Acht Nähmaschinen, 26 Frauen
Designerin Dorothee Vogel und Studentinnen aus Sri Lanka entwerfen gemeinsam
May 3, 2024

„You can get it if you really want“, schallt es aus dem Handylautsprecher in einem Nähatelier in Ahungalla, im Süden Sri Lankas. Acht Nähmaschinen, ein Song, 26 Frauen. Dorothee Vogel ist eine von ihnen, sie schaltete Jimmy Cliff auf ihrem Handy an und stellte auf volle Lautstärke. Vogel ist eigentlich Designerin in der Schweiz. Vor über zwanzig Jahren entwickelte sie das Konzept Salon Privée. Sie lädt Frauen in ihren Showroom ein, zeigt ihnen ihre neue Kollektion, berät sie, nimmt individuelle Anpassungen vor und Aufträge an. Ein Couture-Salon in alter Manier aber neuer Form: Als Pop-up eröffnet Vogel ihren Showroom immer wieder an anderen Ort. Jetzt ist sie mit ihrer Idee sogar bis nach Ahungalla gereist, Salon Privée goes Sri Lanka. Vogel reiste jedoch diesmal nicht in erster Linie an, um Frauen ihre Mode zu zeigen, sondern um ihnen zu zeigen, wie man Modebusiness macht. Von Mitte Dezember bis Mitte Februar leitete Dorothee Vogel ein Seminar für Frauen, die von ihr lernten, wie sie selbst Kleider entwerfen, sie nähen und verkaufen und sich ein Business aufbauen. „Jimmy Cliff war unser Song!”, sagt Vogel: „Du kannst es schaffen, wenn du wirklich willst.“

Dorothee Vogels Mode-Seminar in Sri Lanka
Fast 60 Prozent der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie weltweit sind Frauen. Geht es um die schlecht bezahlte prekäre Handarbeit der Branche, sitzen immer noch mehr Frauen an den Maschinen. Geht es um die schillernden, gut bezahlten Jobs, ist es wie in allen anderen Branchen auch: Es sitzen immer noch fast ausschließlich Männer am Konferenztisch. Nur etwa 14 Prozent der Führungspositionen bei den größten Modemarken sind mit Frauen besetzt. Unvergessen der Moment, als nach Sarah Burtons Ausstieg die gesamte Riege der Kering Kreativdirektoren – huch, welch Versehen – plötzlich nur noch weiß und männlich war. Dorothee Vogel hat einfach ihren eigenen Konferenztisch aufgestellt, in Bülach im Schweizer Kanton Zürich – und sich selbst an die Spitze gesetzt. Vogel weiß, was es heißt, sich in der Branche durchzusetzen. Und mit diesem Wissen reiste sie nach Sri Lanka, wo nur jede dritte Frau einen bezahlten Job hat.


„Wir wollten zusammen mit den Frauen eine kleine, einfache Kollektion produzieren, die im hauseigenen Showroom an Gäste verkauft werden könnte“, sagt Vogel. Allein die Basics waren im Atelier in Sri Lanka vorhanden: Acht Nähmaschinen, eine Overlock-Maschine, doch keine Stecknadeln, kein Dampfbügeleisen – Vogel ist also mit Übergepäck angereist. Die Schule, an der Vogel ihren Kurs anbot, schreibt jedes Jahr verschiedene Kurse aus, auf die sich Frauen bewerben können. Wer ausgewählt wird, erlangt am Ende der Ausbildung ein staatlich anerkanntes Diplom. Die Frauen in Vogels Kurs waren zwischen 16 und 40 Jahre alt. „Mein Ziel war es, ihnen das Selbstbewusstsein zu geben, dass sie eigene Modelle entwickeln können. Ihnen zeigen, dass sie handwerklich begabt sind und wir zusammen eine Kollektion entwickeln, die auch verkauft werden kann und ihnen Einnahmen bringt“, sagt Vogel. Sie wollte ihnen zeigen, was sie selbst vor Jahren in der Branche tat: sich eigene Strukturen schaffen. Die Frauen zeigten Vogel im Gegenzug, wie man Nähmaschinen repariert und Gelassenheit bewahrt, wenn wieder aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit eine der acht Maschinen ausfiel. Vogels persönlicher Horror: „Hoffentlich fällt nie eine Nähmaschine aus, dachte ich immer wieder.“ „Madam, we can“, sagten die Frauen zu ihr.

„Unser Handwerk ist überall grundsätzlich gleich“, sagt Vogel. Einige der Frauen sprachen kein Englisch, sie kein Singhalesisch und Tamil. Doch die Abläufe und Handgriffe beim Schneidern kannten viele Frauen, sie sind dort wie hier gleich. „Völkerverbindend“ nennt Vogel die Arbeit ohne Worte, nur mit den immer gleichen Handgriffen. Der Zugang zu Materialien ist jedoch ein anderer. Während in der Mode in Deutschland oder der Schweiz immer noch viel weggeworfen, überproduziert, verschwendet wird und Designer:innen erst langsam wieder zu langsamer, nachhaltiger, sparsamer Mode zurückfinden, haben die Frauen in Sri Lanka ein komplett anderes Verhältnis zu Stoffen und Werkzeugen: „Es wird nichts weggeworfen, es wird repariert oder aufbewahrt. Die letzten kleinen Stoffreste wurden sorgfältig eingesammelt und säuberlich zusammengefaltet“, sagt Vogel.
Am Ende des viermonatigen Kurses veranstaltete Vogel mit ihren Studentinnen ein Shooting, jede trug ihren eigenen Look. Und vielleicht lief wieder Jimmy Cliff. „Das Projekt ist gelungen“, sagt Dorothee Vogel heute, einige Monate nach Ende des Kurses, „Die Frauen nähen jetzt selbstständig die Modelle.“
Du kannst es schaffen, wenn du wirklich willst
Aber du musst es versuchen, versuchen und versuchen
Versuchen und versuchen, du wirst endlich Erfolg haben
Schau her.



