Der Berliner Salon ist in seiner Form einzigartig in Europa. Was vor zehn Jahren als kleine, kuratierte Plattform für Nachwuchsdesign begann, hat sich als großangelegte, weiterhin fein kuratierte Werkschau deutscher Talente etabliert. Dahinter stehen maßgeblich Christiane Arp, Chefin des German Fashion Councils, und Marcus Kurz, Gründer von Nowadays, die anlässlich des zehnjährigen Jubiläums im ACHTUNG-Interview auf die Anfänge zurückblicken und über Ziele für die Zukunft sprechen.

Dr. Dagmar Hirschfelder, die Direktorin der Gemäldegalerie, auf deren Initiative Mode und Alte Meister zusammengebracht wurden
ACHTUNG: Ein „Salon“ für Mode – erinnern Sie sich noch, wann genau die Idee dazu entstand?
Christiane Arp: Marcus und ich saßen am Tag nach der Fashion Week völlig frustriert im Hotel de Rome. Wie konnte es sein, dass immer dieselben Designer:innen aus Deutschland genannt wurden? Jil Sander, Karl Lagerfeld, vielleicht noch Tomas Maier. Damit konnte und wollte ich mich nicht abfinden.
Marcus Kurz: Wir waren frustriert, das stimmt. Bei unserem Gedankenaustausch ging es aber besonders darum, wohin die Reise geht und zu analysieren, was der Mode hier fehlte. Unser Gespräch fand, glaube ich, 2013 statt, zu diesem Zeitpunkt wurde Berlin noch nicht strategisch genutzt und es gab auch keine Kapazitäten, Jungdesigner:innen zu unterstützen. Die Frage war, was uns fehlte, um das umzusetzen.
Arp: Ich habe das auch immer aus internationaler Perspektive betrachtet. Nicht das, was wir überall sehen, müsste hier stattfinden, sondern das, was wir bisher nirgendwo sonst sehen. Sonst gibt es keinen Grund, warum irgendjemand nach Berlin kommen sollte. Und dann sagte Marcus, warum machen wir nicht ein größeres, kuratiertes Format, eine Art Design-Leistungs-Show?
Kurz: Es gab eine Reihe von deutschen Designer:innen, die ihren Platz noch nicht gefunden oder sich sogar schon von Berlin verabschiedet hatten. Die Herausforderung war also: Wie kriegen wir diese Designer:innen zurück in die Stadt mit einem Format, das nicht Show und auch nicht Messe bedeutet…
Arp: …und wie erzeugen wir ein „Wir-Gefühl“? Wir brauchten mehr Austausch in Berlin. Kann mir jemand in diesem Zirkel helfen? Wie bekomme ich als Jungdesigner:in Unterstützung? Wir wollten auch zeigen, dass es Menschen aus der Branche gibt, denen es eben nicht egal ist, was mit der Mode in Deutschland passiert. Damit junge Talente wieder mehr Hoffnung schöpfen, sich gesehen fühlen und wissen, es gibt einen Platz für sie, eine Anlaufstelle, die sie fördert und unterstützt.
ACHTUNG: War ein Gedanke dabei auch, Mode Made in Germany nicht zu verlieren?
Arp: In allen großen internationalen Teams arbeiten junge Menschen, die in Deutschland ihre Wurzeln haben, aber vom Bachelor zum Master an die renommierten Schulen ins Ausland wechseln, London, Antwerpen, Mailand, New York, Paris. Es gab kein Förderprogramm hier. Für junge Menschen war es nicht attraktiv, ihr Glück in Deutschland zu versuchen, und wir fanden, das geht nicht. Es kann nicht sein, dass junge Menschen mit vielen Träumen auf die Hochschulen gehen, um dann festzustellen, es gibt ausgerechnet in ihrer Heimat keinen Platz für sie. Deshalb mussten wir ein Fördersystem schaffen, das Mode zu einem Kulturgut in Deutschland macht. Die Gesellschaft sollte sehen, dass Mode hier einen Stellenwert hat und ich bin stolz, dass wir uns eine Glaubwürdigkeit erarbeitet haben. Unsere Branche ist manchmal brutal, und auch wir, der Berliner Salon, müssen uns immer wieder neu entwickeln und überraschen.
ACHTUNG: An welche „brutale“ Herausforderung erinnern Sie sich, die Sie gemeinsam gemeistert haben?
Arp: Es spricht für eine gute Beziehung, dass ich mich nur an die guten Dinge erinnern kann. Natürlich gab es auch schwierige Momente, aber das Gute überwiegt. Ein Highlight war sicher in der Residenz des deutschen Botschafters in Paris, als Karl Lagerfeld zu Besuch kam und sich richtig Zeit für uns genommen hat.
ACHTUNG: Führen Sie uns mal hinter die Kulissen: Wie kann man sich die Auswahl für den Berliner Salon vorstellen, wie entscheidet das Kuratorium und nach welchen Kriterien?
Arp: Wir machen ein 365-Tage-Scouting, das heißt, wir wollen Entwicklungen zeigen und nehmen Designer:innen für einen längeren Zeitraum auf. Darüber hinaus fragen wir uns aber auch, was wir noch dazu addieren können, wie wir es schaffen, die kulturelle Sicht auf Berlin zu vermitteln und aufzuzeigen, wie viele Möglichkeiten diese Stadt an Kunst und Kultur bietet. Mein persönliches Highlight war, den Berliner Salon in das Bode-Museum und die Gemäldegalerie zu bringen. Mit Kleiderbüsten und Schaufensterpuppen und Mode in solch eine Ausstellungsfläche einziehen, das war lange undenkbar und das ist genau das, was wir mit unserer Arbeit erreichen wollten.
Kurz: Einer der Ursprungsgedanken war auch, zu zeigen, wofür Berlin steht. Dass wir hier einen einzigartigen Wert haben. Diese Bilder und Erlebnisse unserer Gäste tragen das dann weit über die Berliner Grenzen hinaus.
ACHTUNG: Wie sehen Sie die Zukunft des Berliner Salons? Welche Ziele wollen Sie noch erreichen?
Arp: Noch mehr Aufmerksamkeit. Dafür, dass Modedesign in und aus Deutschland wahrgenommen wird und unsere Designer:innen am Standort Deutschland ihren Weg gehen können. Der Berliner Salon wird immer eine Investition in die Zukunft sein und hoffentlich eine Plattform, auf der sich vieles vermischen kann: Junge Labels können hier ebenso stattfinden wie Handwerk. Das wollen wir auch gemeinsam mit dem Fashion Council Germany noch konsequenter umsetzen. Wir gehen in die Schulen, sprechen über Berufe in der Modeindustrie, über Nachhaltigkeit. Das ist die Vision, die wir gemeinsam haben: Aufmerksamkeit dafür generieren, welche Bedeutung die Modeindustrie in Deutschland hat.
Kurz: In Zukunft könnten wir den Salon sicherlich auch mal in anderer Form oder an einem anderen Ort stattfinden lassen. Ganz nach dem Motto: „Kommt der Berg nicht zum Propheten, muss der Prophet zum Berg kommen.“




