ACHTUNG Nr. 52: Die Deutsche Frau

Cover 1: Many Mahler in Meryll Rogge exklusiv für ACHTUNG von Ute Mahler und Werner Mahler. Cover 2: Julia Windischbauer in Carven mit Schmuck von Cartier exklusiv für ACHTUNG von Julia von der Heide
Wer ist sie? Unser Winterheft gibt Antworten
Allein die beiden Titel dieser Ausgabe sind eine Zumutung. Auf dem einen Cover steht „Die deutsche Frau“, auf dem anderen „Die neue Frau“. Wer oder was soll das bitte sein? Und was ist an ihr eigentlich neu? Oder deutsch? Fragt man Medien, Männer oder die Mode, fällt die Antwort meist klischeehaft aus. Und führt erstaunlich zuverlässig in die Vergangenheit: Marlene Dietrich oder Hildegard Knef. Claudia Schiffer. Romy Schneider, wobei sie vielen schon wieder zu französisch erscheint. Und natürlich Jil Sander, die Mutter eines neuen deutschen Stils.
Schon die Vorstellung, eine einzelne Frau könne für eine ganze gesellschaftliche Gruppe stehen, ist misogyn. Sie macht aus Herkunft eine Eigenschaft und aus Geschlecht eine Identität, auf die sich ein Mensch festlegen ließe. Das Wort „neu“ macht die Sache nicht besser. Ist es doch kaum mehr als eine Erwartung, die an Frauen herangetragen wird. „Die deutsche Frau“ gibt es ebenso wenig wie „die neue Frau“, das deutsche Wetter, die deutsche Normalität oder den deutschen Geschmack. Sieht man sich beide Begriffe einigermaßen wertfrei an, bleiben zunächst nur Ort und Zeit.
Und mit ihnen die Frage: Wie fühlt es sich gerade an, in diesem Land als Frau zu leben, zu arbeiten, sichtbar zu werden, in all den unterschiedlichen Körpern, Biografien und Identitäten, die das umfasst. Die eine Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht aber ein paar wiederkehrende Erfahrungen. Eine davon: Frauen sind an allem selbst schuld. Wie, der Typ wurde übergriffig? War der Look wohl too much. Der Spagat zwischen Arbeit, Kindern, Haushalt und den eigenen Bedürfnissen kaum zu schaffen? Musst ja nicht arbeiten. Was, du bleibst zu Hause bei deinen Kindern? Total unemanzipiert. Nur 204 Frauen von 630 Abgeordneten im Bundestag, obwohl in Deutschland rund eine Million mehr Frauen als Männer leben? Waren wohl nicht mehr qualifiziert genug. Ikkimel singt über sich selbst als Fotze? Feiern wir als feministische Rapperin oder ist es doch eher eine degradierende Schande? Auch darüber urteilen am Ende alle. Alles wird kommentiert, debattiert, infrage gestellt.
Und mit ihnen die Frage: Wie fühlt es sich gerade an, in diesem Land als Frau zu leben, zu arbeiten, sichtbar zu werden, in all den unterschiedlichen Körpern, Biografien und Identitäten, die das umfasst. Die eine Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht aber ein paar wiederkehrende Erfahrungen. Eine davon: Frauen sind an allem selbst schuld. Wie, der Typ wurde übergriffig? War der Look wohl too much. Der Spagat zwischen Arbeit, Kindern, Haushalt und den eigenen Bedürfnissen kaum zu schaffen? Musst ja nicht arbeiten. Was, du bleibst zu Hause bei deinen Kindern? Total unemanzipiert. Nur 204 Frauen von 630 Abgeordneten im Bundestag, obwohl in Deutschland rund eine Million mehr Frauen als Männer leben? Waren wohl nicht mehr qualifiziert genug. Ikkimel singt über sich selbst als Fotze? Feiern wir als feministische Rapperin oder ist es doch eher eine degradierende Schande? Auch darüber urteilen am Ende alle. Alles wird kommentiert, debattiert, infrage gestellt.
Auf die Frage nach der neuen deutschen Frau gibt diese ACHTUNG Ausgabe deshalb keine Antwort, sondern viele. Persönlich, differenziert, widersprüchlich.
„Die deutsche Frau“ gibt es heute vielleicht weniger denn je, sagt auch Eva Gödel von Tomorrow Is Another Day, die mit ihrer Modelagentur gerade daran arbeitet, wie Deutschland in der Mode aussieht, denn ihre Models werden von Demna, Raf und Rick exklusiv gebucht, oft direkt aus der deutschen Kleinstadt. Sie findet das gut: die Diversität, die Direktheit, das etwas Unpolierte. Frauen, die nicht versuchen, jemand anderes zu sein.
Zu finden sind sie etwa in unserem Modeportfolio von Lukas Städler mit Künstlerin Zuzanna Czebatul, Autorin Miriam Davoudvandi oder Stylistin Peninah Amanda, die in einem einzigen Satz sagt, worauf alles hier Geschriebene hinausläuft: „Was ich mir für Frauen von morgen wünsche? Dass sie einfach machen können, ohne dass daraus ständig eine Aussage über Frauen werden muss.“ Vielleicht beginnt genau da echte Freiheit.

