ACHTUNG Nr. 51: Das Model

Cover 1: Malin Rudnick in Chanel Spring Summer 2026 Haute Couture photographed by Julia von der Heide and styled by Markus Ebner. Cover 2: Lisa-Marie Koroll in Auralee and jewelry Tiffany & Co. photographed by Julia von der Heide and styled by Markus Ebner.
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Irgendwie war sie ja nie wirklich weg. Und doch unterschied sich, was man letztes Jahr erblicken konnte, von den ausgewählten Malen zuvor, an denen Claudia Schiffer von Zeit zu Zeit aus dem Model-Olymp herabstieg, um sich etwa für ein Elle-Cover hier (zu ihrem 50. Geburtstag), eine Rhode-Kampagne dort (für Hailey Biebers Hype Beauty-Marke) oder bei Versace (zusammen mit ihren Supermodel-Kolleginnen) auf dem Laufsteg zu zeigen, dass sie immer noch Deutschlands Nationalschönheit ist. Auf einmal war sie nämlich von Chloé, Versace, Balenciaga bis Tommy Hilfiger in vier Kampagnen gleichzeitig zu sehen. Bahnt sich da etwas an? Ein Comeback etwa?
Der richtige Zeitpunkt wäre es ja. Schon lange und immer wieder wurde dem aktuellen Zeitgeist ja konstatiert, dass er eine Schwäche für die Looks, Moden und Musik der Neunzigerjahre habe. Wie Zeugen einer unbeschwerten Zeit in unserer verkanteten Gegenwart. Wer dieses Jahrzehnt durchlebt hat, will zurück dorthin. Und viele Jüngere ehrlicherweise auch (laut Studien knapp 40 Prozent der deutschen und fast 70 Prozent der amerikanischen Gen Z). Selbst die Berlinale widmete dem Kino der Neunziger gerade eine eigene Retrospektive: Lost in the 90s. Schon klar: Die Luft war sauberer, die Musik besser, die Menschen freundlicher, das Leben einfacher. Und das Modeln irgendwie auch.
Models, das waren damals langbeinige, seidenhaarige, elfenhafte Wesen, die die glorreichen Tage der Mode prägten, die mit berühmten Fotografen legendäre Fotos machten, enge Beziehungen zu großen Designern und noch größeren Musikern pflegten und auf einmal von Gala bis MTV überall zu sehen waren.
Models wie Cindy, Naomi, Linda, Christy, Claudia und Kate waren auf einmal der Star der Show, die Kleider fast nebensächlich. Sie haben neu definiert, was es bedeutet „ein Model“ zu sein und sind heute noch jenes fast unerreichbare Vorbild für den großen Traum vom Modeln. Problem nur, mittlerweile gibt es viel zu viele Gesichter, die sich allzu oft auch noch selbst auf Social Media bewerben. Auch Magazine, einst die Herrscher über Trends und Coverstars, entscheiden heute kaum noch über die Karrieren eines Models. Jeder kann ein Model sein. Nur eben kein Supermodel.
Die ganze Demokratisierung der Mode hat das Business so groß gemacht, dass die Mode einfach zu groß geworden ist, um sie auf einige wenige Personen zu beschränken. Mädchen schaffen sich ihre eigene Plattform auf Instagram oder TikTok, niemand muss mehr auf der Straße oder im Einkaufszentrum entdeckt werden. Und die meisten Frauen, die heute als „Supermodel“ bezeichnet werden, sind Influencer, Nepo-Babies aus reicher Familie und Model in einem. Gigi und Bella Hadid oder etwa Kendall Jenner und Kaia Gerber zählen eine millionenschwere Followerschaft, kommen aus berühmtem Elternhaus und sind zufällig so schön, dass sie für die großen Brands laufen dürfen.
Wer heute „super“ werden will, braucht zuerst Reichweite. Das weiß auch der Hamburger Julian Niznik. Vice President von IMG Models, einer der einflussreichsten deutschen Player im internationalen Modelgeschäft, unser Made in Germany – und als ihr Agent nicht zuletzt ganz unbeteiligt am Comeback von Claudia Schiffer. Und trotzdem tauchen sie auf. Die Ausnahmen. Jene Models, die aus der Flut der neuen Gesichter herausragen. Wie Malin Rudnick, newcomer of the season, die in ihrer ersten Saison für Prada, Louis Vuitton und Chanel auf allen relevanten Shows lief – und sich mit Claudia Schiffer nicht nur die Haarfarbe, sondern neben zwei Kampagnen (für Balenciaga und Chloé) auch den German-Fräuleinwunder-Look teilt. Sie hat unseren Modedirektor Alex Rottenmanner zusammen mit Fotografin Laura Schaeffer in ihrer Heimat in Brandenburg am Seddiner See besucht.
