
Für Präsidentenpaläste wie Modehäuser sind sie normalerweise die Glamour-Garanten: die First Ladies. Auch die Première Dame repräsentiert Frankreich. Bewundernswert, wie Brigitte Macron das durchhält, denn anstatt um Roben geht es bei ihr vor allem um eins: den 24-jährigen Altersunterschied zu ihrem Mann. Für die einen macht sie das zur Ikone moderner Weiblichkeit – für andere zur Projektionsfläche für Frauenhass.
She has been the political spouse who has been seen in the public eye the most in 2024. Normal state visits, the opening of the Olympics, the reopening of Notre-Dame and much more. Brigitte Macron deserves a proper profile.

In der Haut von Brigitte Macron möchte wohl keine Frau stecken. Denn kaum öffnet man X oder liest französische Boulevardblätter, schon stößt man auf Kritik und Häme. Es ist wie so oft, wenn die asozialen Medien zuschlagen: falsch, ungerecht, eklig. Dabei ist sie einfach nur die Frau des französischen Präsidenten. Und sie ist älter als ihr Mann Emmanuel. Und sie ist nicht auf den Mund gefallen. Und sie kleidet sich gut. Aber sollte das reichen, die Première Dame auf allen Ebenen niederzumachen? Zunächst einmal ist das Ageismus, Altersdiskriminierung. Brigitte Macron wurde 1953 in Amiens geboren, sie ist also ganze 24 Jahre älter als ihr Mann, der 1977 geboren wurde. Nach dem Studium arbeitete sie als Pressesprecherin, dann als Lehrerin für Französisch und Literatur – und nebenbei leitete sie Theater-AGs. Mit ihrem ersten Mann, einem Bankier, bekam sie drei Kinder. Am Jesuitengymnasium Lycée La Providence in Amiens lernte sie Anfang der Neunziger den damals 15 Jahre alten Schüler Emmanuel Macron kennen, einen Klassenkameraden ihrer Tochter Laurence, der an ihrer Theater-AG teilnahm. Als er 17 war, kamen sie zusammen. Und wie das so ist: Wenn ein Mann eine Freundin hat, die 24 Jahre jünger ist, ist das ein Grund für kumpelige Anerkennung. Wenn eine Frau einen so jungen Mann hat, ist das ein Skandal. Seit drei Jahrzehnten lebt diese Frau jetzt mit solchen Anwürfen. Dabei steht sie nur für den gesellschaftlichen Trend, dass Beziehungsmuster heute viel offener sind als früher. Gerade in der französischen Gesellschaft, in der ein freierer Geist herrscht als in der deutschen, könnte das ja auch mal anerkannt werden. Aber das Herabsetzen wird nicht enden, solange ihr Mann im Amt ist. Denn was den französischen Präsidenten angeht, wird alles an ihm und seiner Umgebung zum Thema. Als Staatsoberhaupt und als Chef der Exekutive mit weitreichenden Befugnissen in der Verwaltung hat er eine so große Machtfülle wie in Deutschland Bundespräsident und Bundeskanzler zusammen, womöglich sogar noch mehr. Und diese Autorität wird dann auch der Première Dame zugeschrieben. Fairerweise muss man sagen, dass sie die öffentliche Bedeutung auch immer gesucht hat, seitdem sie 2017 mit ihrem Mann in den Élysée-Palast eingezogen ist. Sie widmet sich in offizieller Mission sozialen Projekten, besonders im Bereich Bildung und Kultur, hat ihre Büros im Palast – und bedient mit sorgsam inszenierten Fotos das Bild einer präsidentiellen Familie, obwohl Emmanuel Macron selbst gar keine Kinder hat. Mit einem Wort: Sie weiß, wie sie sich darstellt, und sie unterstützt das Bild des Staatsoberhaupts, der im höfischen Ambiente wie ein Schlossherr über seinen Bürger:innen schwebt.

