerufenen Preise widerspiegelte. Trotzdem eröffnete Kanye samt Mundschutz die Balenciaga „Mud Show“ in Paris, die im Nachhinein wie eine Ouvertüre zur großen Schlammschlacht bei seiner eigenen Skandal-Show wirkt. Spätestens da kriegte das Image des Branchenprimus Balenciaga eine erste Delle, auch wenn die Beziehung zum Musiker schneller gekappt wurde als es Adidas tat, für die Ye ein deutlich höheres finanzielles Fiasko wurde.

Yeezy Gap engineered by Balenciaga Collab

Anders sah es erstaunlicherweise bei Johnny Depp und Dior aus. Das Gesicht von „Sauvage“ (wobei die Visage des Schauspielers mittlerweile irgendwie ganz anders aussieht) war bekanntlich in zwei unschöne Gerichtsprozesse verwickelt. Trotzdem setzte die französische Marke die Kampagne nicht ab – und wurde mit sprunghaft ansteigenden Suchanfragen wie Verkäufen belohnt. Womöglich erinnerte sich hier jemand an Kate Moss, die damals etwas vorschnell von sämtlichen Werbekunden gefeuert wurde, obwohl ihre Popularität durch den Kokain-Skandal eher noch stieg. Auch Depps Fan-Base ließ sich von nichts erschüttern. Kinderpornografie und Rassismus schlägt offensichtlich Drogen und häusliche Gewalt.

Fürs Textbook der Marketing-Leute von morgen: Besserung geloben ist bestimmt eine gute Sache. Aber sofort die große Anti-Kinderpornografie-Offensive einläuten, obwohl das Thema ja vollkommen ohne Absicht und ohne Wissen in der Kampagne gelandet ist, wirkt so aufgesetzt wie ein billiger Ablasshandel. Wer gerade auf Jobsuche ist: Bei Kering werden dieser Tage vielleicht ein paar Stellen frei.