
Seit fast 30 Jahren vereint das Berliner Architekturduo Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez (Gonzalez Haase – AAS) ihre Gegensätze zu einzigartigen Raumwelten – und versucht in der ruhelosen Modewelt für Licht und etwas Beständigkeit zu sorgen.
Firmly established as Berlin’s go-to fashion and culture institution architects – Demna used them as well – the duo Gonzalez & Haase have just finished the new Aeyde Haus at Strausberger Platz. Hence the perfect interview partners for our Modehaus.

The Aeyde Haus in Berlin, Friedrichshain. Image courtesy of Aeyde

Interior concept designed by Gonzalez Haase – AAS. Image courtesy of Aeyde

Aeyde’s 10 year anniversary was celebrated on 11/11/2025 by unveiling their new offices. Image courtesy of Aeyde
Mitten in Berlin in der Rosenthaler Straße 72 haben Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez einen Raum erschaffen, in dem man sich fühlt, als wäre man von einer Welle verschluckt worden. Nur ohne das Durchrütteln, ohne Wasser im Ohr und ohne Atemnot. Die Architektin Judith Haase und der Szenograf Pierre Jorge Gonzalez haben gemeinsam ein Café entworfen, das keine andere Farbe kennt als Blau. Von der Decke über den Tresen bis hin zum Fußboden, egal wohin man schaut, überall um einen herum, nichts als ein kräftiges Ultramarin. „Als ich das erste Mal zur Tür hereingekommen bin, hatte ich Angst, dass es etwas depressiv auf mich wirken könnte“, sagt der Kellner hinterm Tresen, der heute seine zweite Schicht hat: „Acht-Stunden-Schichten und überall um mich herum die gleiche blaue Farbe, ich habe befürchtet, dass es mich bedrückt.“ Doch es sei genau andersherum: „Es fühlt sich an, als seien die Leute, die hier reinkommen, extrem lebendig. Es ist, als würden sie lauter und aufgeweckter reden“, sagt der Kellner. Vielleicht weil sich das ganze Blau um einen herum anfühlt, als säße man in einer sicheren Höhle. Tatsächlich springen drei Frauen am Nebentisch im Gespräch sehr aufgeweckt von der nervigen Chefin zum vergangenen durchzechten Wochenende – ohne Details auszusparen und völlig unbeeindruckt davon, wer noch so alles mithören kann. Ganz so, als wären sie am sichersten Ort der Stadt. Auch dieser Text lässt sich hier angenehm schreiben. Noch besser aber könnte man sich direkt in einen Videocall einloggen, man wird kaum einen Ort in der Stadt finden, an dem man besser ausgeleuchtet ist als hier im blauen Café Aera: vier Lichtlinien an der Decke, die vom Eingang bis zum Ende des Raumes reichen und perfekt parallel verlaufen, tauchen das Café in ein helles, klares Licht. Doch eine der LED-Lichtlinien ist heute ausgefallen. Das würden Haase und Gonzalez sicher nicht gern sehen. Denn Licht ist alles für sie.
Noch befindet sich das Büro der Architektin und des Szenografen wenige Minuten zu Fuß vom blauen Café entfernt in einer ehemaligen Druckerei. In der zweiten Etage sitzen sich elf junge Menschen – die Haase liebevoll „Die Mannschaft“ nennt – an langen Tischen gegenüber und schauen auf riesige Bildschirme. Wer einige der Raumkonzepte kennt, die Haase und Gonzalez entworfen haben, erwartet in ihrem eigenen Büro Geradlinigkeit, fleckenfreie Aluminiumoberflächen, Betonböden, von denen man essen kann, vielleicht, zumindest aber absolute Ordnung. Doch man kommt im puren Chaos an. Überall stapeln sich Haase- und Gonzalez-Objekte: Holztische, Aluminiumhocker, Untersetzer aus Marmor. Zwischen Styroporbergen und Luftpolsterfolie-Rollen schießt ein struppig weißer Bürohund hervor. Haase und Gonzalez stecken mitten im Umzug ihres gesamten Büros, daher das Chaos. Und dann sagt Judith Haase, lange glatte Haare, komplett in Blau gekleidet, freundlicher Blick, etwas zutiefst Ungewöhnliches: Sie liebe Umzüge. Sogar die eigenen: „Ich mag es, neu anzufangen und mich vom Alten zu befreien.“ 1996 begegneten sich Haase und Gonzalez zum ersten Mal. Sie trafen sich in New York im Kulturzentrum The Watermill Center, wo Haase bereits seit mehreren Jahren mit dem Theaterregisseur und Künstler Robert Wilson zusammenarbeitete. Gonzalez kam als Stipendiat ins Zentrum. Beide wussten sofort, dass sie zusammenarbeiten wollten und dass es ihre Gegensätze waren, die sie zu einem guten Team machen würden: „Wir fanden es sehr interessant, unsere Ideen zusammenzubringen. Ich war immer wieder überrascht von seinen Vorschlägen. Ich fand es viel interessanter, mit ihm als Szenografen zusammenzuarbeiten als mit einem anderen Architekten“, sagt Haase. Er habe über das künstliche Licht nachgedacht, sie über das natürliche – und als Team gemeinsam darüber, wie man beides zusammenbringt, um Räume zu gestalten. „Denn ohne Licht kein Raum“, sagt Haase. Auch nach knapp 30 Jahren Zusammenarbeit wirken Haase und Gonzalez wie zwei Gegensätze. Sie im dunkelblauen legeren Pullover mit einem weißen T-Shirt, das am Kragen hervorblitzt, er im blauen Jackett. Ihr Englisch mit hartem deutschem Akzent, seines mit einem weichen französischem Sing-Sang.

Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez photographed by Jonas Mertens exclusively for ACHTUNG 50
Drei Jahre nach ihrem ersten Aufeinandertreffen, 1999, gründeten sie ihr Studio Gonzalez Haase AAS. Erst in einem 20-Quadratmeter-Büro in Paris. Dann gingen sie nach Berlin, wo sie, weil die Mieten günstig und viele Gebäude leer waren, ein 200-Quadratmeter-Studio bezogen. „Für uns war es der beste Zeitpunkt, um in Berlin anzufangen. Hier gab es kaum Geld. Also haben wir gelernt, wie man mit wenig Mitteln einen Raum aufbaut“, sagt Haase. Die Aufträge in der Stadt kamen Schlag auf Schlag: Die Galerie Nordenhake in Kreuzberg, der Andreas Murkudis Store und der von Acne Studios. „Es war eine jungfräuliche Stadt, man hatte das Gefühl, dass es so viel zu tun und so viel aufzubauen gab. Es war fast so, als hätte die Stadt darum gebeten, erbaut zu werden“, sagt Gonzalez. Etliche Galerien, Bürogebäude, Museen der Stadt tragen bis heute ihre Handschrift. Was sie damals so schnell Fuß fassen ließ, war eine besondere Lichtröhre, die die beiden aus ihrer Zeit in New York mitbrachten und bis dahin in Europa gänzlich unbekannt war: „Wir brachten aus New York eine sehr dünne Leuchtstoffröhre nach Berlin – eine neue Technik, die zuvor noch nie speziell für Kunstgalerien in Europa verwendet worden war. Wir installierten diese Beleuchtung so, dass keine Schatten auf hängende oder freistehende Kunstwerke fielen, indem wir der Gebäudestruktur senkrecht folgten – manchmal wurde sie zu einem schönen, einfachen grafischen Element“ , sagt Haase. Es war das Licht, das den beiden zum Erfolg verhalf. Mittlerweile sind Gonzalez und Haase vor allem auch für die Gestaltung von Modestores bekannt. Die Flagship-Boutique von Balenciaga unter der kreativen Leitung von Demna Gvasalia in Paris, den Antonios Markos Store in Athen, den MCM-Store in München, die Sneaker Hall im KaDeWe, ein Flagship-Store der koreanischen Marke SYSTEM, all das geht auf die Arbeit der beiden zurück. Auch in einer Welt, die immer digitaler wird, sind Luxusmarken immer noch auf ihre physischen Räume angewiesen, Orte, an denen ihre Markenidentität erleb- und greifbar wird.
Immer wieder werden Gonzalez und Haase von internationalen Luxushäusern angefragt, diese Räume für sie zu gestalten. Manche Kunden gäben ihnen die komplette Freiheit, „Carte blanche“, wie Gonzalez sagt. Wie damals Andreas Murkudis, der komplett auf ihre Kreativität vertraute. Andere brächten klare Vorstellungen oder die Geschichte und Tradition des Hauses mit: „Oft arbeiten wir mit Artdirektor:innen zusammen, die eine sehr starke Vision haben. Sie sind kreativ und haben auch eine Geschichte zur Marke“, sagt Gonzalez. Nur dass diese Geschichten ständig neu geschrieben würden. Denn die einzige Konstante in der Modewelt ist, dass nichts beständig ist. Allein in diesem Jahr wechselte Demna von Balenciaga zu Gucci (Balenciaga übernahm daraufhin Pierpaolo Piccioli), Jonathan Anderson verließ Loewe und wurde alleiniger Kreativdirektor bei Dior (bei Loewe folgten die Proenza-Schouler-Gründer). Dieses Kreativdirektor:innen-Karussell bedeutet meist auch alle paar Jahre ein neues Storekonzept. „Die Läden bleiben oft nicht länger als sechs bis sieben Jahre bestehen. Unter sehr guten Bedingungen zehn Jahre. Es ist nicht leicht, kreativ zu sein, wenn man das von Anfang an weiß. Und in diesem Zusammenhang ist es auch sehr schwer, über Nachhaltigkeit zu sprechen“, sagt Gonzalez. Die Designer:innen brächten ihre eigenen Architekt:innen mit. Komme ein:e neue:r Designer:in, käme meist auch ein:e neue:r Architekt:in, um eine eigene, neue Welt zu schaffen, die zu ihren Kollektionen passe. Das sei Teil des Marketings. Einige Marken würden alle paar Jahre einen anderen, neuen Stil präsentieren. „Sie erfinden sich neu, sie holen sich eine:n neue:n Designer:in, die Mode wird neu erfunden, also muss auch der Raum neu sein. Das ist traurig. Aber wir können das System nicht ändern“, sagt Gonzalez.