Dieser Komplex aus Machtfülle und Repräsentationsgebaren ruft in der französischen Gesellschaft, die seit jeher die Revolution liebt, Kritik und Neid hervor, zumal sie an der Seite des jüngsten französischen Staatsoberhaupts seit Napoleon steht. Die Missgunst ist viel stärker als in Deutschland, wo weder die Frau des Kanzlers noch die Frau des Präsidenten Thema teils bewundernder, teils gehässiger Berichte sind. Die meisten Deutschen kennen nicht einmal Elke Büdenbender, geschweige denn Britta Ernst. Und der Quantenchemiker Joachim Sauer konnte sich immer in der splendid isolation seines Fachs verstecken, nahm nicht einmal an der Wahl seiner Frau zur Bundeskanzlerin teil – und blieb auch in den 16 Jahren der Kanzlerschaft Angela Merkels so gut wie unsichtbar. Das alles ginge in Frankreich natürlich nicht, wo auch schon Carla Bruni von 2007 bis 2012 prominent Aufgaben an der Seite ihres Mannes Nicolas Sarkozy wahrgenommen hatte. Aber während Brigitte Macron oft wegen ihres Aussehens, ihrer angeblich zu kurzen Röcke oder der Auswahl ihrer Modemarken kritisiert wird, weil ihr Look unpassend sei für eine Première Dame, musste Carla Bruni sich mit solchen Vorwürfen nicht herumschlagen. Heißt: Man muss in Frankreich schon ein Model sein oder sich betont langweilig kleiden oder am besten beides, um als Präsidentengattin durchzugehen. Symbolisch für die misogyne Behandlung einer nicht mehr ganz jungen Frau war die Bemerkung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Jahr 2017. Als er gemeinsam mit seiner Frau Melania sowie mit den Macrons den Invalidendom besichtigt hatte, standen die Paare zusammen und unterhielten sich. Trump gestikulierte in Richtung Brigitte Macron und sagte: „You know, you‘re in such good shape.“ Dann drehte er sich zum französischen Präsidenten und sagte: „She‘s in such good physical shape. Beautiful.“ Wohlgemerkt: Zu dem Zeitpunkt war Trump schon 71, Brigitte Macron aber erst 64 Jahre alt. Und wie es der Zufall will: Der Altersunterschied bei den Trumps beträgt ebenfalls 24 Jahre, aber in die andere Richtung. Donald Trump selbst glaubte wahrscheinlich, nett gewesen zu sein mit der Bemerkung. Aber zur Misogynie gehört eben auch, dass man Frauen durch falsche Komplimente herabwürdigen kann. Dazu gehört auch das Stereotyp, dass eine Frau „gut in Form“ sein müsse. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass eine ältere Frau zum alten Eisen gehört, wenn sie sich nicht richtig anstrengt, um „in such good shape“ zu sein. Letztlich handelt es sich auch um die strukturelle Misogynie, dass man von Frauen erwartet, in ihrer Funktion als Frau eines Mannes alle Erwartungen zu erfüllen und ihre Rollen korrekt auszufüllen. In ihrer Verfassung, so könnte man die Unterstellungen böse weiterdenken, kann Brigitte Macron sich also noch um Kinder und Enkel kümmern und in den letzten Ecken der Küche putzen. Es zeigt die ungemeine Stärke dieser Frau, dass sie sich von alledem nicht unterkriegen lässt. „La Guerrière“ stand im Januar über einer Titelgeschichte in Paris Match über sie, „die Kriegerin“. Darin war zu lesen, dass es eine ängstliche Brigitte Macron nicht mehr gibt. Sie möge zwar noch immer keine großen Menschenmengen, hauptsächlich aus Angst um ihren Mann – aber Kritik und Häme durch eine erbarmungslose Öffentlichkeit hätten sie stärker gemacht.

Demnach sagte sie kürzlich zu einer Freundin über die Diffamierungen im Netz: „Ich werde mir das nicht gefallen lassen.“ Mehrere Personen, die im Internet Gerüchte über sie verbreitet hatten, hat sie verklagt. Unter anderem wurden Gerüchte aufgebracht und von russischen Trollen massenhaft verbreitet, Brigitte Macron sei trans, sei also früher „ein Mann gewesen.“ Sie wehrt sich mit juristischen Mitteln – und mit modischen. Brigitte Macron ist nicht nur gut angezogen, mit einer Vorliebe für klare Linien, monochrome Entwürfe und unaufdringliche Farben wie Beige, Blau oder Schwarz. Zu offiziellen Anlässen wählt sie meist Kostüme oder Kleider, die ihre Figur betonen, ohne übertrieben zu wirken, schlichte Schmuckstücke und Taschen, oft auch Hosenanzüge. Sogar Karl Lagerfeld mochte ihren Stil – obwohl sie meist nicht Chanel trägt, sondern gerne Louis Vuitton. Und öfter als in den Schauen von Chanel sitzt sie bei Vuitton-Schauen von Nicolas Ghesquière in der ersten Reihe. Aber sie ist auch keine Markenfetischistin und kein Fan von Komplettlooks: Zur Couture-Schau von Stéphane Rolland im Januar trug sie Jeans und Stiefel. L’enfer c’est les autres. – Die Hölle sind die anderen. Brigitte Macron könnte sich leicht in dieses französische Sprichwort zurückziehen wie in ein Schneckenhaus. Aber sie muss raus, in die Öffentlichkeit. Und sie tut es mit bewundernswerter Ausdauer. „Sie beschwert sich nie“, sagt jemand, der ihr nahesteht. Brigitte Macron macht einfach weiter. Und sie kleidet sich wie eine Pariserin, die weiß, wie sie ihr Inneres durch ihre Hülle schützt und stärkt.


