Stoffsammlung: Anna Wintour

"Heads of Editorial Content der Vogue: Fürchtet euch!"

Als die Nachricht eintraf, besaß man die unglaubliche Frechheit, sich die Mode eine Minute lang ohne sie vorzustellen. Der Kosmos Vogue. Wie interessant könnte es sein, ihn einmal durch völlig andere, jüngere, womöglich sogar rebellische Augen zu betrachten. Ungefähr so, wie man sich nach dem Tod von Karl Lagerfeld einen ganz neuen Blick auf den Kosmos Chanel erträumt hatte (der dann leider ausfiel). Würde die ikonische September Issue der US-Vogue dann nicht mehr käsesatte Hochglanzlangeweile, sondern endlich wieder Relevanz und einen Anflug von Champagnerprickeln verströmen? Was würde außerdem passieren, wenn die schützende Hand über Designgöttern wie John Galliano, Marc Jacobs und Alexander Wang plötzlich wegfiele und dafür andere Kreative mit einer weniger eingängigen oder etablierten Ästhetik eine Bühne bekämen – wäre das nicht sehr spannend? Last but not least: Muss die Mode, die sich (so zumindest die Lehre) Saison für Saison selbst verbrennt, um wie ein Phönix neu emporzusteigen, nicht auch ab und zu die Front Row abfackeln? 

First Vogue Cover by Anna Wintour

Anna Wintour’s first cover for Vogue: November 1988

An dem Punkt angekommen, fiel einem wieder Karl Lagerfeld ein. Dann Vivienne Westwood. Donatella Versace, Valentino Garavani, Giorgio Armani. Verstorben oder nicht mehr im Dienst. Zuvor aber für Erdenbürger:innen auf den ersten Blick erkennbar wie der Nike-Swoosh zur Marke geworden. Manche sagten auch: zur Karikatur. Die größte noch amtierende Karikatur der Mode, das war am 26. Juni 2025 zweifellos sie: Anna Wintour, „Anna“ für Eingeweihte. Chefredakteurin der amerikanischen Vogue zu diesem Zeitpunkt seit sage und schreibe 35 Jahren, Karikatur spätestens seit 2006 (Der Teufel trägt Prada). Den Anna-Look hatte sie natürlich vorher schon gefunden und mit einer solchen Erbarmungslosigkeit festgeschrieben, dass irgendwann selbst die eigene Oma auf dem Dorf Bescheid wusste, erschreckenderweise. Kurzärmeliges Midi-Blümchenkleid, Stiefel, Bob, Sonnenbrille. Bob und Sonnenbrille vor allem. Ein:e Zeichner:in braucht dafür heute nur drei Striche und zwei dunkle Kringel. Unbezahlbar. Der Börsenwert der Anna-Karikatur wurde am 26. Juni 2025 in Posts, Retweets und Likes gemessen, es müssen Millionen gewesen sein. Noch vielsagender aber war der Anruf eines Kollegen, dessen Interesse an Mode exakt bei Null liegt: „Anna Wintour tritt zurück!!! Was machen wir da jetzt?“ 

“The Anna Uniform”

Die Damen und Herren Chiuri, Michele, Piccioli, Demna sowie ausnahmslos alle Heads of Editorial Content der Vogue: Fürchtet euch. Denn hier exakt liegt die Latte. Das rasend Komische war dann, dass Anna Wintour gar nicht wirklich zurückgetreten war. Oder maximal ein bisschen. Weil sie ja Chief Content Officer von Condé Nast bleibt und damit immer noch das allerletzte Machtwort spricht bei jeder Ausgabe von Vanity Fair, GQ, Wired, diversen anderen Publikationen sowie allen Vogues weltweit, die amerikanische inklusive. Die einzige Condé-Publikation, bei der Wintour nichts zu sagen hat, bleibt tatsächlich der New Yorker. Da ist man insgeheim erleichtert und fragt sich gleichzeitig: Wie lange noch? Sie ist ja erst 75, und ihr Machthunger ist ungebrochen. 

Die mehr als 20 Jahre alte Nachfolge- Debatte, die schon in Der Teufel trägt Prada lediglich für einen zarten Anflug von suspense sorgte, ist mit diesem De-facto-Nichtrücktritt abschließend beantwortet. Es wird eine Nachfolge für die Anna-Karikatur nicht geben. Der Job als Chefredakteurin, der in dieser Machtfülle mit ihr begonnen hat, er endet auch mit ihr. Die Front Row wird nicht abgefackelt, durchaus im Gegenteil: Die bedauernswerten Menschen, die das Seating bei den Fashion Weeks jonglieren, müssen in der schon jetzt beträchtlichen Phalanx der Vogue-Heads-of-Irgendwas noch ein zusätzliches Plätzchen springen lassen, auf dem dann der:die zukünftige Head of Editorial Content US sitzt. Wenn auch nicht zwischen Bernard Arnault und dem Star. Denn dort sitzt ja immer noch Anna. 