Malin ist übrigens, wie die zweite Deutsche in dieser Ausgabe, Lia Marie Mielke, der Beweis, dass das klassische Scouting in den Shopping-Zentren dieser Welt doch noch funktioniert. Die Hamburgerin Lia Marie wiederum ist außerdem der Beweis, dass eine Modelkarriere auch mit 24 Jahren noch einmal richtig starten kann. Entscheidend sind, so kitschig es klingen mag, der richtige Moment, ein klarer Look, harte Arbeit und eine durchaus gesunde Distanz zum Business. Eine Haltung, die nebenbei Cindy Crawford in der New York Times nüchtern so formulierte: “I modeled’, it’s not, ‘I am a model.’ It’s a verb to me. It’s not an identity.”
Vielleicht genau die richtige Attitüde für die ambivalente Zeitstimmung, in der wir uns gerade befinden, und in der keine:r so genau weiß, ob wir jetzt alle bald in die Pre-Internet-Ära zurückfallen oder uns die Künstliche Intelligenz bald ganz auslöschen wird. Apropos, Künstliche Intelligenz. Neuerdings kreieren Programme wie Midjourney digital generierte Frauen, die von herkömmlichen Models für Kund:innen kaum zu unterscheiden sind. Zuletzt machten sich die Moderiesen Mango und H&M und Marken wie Levi’s und Guess das Roboterhirn für ihre Kampagnen zu eigen. Was heißt das also für all die Models aus der realen Welt? Für all jene, die für Präsenz, Körperarbeit und Ausdruck bezahlt werden? Digitale Alternativen werden nicht müde, nicht krank, haben keine Pickel und keinen schlechten Tag. Knochenstruktur, Haaransatz, Posen, Mimik – alles lässt sich simulieren. Fehlerfrei. Und genau deshalb stinklangweilig. Für Budgets eine Lösung. Für eine ganze Branche ein Problem.
Argument der KI-Befürworter übrigens: eingesparte ökologische Fußabdrücke und natürlich, Achtung buzzword, Diversität. Allerdings, diese Diversität würde man schon lange auch so hinbekommen, wenn man denn nur wolle. Stattdessen ist der Tenor gerade eher back to normal, was in der Branche ungefähr so viel heißt wie: klapperdürr und möglichst weiß. Dafür muss man sich nur einmal die letzten Männer-Shows in Mailand ansehen, wo bei Dolce&Gabbana ausschließlich weiße Models über den Runway liefen und bei Prada extra schmale, lange Mäntel von auffallend dünnen Models getragen wurden. Und auch wenn man sich die KI-Models genauer anschaut, erinnert alles stark an das eine, zurzeit gängige Kardashian-Schönheitsideal, dem heute jede 12-Jährige dank Social Media und massivem Beauty-Marketing nacheifert: Kleopatra-Nase, Rehaugen, hohe Wangenknochen und volle Lippen. Plastische Chirurgie sei Dank.
Und was passiert dann eigentlich mit all den Momenten, in denen völlig Unerwartetes entsteht? In denen man gebannt am Laufsteg sitzt oder ein Foto betrachtet und kurz den Atem anhält? In denen Menschen mit Gefühlen und Stimmungen und Leidenschaft Dinge tun? Wie die Fotografin Corinne Day und das Model Kate Moss für DAS ikonische Cover der Neunziger (The Face, 1990) „Alles entstand sehr instinktiv, vollkommen organisch – wir verbrachten einfach Zeit miteinander. Freunde, die zusammen abhängen, sich anziehen, Fotos machen. Wir haben einfach dokumentiert, was da war“, erinnerte sich die Stylistin Melanie Ward später. Das Cover mit Kate und die Federkopfschmuck-Krone verkörperte einen prägenden Moment. Danach war alles anders. Ein Jugendbeben. Der sogenannte dritte Summer of Love.
Wir würden zumindest behaupten, das, liebe KI, lässt sich nicht simulieren. Und eine Malin Rudnick vom See in Brandenburg auch nicht. –NICOLE URBSCHAT







