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Modehaus: In Mati Sipiora's Werkstatt

Wenn man sich in Berlin-Mitte ins Auto setzt und über die A11 fährt, an verlassenen Ortschaften und kleinen Wäldchen vorbei, landet man nach ungefähr zwei Stunden in Czepino, einem kleinen polnischen Dorf in der Nähe von Stettin.  Viel gibt es dort nicht zu sehen, gerade einmal 500 Menschen leben dort, aber der Möbel-Designer Mati Sipiora hat hier seine kleine Möbel-Werkstatt. Unter der Woche arbeitet er hier ab acht Uhr morgens an Bestellungen, oft bis spät in die Nacht. Das macht ihm aber nichts aus; meistens vergisst er die Zeit, wenn er sich völlig im Schweißen und Polieren seiner Möbelstücke verliert. Die Wochenenden sind der kreativen Arbeit vorbehalten, er zeichnet neue Designs und experimentiert mit verschiedenen Materialien. Für uns hat er eine kleine Pause eingelegt, um von seinem Werdegang und seinen Inspirationsquellen in der Mode und der polnischen Designgeschichte zu erzählen.

Inmitten von Stahl: Mati Sipiora in seiner Werkstatt in der Nähe von Stettin

Erst vor anderthalb Jahren gründete Mati sein Label „Mati Sipiora“ und schon dieses Jahr war er auf dem Salone del Mobile in Mailand mit dabei. Letzte Woche kehrte er gerade von der „Dutch Design Week“ zurück: Keine schlechte Bilanz, wenn man bedenkt, dass seine Marke noch so jung ist. Und auch auf seiner Webseite gibt es bereits Bestseller wie den Poodle Armchair und das Cosmic Tray, beides aus Edelstahl. Manche Besucher*innen kamen wohl sogar gezielt zur Salone oder Design Week, um sich seine Stücke aus nächster Nähe anzuschauen.

Mati’s Bestseller aus Edelstahl, der Poodle Armchair

Mati’s Bestseller aus Edelstahl, das Cosmic Tray

Sein Interesse an der Arbeit mit Stahl kommt nicht von ungefähr – sein Vater besitzt eine Stahlwerkstatt in Polen. Viele seiner ersten Designs entstanden aus Stahlresten, die er dort fand. Als Mati ihm dann erzählte, in seine Fußstapfen treten zu wollen, reagierte sein Vater zunächst zögerlich. Zwar arbeiten beide mit Stahl, doch auf sehr unterschiedliche Weise. Heute ist der Vater stolz auf Matis Weg – schließlich hat er ihm das Handwerk praktisch in die Wiege gelegt.

Nicht nur seine familiären, auch seine polnischen Wurzeln prägen Matis Designs. Denn es gibt viel Design-Geschichte aus Polen: Während des Kommunismus mussten polnische Möbeldesignerinnen mit wenigen Materialien auskommen – und haben trotzdem praktische, gut designte und einflussreiche Designs auf den Markt gebracht. Teresa Kruszewska zum Beispiel wurde für ihre zeitlosen, funktionalen Kindermöbel in Polen und darüber hinaus bekannt. Oder Lubomir Tomaszewski, der expressive Porzellanfiguren gemacht hat. Besonders inspiriert ist Mati jedoch von Julia Keilowa, die für ihn eine Meisterin darin war, Schlichtheit mit Eleganz und Zeitlosigkeit mit Persönlichkeit zu verbinden. Alle drei sind Designer*innen, von denen Mati sich immer wieder in seiner eigenen Arbeit leiten lässt.

Eine von Julia Keilowa (1902-1943) designte Dose

Die polnische Innenarchitektin und Möbel-Designerin Teresa Kruszewska (1927-2014)

Ein Kunstwerk aus Porzellan von Lubomir Tomaszewski (1923-2018)

Aber auch in der Mode findet Mati immer wieder Inspiration – besonders in den Kollektionen von Alexander McQueen und Miu Miu aus den frühen 2000ern. Zwei Marken, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber für Mati macht die Mischung Sinn. Lee’s dunkler, romantischer Stil und seine dramatischen Shows auf der einen Seite, seine unverwechselbare Fähigkeit, Emotionen durch Kleidung auszudrücken. Auf der anderen Seite dann Miu Miu’s verspielte Art mit Weiblichkeit umzugehen. Irgendwo dazwischen hat Mati die Balance zwischen mutig und tragbar gefunden – oder, in seinem Fall, zwischen mutig und sitzbar.

„Man kann keinen Stuhl designen, indem man sich einen Stuhl anschaut.“ Dieser Grundsatz ist Mati in seinem Designprozess besonders wichtig. Für ihn beginnt wahre Kreativität mit der Kunst des Sitzens und der Inspiration aus der Natur. Und es funktioniert prima so, Vogue Poland und Architecual Digest Poland haben schon über seine Arbeit berichtet. Grund zum Höhenflug ist das für ihn aber nicht. Er weiß nicht einmal, ob er je das Label eines „kleineren“ Designers aufgeben möchte. Es geht in um den Familiencharakter seiner Marke und  nicht um den grenzenlosen, internationalen Erfolg. Dafür mag er seine kleine Werkstatt in Czepino auch viel zu sehr.

Mati Sipiora inmitten seiner Möbelstücke