Prada und Politik

Die kommunistische Milliardärin?

Eins ist sicher bei Frau Prada. Nichts wird dem Zufall überlassen. Weder Details am Set einer Modenschau oder falsch-geknöpfte Cardigans bei einer Kollektion, die Künstler:innenwahl für die Ausstellungen in ihrer Fondazione, die Wahl des:der Nachfolgers:in, die Sardellen-/Gurken-Sandwiches, die am Ende der Defilees backstage serviert werden oder ihre Outfits in den seltenen Fotoshoots, die sie der internationalen Presse gibt. Es ist bekannt, dass sie sich in jungen Jahren als Kommunistin identifiziert hat, eine durchaus populäre Haltung im Italien der 70er-Jahre, die sie zwang, ihre anspruchsvolle Ästhetik mit einer politischen Orientierung in Einklang zu bringen. Sie ging für Frauenrechte auf die Straße, nahm an Märschen und Demonstrationen teil, aber während ihre Altersgenoss:innen in Jeans gingen, war Miuccia Prada in Saint Laurent. Für die weltweite Vogue-Titelgeschichte vor einem Jahr im März 2024, wo sie vor der Kamera des Fotografen Stef Mitchell auf dem Balkon ihres Museums in Venedig stand, trug sie einen roten Samtmantel aus ihrer ersten Kollektion für Prada von 1988. Wie es Vanessa Friedman in ihrem Interview in dieser Ausgabe sagt. Mode ist nicht nur Kleidung, sondern auch Kommunikation und das weiß auch Frau Prada. Die Farbe Rot hat im Laufe der Geschichte viele verschiedene Bedeutungen. Sie wird mit Mut, Blut und Krieg im Allgemeinen in Verbindung gebracht, wurde als Fahne des Widerstands verwendet und hat dann ihre moderne Verbindung als Farbe des Kommunismus erlangt. Aber wie kann sich eine Milliardärin als Kommunistin gerieren?

Miuccia Prada on the cover of Vogue March 2024

Bei Prada scheint das aufzugehen. Auch ihre Mode ist Widerstand. Sie hat das Konzept ugly chic erfunden. Sie lehnte traditionelle Schönheitsstandards ab und entschied sich für Models, die bewusst unkonventionell und nach gängigen Maßstäben sogar hässlich waren. Erinnern wir uns an die Holländerin Querelle. Ihre Ästhetik kommt immer von der Frage: Wie kann ich die Erwartung der Rolle oder der Kleidung untergraben? Grobe Unvollkommenheit zelebrieren und die Idee infragestellen, dass Mode immer schön machen sollte. Das Anti, das Kontra und das Hässliche sind die Leitplanken. Ja, man hat sogar oft den Eindruck, dass Prada-Kollektionen einen Hauch der Uniformen haben, die kommunistische Länder bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in den 70er-Jahren trugen. Ihre Kleidung spricht von Unbehagen – ästhetisch, ideologisch und vergänglich zugleich. Dennoch wecken sie Verlangen. Genau dieser Ansatz hat sie zur erfolgreichsten weiblichen Designerin nach Gabrielle Chanel gemacht und nun verteilt sie ihren Reichtum mit Kultur, mit Museen und Ausstellungen.

Dutch model Querelle opening Prada S/S 2012

Prada F/W 2025: Ugly-chic-core 

Deswegen das alles definierende Foto in Venedig im roten Mantel, was für zukünftige Generationen wahrscheinlich immer als erstes im search engine auftauchen wird. Und noch mehr zur Dynamik durch den Spagat. „Ich dachte immer, es gäbe nur zwei edle Berufe: Politik und Medizin. Kleidung herzustellen war für mich ein Albtraum. Ich schämte mich, aber ich tat es trotzdem. Die Liebe zu schönen Dingen herrschte vor“, verriet Miuccia Prada einmal im Interview. Die Fondazione Prada ist ein erfolgreicher Versuch, das Fehlen eines international bedeutenden Museums für zeitgenössische Kunst in Mailand auszugleichen. Es beweist: Prada-Politik wird mit Kultur gemacht.

Dieser Artikel erschien in ACHTUNG 49: Mode als Opposition