Zuzanna Czebatul photographed by Lukas Städler for ACHTUNG 52

Miriam Davoudvandi photographed by Lukas Städler for ACHTUNG 52

Peninah Amanda photographed by Lukas Städler for ACHTUNG 52
Apropos Freiheit: Manchmal steckt sie ausgerechnet in den Dingen, die nach ihrem Gegenteil aussehen. Zum Beispiel in einer Schürze. Echt jetzt. Die war nämlich diesen Sommer Key-Piece jener Designerin in der Mode, für die Kleidung immer auch eine Frage des Frauseins ist: Miuccia Prada (nach der Schürze kam übrigens bei Prada vor ein paar Wochen für 2027 der Rock dran). Ihr Comeback des Kleidungsstücks war einer der Aufhänger für die Geschichte über die Fotografinnen der DDR. Der zweite: die großartige Ausstellung Unprecedented: Women Photographers from the GDR in Hayama, Japan, die im Mai 2027 endlich auch in Deutschland zu sehen sein wird, im Neuen Museum Nürnberg. Wo die DDR kollektiv von ihren sozialistischen Frauen sprach, fanden Fotografinnen wie Helga Paris, Sibylle Bergemann, Ute Mahler, Tina Bara, Magrit Emmerich, Christiane Eisler, Evelyn Richter, Ursula Arnold oder Gundula Schulze Eldowy das Wahrhafte dort, wo sonst niemand hinsah: im Alltag, in Gesichtern, im einzelnen Leben.

A visit at Unprecedented: Women Photographers from the GDR in Hayama, Japan before the summer kick started ACHTUNG 52
Zu lange blieben diese ostdeutschen Frauenbilder am Rand, wenn es um die Frage ging, wie die deutsche Frau ins Bild gesetzt wird. Gerade deshalb rücken einige von ihnen in dieser Ausgabe ins Zentrum. Überhaupt scheinen sich Institutionen endlich mit den Frauen in der Kunst der DDR zu beschäftigen. Im Martin-Gropius-Bau wird die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer gerade so gefeiert, wie sie es verdient hat. Übrigens, die erste ostdeutsche Künstlerin, die eine Retrospektive in einem großen staatlichen Museum erhielt. Dass dieses kulturelle Erbe über lange Zeit kaum Beachtung fand, hat Spuren hinterlassen. Wird in der Ausstellung doch deutlich, ausstellen alleine reicht nicht, Kontext wäre schön und die Erkenntnis: Die meisten von uns haben keine Ahnung. Umso wichtiger sind Gespräche wie das mit Ute Mahler. Sie fotografierte für uns in dieser Ausgabe ihre Enkelin Many in ihrem Garten unter anderem in einem Look der Belgierin Meryll Rogge. Das ist jene neue belgische Designerin, bei der der Rock etwas zu groß, das Top schief sitzt und deren „herunterbaumelnd und verrutscht“ gerade am besten den momentanen weiblichen Ist-Zustand in der Welt trifft.
Sie tritt damit in die Fußstapfen des Mitglieds der Antwerp Six, Marina Yee, deren Geschichte ACHTUNG Neuzugang Wonne Scrayen erzählt. Eine Frau, deren Vision Martin Margiela zu seiner machte, und die daran fast zerbrach. Der belgischen Frau geht es damit also auch nicht viel besser als der deutschen. Ob das jetzt beruhigend ist? Eher nicht. Aber der Blick nach Osten hat sich gelohnt, allein schon des Gedichts von Juliane Liebert wegen.
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