Zwischenfazit, erstens: Eine dringend fällige Erneuerung des Titels wird es nicht geben. Die US-Vogue wird wie eh und je eine Schauspielerin, einen Popstar oder einen Kardashian-Klon auf dem Cover haben und Modestrecken abfeiern, denen das poetische Casting von Grace Coddington, das imaginative Auge von Steven Meisel und das Budget von damals fehlt. Sie wird weiterhin absurd teure Komplettlooks an viel zu dünnen Frauen (Mädchen) vorführen und bei der Auswahl der Features vor allem darauf achten, keinem müden Geist auf die Füße zu treten. Anna Wintour hat 2016 Hillary Clinton unterstützt und das traditionelle Cover der First Lady Melania Trump danach ausfallen lassen. Hat sie darüber hinaus wirklich Farbe bekannt in der gruseligen Ära von Donald Trump 2.0? Nicht dass man wüsste. Zweitens: Die sich im Alter von 75 Jahren an ihrem Posten regelrecht festklammernde Anna Wintour unterscheidet sich durch nichts von Diktatoren oder dem mit einer dritten Amtszeit liebäugelnden Präsidenten der United States. Loslassen können unter den jeweils amtierenden Machthabenden immer nur die Souveränen. Wintour gehört nicht dazu. Das lässt charakterlich tief blicken und widerspricht allem, wofür sie ein Leben lang gekämpft hat. Es widerspricht dem Wesen der Mode. Drittens: Die Anna-Figur ist trotzdem Gold wert, heute womöglich mehr denn je. Nicht nur, weil sie das Zeitgeist-Potenzial so vieler Designer:innen, Models, Fotograf:innen und Editors oft früher erkannt hat als andere. Oder weil sie die Met-Gala erfunden hat, diesen grässlich aus dem Ruder gelaufenen Aufmarsch von Fashion-Clowns, der aber – man schreibt dies hier nur widerstrebend hin – gewiss dabei geholfen hat, die Relevanz des Themas Mode in der Öffentlichkeit zu verankern. Nicht nur, weil sie bestimmt immer noch eine gute Blattmacherin ist. All dies: geschenkt. 

The Met Ball, one of Anna Wintour’s initiatives

Eine Figur aber, die mit ihrem Bob, ihrer Sonnenbrille und dem jahrzehntelang eingeübten Scharfrichterblick das Spitting Image der Branche, wie-sie-mal-war, so nahtlos verkörpert wie Anna Wintour; die in einem Weltpublikum ähnlich starke Emotionen abruft – Faszination, Verachtung, Ekel, Anbetung, was auch immer: Von diesen Figuren gibt es in diesem Geschäft nicht mehr viele. Nahezu kaum jemanden mehr. Weshalb ihr tatsächlicher Rücktritt, wenn er denn irgendwann tatsächlich käme, unterm Strich wohl ein Verlust wäre. Nun aber der Spoiler: Mit oder ohne Anna, es ist dies alles ohnehin längst hochgradig egal. Während die Oma auf dem Dorf inzwischen stolz verinnerlicht hat, dass es eine wichtigere Modeperson als die Frau mit dem Bob nicht gibt, während Paparazzi-Bilder vom Der Teufel trägt Prada-Set auf Insta hysterisch geteilt und bemeint werden: ist die Party, wie wir in der Branche leider wissen, längst vorbei. Es gibt im Jahr 2025 keine Scharfrichterin mehr, die Designer:innen und Models und Looks und Trends nach Belieben zu den Sternen hinauf katapultieren oder vernichten könnte. Es gibt auch keine Magazin-Budgets mehr, die Shooting-Teams in Nationalmannschaftsstärke um den halben Globus an den Strand von Ko Phi Phi befördern würden. Es gibt nicht mehr die Vogue-wie-sie-mal-war. Also groß, glamourös, respektgebietend, unerreichbar. Und ungeheuer diktatorisch. 

Vogue, das sind heute: die Follower, die Livestreams, die Klicks, die nicht mehr vorhandenen Etats, der alberne Snobismus, die anachronistische Ästhetik, die stromlinienförmigen Inhalte, die unterbezahlten Redaktionspraktikant:innen, die aber rund um die Uhr brav Social Media füttern. Die Heads of Editorial Content, vormals Chefredakteur:innen, die niemand kennt, mit denen sie nichts mehr verbindet; die folglich auch keinen mehr jucken, wenn sie dann irgendwann gehen. Das Urteil der Vogue ist längst nur noch eine Stimme von vielen. Anna Wintour kann von ihrem Amt so lange nicht zurücktreten, wie sie nur will. Ihr Bedeutungsverlust ist seit Jahren beschlossen. In Der Teufel trägt Prada 2 muss Meryl Streep als abgebrannte Runway-Chefredakteurin und Wintour-Klon um die Gunst ihrer ehemaligen Assistentin Emily buhlen, mittlerweile Chefin eines Luxuskonzerns und Herrin über das Geld. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Good night and good luck, Anna. Ach ja, und willkommen Chloe Malle, Tochter von Candice Bergen und Louis Malle. Wir erwarten jetzt nicht so viel. 

Chloe Malle

Vogue US’ new editor, Chloe Malle