
Mytheresa verkauft Möbel und Modemarken erobern die Mailänder Möbelwoche: Wann ist die Interior Branche für die Modewelt so begehrenswert geworden? In unserer neuen Kolumne Modehaus geht Design-Journalistin Valerie Präkelt auf Spurensuche. Und beginnt dort, wo ACHTUNG zu Hause ist: in Berlin, wo ein altbekannter Concept-Store in neuem cremebeigem Gewand daherkommt – mit Geschirr von Ann Demeulemeester und Duftkerzen von Loewe.

All items RICK OWENS
Neuerdings kann man einen Eames Chair bei Mytheresa bestellen. Der Münchner Online-Anbieter für Luxusmode hat seit Ende letzten Jahres eine Auswahl an Vitra-Möbeln im Portfolio. In der Kategorie Life findet man Wohnaccessoires und Tableware von (erwartbaren) Marken wie Alessi, Cassina oder La DoubleJ, aber auch kleine Kunstwerke von Bloc Studios, einem italienischen Duo aus Carrara, das Vasen aus Marmor entwirft. Nun ist es nicht überraschend, dass Händler, die sich eigentlich auf Mode konzentrieren, neuerdings Möbel ins Portfolio aufnehmen. Die Corona-Pandemie hat zu einem Investitionsboom im sogenannten Home & Interiorbereich gesorgt. Dazu gibt es sogar Studien, die IFH Köln hat herausgefunden, dass 2020 das beste Umsatzjahr für die Möbelbranche seit 2015 war.
Cocooning war damals das Stichwort der Stunde; auf einmal musste alles richtig schön gemütlich sein. Dass das zu einem übermäßigen Gebrauch der Farbe Beige im Innenraum geführt hat, ist eine eigene Geschichte. Fest steht: Mit Einrichtung kann man Geld verdienen und das lassen sich Fast-Fashion-Giganten wie H&M und Zara nicht entgehen. Beide haben mit H&M Home und Zara Home längst physische Stores und erobern durch Kooperationen mit Star-Interiordesigner:innen wie India Mahdavi (H&M) und Vincent Van Duysen (Zara Home) den Massenmarkt. Das ist für die Interiorbranche in etwa so aufregend wie wenn Jacquemus plötzlich Bettwäsche machen würde – Pardon, tut er ja schon. Das skandinavische Bettwäschelabel Tekla hat ihn für eine Kooperation gewonnen. Die ist wunderbar verträumt und lässt schnell vergessen, dass ausgerechnet Simon Porte Jacquemus bei der Gestaltung seines eigenen Büros gewaltig nach links und rechts geschaut hat. Für diese wurde nämlich der Arbeitsbereich der Luckhardt-Villa kopiert. Pardon, nachgebaut, aber nicht als „Hommage“ kreditiert. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Homeware & Accessoires-Linien sind für Modehäuser nichts grundsätzlich Neues. Die Italiener machen das seit Jahrzehnten; es gibt reich verziertes Medusa-Porzellan bei Versace und eine Möbelkollektion von Cristina Celestino, die Fendis ikonische Pequin-Streifen in elegante Möbel übersetzte; außerdem natürlich Duftkerzen und Decken, von Armani, Brunello Cucinelli, Loro Piana und Co. Alle machen Casa – nur hat das bisher (die Interiorbranche einmal ausgenommen) niemanden interessiert.