Balenciaga Store in Paris designed by Gonzalez Haase – AAS in 2017

Munich’s MCM Store designed by Gonzalez Haase – AAS in 2019

Modes Milan designed by Gonzalez Haase – AAS in 2022
Aber sie können das System austricksen. Indem sie abseits von einer Branche, in der die einzige Konstante Wandel ist, für ihre eigene Beständigkeit sorgen: Das Duo launchte daher nun eine Website, die sie simpel „Object“ nennen. Auf ihr verkaufen sie all die Objekte, die sie über die Jahre für verschiedene Raumkonzepte entworfen haben – auch für jene Räume, die es schon gar nicht mehr gibt. Vom Acne-Wandhaken bis zur Lola-Leuchte aus mundgeblasenem Glas. „Wir würdigen damit auch die Arbeit, die in die Entwicklung all dieser Objekte fließt“, sagt Haase.
Ganz am Ende des blauen Cafés in Berlin-Mitte versteckt sich hinter einer blau verglasten Tür eines dieser Objekte. Das man, wenn es nicht so kitschig klingen würde, einen Geniestreich nennen könnte. Drei Monate ununterbrochene Arbeit hat Pierre Jorge Gonzalez in dieses Objekt gesteckt: einen Toilettenpapierhalter. „Toilettenpapierhalter sind der Horror eines jeden Architekten“, sagt Haase. Weil sie meist hässlich seien und nicht durchdacht. „Wenn man nur ein schlichtes Modell herstellt, ohne Abrollbügel als Stopp, rollt sich das Papier unendlich von selbst ab, was sehr unangenehm ist. Also haben wir ihn so designt, dass die Rolle ein bisschen gekippt wird. So einfach ist das“, sagt Gonzalez. Und natürlich ist das Bad, in dem der Toilettenpapierhalter hängt, perfekt ausgeleuchtet.

Gonzalez Haase – AAS: Object “Iso High Table” & “Iso Low Table”

Gonzalez Haase – AAS: Object “Lola Floor Light”

Gonzalez Haase – AAS: Object “Tower Vase Glass”

