Geisterstadt

Das Fashion Museum Antwerp entmystifiziert die Marke Antwerp Six

Vier Jahrzehnte nach ihrem legendären Durchbruch prägen die Antwerp Six die Modewelt noch immer. Eine neue Ausstellung im MoMu – Fashion Museum Antwerp entmystifiziert die Marke Antwerp Six.  

Die gesamte Weltwirtschaft hat sich auf ein und dieselbe Zeitrechnung geeinigt: Vor und nach Christus, orientiert am angenommenen Geburtsjahr von Jesus Christus. Doch in Antwerpen ticken die Uhren anders. Es gibt ein anderes Davor und Danach: vor und nach den Antwerp Six. Wann immer man über Designer*innen spricht, die in Antwerpen ihren Abschluss machten, hängt man ein „Abschluss vor“ oder „Abschluss nach“ den Antwerp Six an. Die Stadt richtet ihre Zeitrechnung an ihren eigenen Gottheiten aus – namentlich: Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dries Van Noten, Dirk Van Saene, Marina Yee – und weil bei Gott niemand außerhalb von Belgien diese Namen aussprechen konnte, wurden sie zu den Antwerp Six. So die Erzählung.

Introduction in The Antwerp Six at MoMu – Fashion Museum Antwerp, 2026, © MoMu Antwerp, Photo: Stany Dederen

Introduction in The Antwerp Six at MoMu – Fashion Museum Antwerp, 2026, © MoMu Antwerp, Photo: Stany Dederen

Antwerpen war lange ein modisches Niemandsland. Paris, Mailand, London, in dieser Auflistung hätte sich niemals Antwerpen eingereiht. Das änderte sich Mitte der 1980er Jahre, als sechs junge belgische Designer*innen nach ihrem Abschluss an der Royal Academy of Fine Arts Antwerp gemeinsam in einem Bulli nach London aufbrachen. Sie wollten ihre Entwürfe auf der Londoner Modewoche zeigen. Mit ihren innovativen und kreativen Kollektionen erregten sie unerwartet großes internationales Aufsehen, darunter auch ihren ersten Auftrag von Barneys New York. Sie veränderten die Modewelt ein Stück weit, vor allem aber den Ruf Antwerpens, das von da an als Kaderschmiede und Zentrum der modischen Nachwuchstalente verstanden wurde. Dem Ruf der Sechs nach Antwerpen folgten seither etliche aufstrebende Talente.

Wie konnte aus sechs jungen Absolvent*innen und einer vergleichsweise unauffälligen Modeschule eine Bewegung entstehen, die eine ganze Industrie nachhaltig verschob? Und warum wirkt dieser Moment bis heute nach? Genau diesen Fragen widmet sich die neue Ausstellung im MoMu – Fashion Museum Antwerp, mit dem einfachen Titel: The Antwerp Six. 

Antwerp has developed into a fashion reference: VETEMENTS Antwerp Hoodie from 2018

Antwerp has developed into a fashion reference: VETEMENTS Antwerp Hoodie from 2018

Zwei Jahre lang hat das Team an der Ausstellung gearbeitet, sprach mit allen sechs Designer*innen. „Die Erinnerungen waren bei allen sechs sehr unterschiedlich“, sagt Geert Bruloot, Gastkurator, Freund der Sechs und der Mann, der sie vor über 40 Jahren überhaupt zusammenbrachte. 

Im Museum beginnt diese Geschichte mit einem Zeitstrahl, der Einflüsse, Ausbildungsjahre, Klassenfotos, Fittings und erste Experimente der sechs Designer*innen zeigt. Der Grundstein für alles, was später kommen sollte und mittlerweile als Antwerp Six in die Mode-Geschichtsbücher eingegangen ist. 

Dabei war der Begriff „Antwerp Six“ nie ein selbstgewählter Name. Er wurde der Gruppe zugeschrieben. Kuratorin Kaat Debo bezeichnet die Marke als einen „Feuchten Traum jeder Marketingabteilung.“ Denn die sechs haben niemals in den Namen investiert, weder Geld noch Inhalte. Und dennoch wurde er zu einer Hypermarke. Überhaupt haben sie als Gruppe nur drei Jahre zusammengearbeitet. Sind fünfmal zusammen nach London gereist. Als sie dann einzeln nach Paris aufbrachen, brachten alle ihre individuelle Karriere nach vorn und beendeten die Kollaboration. Als wirkliches Kollektiv kollaboriert sie nie. „Von außen wurden die Antwerp Six romantisiert, aber es war keine Romanze zwischen den Sechs“, sagt Freund und Kurator Bruloot. 

Förderprogramme des German Fashion Councils

Die Sechs wurden zu einem Mythos. Aber wie macht man einen Mythos für Ausstellungsbesucher*innen sichtbar? 

Die Ausstellung löst das Problem mit einer klugen räumlichen Struktur: Nach dem gemeinsamen Auftakt verzweigt sie sich in sechs Einzelausstellungen. Jede widmet sich den Entwürfen einer der Sechs. Besonders eindrücklich ist die Rekonstruktion von Marina Yees Atelier – ein Raum voller gefundener Objekte, meist kaputtes, wertlos Erscheinendes, in dem Yee einen Wert erkannte. Marina Yee verstarb im November 2025, war aber an der Zusammenstellung der Ausstellung bis zu ihrem Tod beteiligt. 

Kuratiert wurde die Ausstellung neben Geert Bruloot von den MoMu-Kuratorinnen Kaat Debo und Romy Cockx. 

