
Es werden doch nicht alle immer jünger. Anna Wintour zum Beispiel wirkt neuerdings sehr gestrig. Als Vogue-Chefin war sie noch nah dran am Zeitgeist – und im Prada-Rock sieht man ohnehin meist alterslos toll aus. Jetzt ist sie aber, man muss es googeln, weil man sich den korrekten Titel einfach nicht merken kann, Global Editorial Director der Vogue und Global Chief Content Officer des Condé Nast-Verlags. Puh! Chief klingt wie schief. Und so sieht das gerade auch aus, wie auf der schiefen Bahn.

Illustration by Sarah von der Heide
Es begann mit einem Fehltritt in aller Öffentlichkeit. Als zur Couture-Schau von Schiaparelli im Januar Anna Wintours Limousine vorfuhr, entstieg außer ihr nicht etwa ihre rechte Hand Hamish Bowles oder ihre linke Hand Virginia Smith. Vielmehr huschte ihr Lauren Sánchez Bezos hinterher. Das Netz wollte es gar nicht glauben und fantasierte lustig drauflos. Was, wenn Jeff Bezos nicht einfach nur die Met-Gala unterstützen, sondern wirklich Condé Nast kaufen würde? Dann wäre seine Frau womöglich bald Chefredakteurin.

Die gruselige Vorstellung hat man noch im Kopf, als ein seltsames Video der New York Times in die Timeline gespült wird. Die Aufnahmen von Wintour und ihrer Nachfolgerin Chloe Malle zeigen erschütternd auf, wie weit sich Anna vom Puls der Zeit entfernt hat. Und wie genau Chloe Malle das weiß. Malle sagt, sie wolle keine „unnahbare Fashion-Frau“ sein, während sich Anna Wintour ungerührt im Mantel (!) hinter ihrer Sonnenbrille versteckt. Gute Frage der Reporterin: Was, wenn man Geld hätte wie in den Neunzigern? Malle sagt, dann gäbe es um 30 Prozent höhere Löhne für die Redakteur:innen und mehr Mitarbeiter:innen für das überarbeitete Social-Team. Wintour hingegen schnell: Das Budget der Vogue sei natürlich „sehr gesund“. Letzte Frage: Wann sie zuletzt nervös war? Wintour: „I don’t get nervous.“ Dabei wackelt sie nervös mit den Fingern. Angesichts der lockeren Art ihrer Nachfolgerin wirkt die alte Herrlichkeit jetzt antik. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Oder eine Farce? Man kann für den wackelnden Verlag nur hoffen, dass Chloe Malle ihre Reformen (nur noch acht Hefte pro Jahr, Stärkung der Social-Media-Präsenz, Verjüngung) durchziehen kann. Denn im One World Trade Center sitzt ein paar Meter weiter auf dem gleichen Flur das Gegenteil. Und könnte noch sehr lange dort sitzen.
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