
Anzüge sind Macht. Männer in Anzügen sind Macht. Und Frauen in Anzügen? In der ACHTUNG 44 sehen wir immer wieder das Bild der Frau in strengen, kühlen Looks. Inspiriert wurden sie von einer Femme Fatale der Weimarer Republik.

Es ist 1920. Deutschland erleidet eine militärische Niederlage – der Krieg ist verloren. Berlin ist hinter New York und London die drittgrößte Stadt der Welt. Die Weimarer Republik wird nicht mehr für voll genommen und die Menschen verleihen dem Druck ihrer Seelen Erleichterung in Salons und Bars. Es riecht neben Müll und Spirituosen nach Zukunft – gleichzeitig ist das Morgen unwichtig. Hinter verschlossenen Türen werden Sexfilme gedreht. Die Frau in nackt ist die wichtigste Attraktion der Männer in Anzügen. Inmitten dessen: Anita Berber. Morphium ist der Titel ihres bekanntesten Tanzes. Sie leert jedes Mal vor ihrem Auftritt eine Flasche Cognac und zieht Koks in aller Öffentlichkeit. Sie prügelt sich. Sie pflegt Affären mit Männern, mit Frauen, mit allen und ruft: „Ich schlafe doch mit jedem von euch!“ ins Publikum. Als eine Dame mit dem Finger auf sie zeigt, beißt Berber denselben fast komplett ab, erinnert sich Klaus Mann. 1924 hatte Berber ihn als 18-Jährigen zu einer Menage à trois aufs Hotelzimmer eingeladen. „Sie brauchte den Skandal wie ihr tägliches Brot“, schrieb er. Berber war bei weitem nicht die einzige Nackttänzerin, doch entblößte sie mit ihren Tänzen nicht nur ihren Körper, sondern ihre Seele. Sie inszenierte Tabuthemen wie Sexualität, Syphilis und Suizid im Rampenlicht. Sie drehte sich und das rauste Pflaster Deutschlands drehte sich mit ihr.

Anita Berber
Und die Mode? – Die Mode war trist, wie ihre Zeit. Während die Bekleidung der Frau bei Nacht kaum vorhanden bis exzentrisch war, hielt sich die Schau der Weiblichkeit im Alltag unauffällig – in Form von knielangen Röcken, Hüten und Blusen. Männer hingegen präsentierten sich in Anzügen und Trenchcoat. Die Farben der Stoffe verblendeten mit denen der Architektur Berlins. Stefan Zweig schrieb: „Alle Werte waren verändert, und nicht nur im Materiellen; die Verordnungen des Staates wurden verlacht, keine Sitte, keine Moral respektiert.“ Aus diesem Zeitfenster baute sich Berber ihre persönliche Berber-Show, in der sie selbst die festgefahrenen Stereotype zwischen Mann und Frau in der Mode geschickt sprengte. Sie zeigte sich (natürlich) nackt, mal mit einer Krawatte um den Hals oder sogar im Anzug.

Left: Diana in Coat BRIONI; Shirt, skirt, bag and boots SALVATORE FERRAGAMO; Sunglasses GUCCI; Tie SPORTMAX. Right: Smilla in coat CHLOÉ; Shirt CANALI; Pants CELINE; Tie SPORTMAX; Boots CELINE HOMME. Fotografiert von Julia von der Heide für Achtung Nr.44.
Der Tod, lud auch schließlich sie zum letzten Tanz ein. Am 10. November 1928 starb Anita mit erst 29 Jahren. Kurz davor, so erzählte es der Schauspieler Hubert von Meyerinck, nahm sie einen Spiegel, schminkte sich und sprach noch die Worte: „Der Kerl soll mich schön haben.”
Dieses Bild inspiriert uns. Die Frau im Anzug ist vieles. Sie ist die nackte Anita, die die Krawatte zur Provokation einsetzt. Sie ist Smilla in Ost-West die bestärkt im Mantel von Celine die Mauer Berlins erklimmt. Sie ist Masha in Westside-Story, die beinahe kindlich im Anzug von Ann Demeulemeester, ernstgenommen werden will. Sie ist Bella in Brücken schlagen, die ihren Blick starr in die Kamera richtet und mit einem Hemd von Tod‘s in eine andere Rolle schlüpft, doch deren Femininität nicht gebrochen wird. Anzüge sind Macht – die Frau im Anzug ist eine Selbstbemächtigung.

Masha in ANN DEMEULEMEESTER fotografiert von Stephie Braun für Achtung Nr 44.