Oft versuchen Retrospektiven rückblickend allen Aspekten eines Werkes und einer Karriere Sinn zu geben – den Masterplan hinter einem Durchbruch zu entschlüsseln. Das versucht die Ausstellung erst gar nicht, erklärt Kuratorin Kaat Debo. Die Ausstellung macht deutlich, dass die Antwerp Six weniger das Ergebnis einer Strategie war als vielmehr eine Kettenreaktion glücklicher Zufälle. Sechs außergewöhnlich talentierte Designer*innen zur gleichen Zeit an der Royal Academy of Fine Arts Antwerp – ein Zufall. Eine globale Modeszene, die zu genau dieser Zeit nach neuen Impulsen suchte – ein weiterer Zufall. Eine belgische Regierung, die in den 1980ern angesichts einer kriselnden Textilindustrie beschloss, massiv in Nachwuchstalente zu investieren – ein politischer Katalysator, aber auch: ein Zufall.

Dirk Bikkembergs, Spring/Summer 2008, © Photo: Luc Williame

Dirk Bikkembergs, Spring/Summer 2008, © Photo: Luc Williame

Ann Demeulemeester, Spring/Summer 1990, © Photo: Patrick Robyn

Ann Demeulemeester, Spring/Summer 1990, © Photo: Patrick Robyn

 Dirk van Saene, Autumn/Winter 1989-1990, © Photo: Ronald Stoops

 Dirk van Saene, Autumn/Winter 1989-1990, © Photo: Ronald Stoops

Walter Van Beirendonck, Wild and Lethal Trash, Spring/Summer 1993, © Photo: Ronald Stoops

Walter Van Beirendonck, Wild and Lethal Trash, Spring/Summer 1993, © Photo: Ronald Stoops

Marina Yee, Spring/Summer 1988, © Photo: Andrew MacPherson

Marina Yee, Spring/Summer 1988, © Photo: Andrew MacPherson

Dries Van Noten, Spring/Summer 2013, © Photo: Patrice Stable

Dries Van Noten, Spring/Summer 2013, © Photo: Patrice Stable



Heute prägen Absolvent*innen der Antwerpener Schule die internationale Modewelt und ihre Häuser: Meryll Rogge, Demna Gvasalia, Haider Ackermann, Martin Margiela und viele mehr. Ein enormer Einfluss für ein kleines Land.

Kein Ort eignet sich also besser als Antwerpen, um mit einer Ausstellung eine Frage zu öffnen, die über die historische Rückschau hinausschaut: Was braucht es heute, um Talente in der Branche nachhaltig zu fördern? 

Die Antwort liegt – wie üblich, wenn es um Innovation und Fortschritt geht – außerhalb von Museumswänden. 

Zum Beispiel in einem Hinterhof in Antwerpens Stadtzentrum, in dem sich das Unternehmen REAntwerp angesiedelt hat. Durch eine große Glasscheibe können alle neugierigen Passant*innen direkt ins Herz der Brand schauen: Die Nähstube, in der gut 10 Menschen in weißen Kitteln Schnitte abnehmen, Nähte schließen, Kleiderstangen umherfahren. REAntwerp will Nachhaltigkeit, zeitloses Design und lokale Produktion miteinander verbinden. Das Label gründeten der Designer Tim Van Steenbergen und die ehemalige Journalistin Ruth Goossens, die es satt hatte, immer nur über Probleme zu berichten und stattdessen selbst etwas verändern wollte. Die beiden arbeiten mit Geflüchteten verschiedenster Nationen zusammen, die mit ihren handwerklichen Fähigkeiten die Herstellung der limitierten Kollektionen aus recycelten Materialien direkt in der Nähstube in Antwerpen übernehmen. REAntwerp widmet sich damit den großen Fragen der Branche: Wie schonend mit den begrenzten Ressourcen umgehen? Wie das Handwerk in einer Branche stärken, die zusehends automatisierter wird? Und wie den Austausch zwischen Produzent*innen und Konsument*innen fördern?

Dirk Bikkembergs, Autumn/Winter 1995-1996, © Photo: Luc Williame, Model: Stephen

Dirk Bikkembergs, Autumn/Winter 1995-1996, © Photo: Luc Williame, Model: Stephen



Walter Van Beirendonck in The Antwerp Six at MoMu – Fashion Museum Antwerp, 2026, © MoMu Antwerp, Photo: Stany Dederen

Walter Van Beirendonck in The Antwerp Six at MoMu – Fashion Museum Antwerp, 2026, © MoMu Antwerp, Photo: Stany Dederen

Ruth Goossens scheint dabei nichts von großen Namen zu halten, sie schreibt nicht mal ihren eigenen auf ihre Visitenkarte. Es sei nicht wichtig, wer die Brand leite, nur was sie bedeute und erreiche. Doch selbst an diesem Anti-Brand-Ort lassen sich Spuren der Antwerp Six wiederfinden: REAntwerp arbeitet mit alten Stoffen der Marke Dries Van Noten. Überall im Atelier, in etlichen Entwürfen, sind die klassischen Dries Van Noten Prints zu finden. 

Dafür, dass Antwerp Six ein Mythos ist, bleibt bis heute ganz schön viel übrig von den Sechs. Eine Art Geist, der über der Stadt hängt, ein guter. Keiner, der einen nachts heimsucht und erschreckt. 

Diesen Geist erfasst eine ehemalige Studentin der Designerin Marina Yee während einer Stadtführung durch Antwerpen in nur einem Satz: „Marina hat uns immer gesagt, wenn wir das Gefühl haben, nicht in die Industrie zu passen, sollen wir uns nicht versuchen anzupassen, sondern unser eigenes Ding machen.“ 

The Antwerp Six, 1986, © Photo: Karel Fonteyne

The Antwerp Six, 1986, © Photo: Karel Fonteyne

A few years back, we pondered a possible New Antwerp Guard – read more here.

Title image: The Antwerp Six, 1985, © Photography: Patrick Robyn