Eine gewaltige Überraschung gelang im September letzten Jahres Matthieu Blazy und Bottega Veneta. Für die Frühjahr/Sommer 2023-Präsentation in Mailand katapultierte Blazy keinen Geringeren als Gaetano Pesce aus der wohlverdienten Rente quasi direkt zurück auf den Laufsteg. Der italienische Architekt entwarf 400 Stühle, alles Unikate. „People who say we are all the same – fuck them!“, ließ Pesce verlauten. „We are all different and this is our defining quality – otherwise, we are just a copy.“ Erhältlich sind die Stühle aus der Serie Come Stai? auf der amerikanischen Bottega-Website. Kostenpunkt: ab 6´500 US-Dollar. Dass diese noch nicht ausverkauft sind, ist geradezu skandalös. Auf der gleichen Schau trug Kate Moss ein (vermeintlich) blau kariertes Flanellhemd mit Jeans; ein Trompe-L’OEil-Effekt, denn es handelte sich um bedrucktes Leder.
Der Look hängt derzeit auch im Berliner Concept-Store The Square, der in neuem Gewand und mit neuem Namen im Oktober 2022 eröffnete; an gleicher Stelle betrieben Emmanuel de Bayser und Josef Voelk vorher The Corner. Gonzalez Haase AAS konzipierte damals das ursprüngliche Interieur. Das Studio von Pierre Jorge Gonzalez und Judith Haase gehört zu den besten Deutschlands: Kaum jemandem gelingt es, gebürsteten Stahl so poetisch erscheinen zu lassen; sie entwerfen Retail- Konzepte für Balenciaga und Acne Studios. Aber nach 18 Jahren brauchten Emmanuel de Bayser und sein Partner einen Wandel. Für die Neukonzipierung des Concept- Stores setzte de Bayser auf das französische Trio Pierre Augustin Rose. Die sind in Deutschland noch ein echter Geheimtipp. Pierre Bénard, Augustin Deleuze und Nina Rose entwerfen eigentlich Möbel, für The Square entwickelten sie ihr erstes Interior- Konzept. Sie spielen mit unterschiedlich hohen Arkaden, die Ricardo Bofill stolz gemacht hätten, weil nicht alle einen Zweck erfüllen (der im letzten Jahr verstorbene, als Utopist gefeierte Architekt liebte es, Treppen ins Nichts laufen zu lassen.) Aber: Sind Rundbögen nicht schon wieder out? Bofill hätte über diese Frage wohl gelacht, ist die Fassade seines Studios La Fábrica bei Barcelona doch mit allerlei Rundbögen versehen und seit Jahrzehnten eine Pilgerstätte für Architekturliebhaber:innen.

Sofa and table PIERRE AUGUSTIN ROSE

Während Bofill gern in Farben tauchte, setzten Pierre Augustin Rose bei der Gestaltung auf weiße Wände, wohlwissend, dass der Auftritt der Kleidung gehört, die an maßgefertigten Kleiderstangen hängen. Das zurückgenommene Weiß verhilft den 750 Quadratmetern zu einem kontemplativen Charakter. Für ihre an Royère erinnernden Sofas bedienen sie sich einer reduzierten Farbpalette: mahagonibraun, cognac und cremebeige auf Bouclé und Samt. Französische Eleganz steht dem Concept-Store am Gendarmenmarkt sehr gut. Im ewigen Berliner Winter kann ein Besuch bei The Square geradezu erholsam sein. Wenn der Himmel draußen nicht strahlt, dann tun es hier zumindest die Wände. Ein Highlight sind die riesigen Jesmonite-Leuchten, die Pierre Augustin Rose ausstellen: Sie sehen aus, als wären sie aus Pappmaché und beweisen, dass Eleganz Spaß machen darf. Und dann wäre da noch der asymmetrische Spiegel mit Marmorrahmen, der allerdings so schwer ist, dass dafür eine Wand eingezogen werden musste. Dass The Square solche Möbel fernab einer Galerie erlebbar macht, ist für einen Concept-Store einzigartig. Auch Geschirr von Ann Demeulemeester für Serax, verspielte Tableware von Gucci und die sagenumwobenen Duftkerzen von Loewe mit Cannabis- oder Tomatengeruch findet man hier, wodurch sich prompt die Frage stellt: Löst die Duftkerze etwa die Sonnenbrille als ultimatives Einstiegsprodukt ab? 85 Euro für ein bisschen Loewe klingt fair, auch wenn der Verdacht nahe liegt, dass die Modewelt sich so begierig auf Wohnobjekte stürzt, um neue Erlöswege zu finden und Markenbindung zu betreiben. Immerhin: Dass das Duftkerzengefäß von Loewe aus Terrakotta gefertigt wird, ist konsequent. JW Anderson sammelt Keramik, unter anderem von Dame Magdalene Odundo, eine der großartigsten zeitgenössischen Keramiker:innen.
Übrigens kann die Interiorwelt durchaus von der Mode lernen. Ein Beispiel: Der Sekundärmarkt für Möbel ist – Ebay-Kleinanzeigen einmal ausgenommen – meist sehr elitär. Auktionshäuser wirken nur selten einladend für all jene, die sich nicht auskennen. Mit Pamono und 1stDibs gibt es zwar Online-Plattformen für Vintage-Design, aber selbst die erfordern Vorwissen und kommen oft mit hohen Lieferkosten daher. Auf Pamono zahlt man aktuell 185 Euro Lieferkosten für einen Pierre-Jeanneret-Stuhl mit Wiener Geflecht. Ein Original gibt es auch bei The Square, ganz ohne Transportkosten. Auch die Interiorbranche ist eine komplexe Welt, die es zu durchdringen gilt. Wir machen den Anfang: Willkommen im Modehaus.

Armchair PIERRE AUGUSTIN ROSE; Bag GUCCI
This article first appeared in ACHTUNG Nr. 45 “Neben Saison”

