Familienangelegenheiten

Wie viel Geschäft tut Familien gut und wie viel Familie dem Geschäft?

Kaum einen Satz hat Luca Strehle zu Ende gesprochen, da wird das Gespräch schon vom Benachrichtigungston einer WhatsApp-Nachricht unterbrochen. Die müsse er direkt beantworten, bevor es weitergehen kann. Ein Familienmitglied bittet dringend um Antwort: „Wenn die Familie ruft, dann ruft die Familie“, sagt Strehle. Und um genau die soll es heute gehen. Strehle wird heute etwas Ungewöhnliches für einen Unternehmer tun. Er wird vom Scheitern erzählen. Vom Scheitern der Familie Strehle, seiner Familie und ihrer Premiummodemarke Strenesse. Im Gespräch gibt der Firmenerbe Einblick in die Vergangenheit. Es ist sein Versuch, Antworten auf die Frage nach dem Warum zu geben: Warum ist die Familie Strehle, warum ist die Marke Strenesse gescheitert?

Als es vor vier Jahren mit der Marke Strenesse den Bach runterging, begleitete die gesamte deutsche Medienlandschaft ihren „Niedergang“, berichtete über die „Familienfehde“ und über den „Stress bei Strenesse“. In den Mittelpunkt geriet irgendwann Luca Strehle, der Sohn, der ins Unternehmen geholt wurde, um es zu retten und am Ende seine Türen schloss. Die Strenesse-Story erzählte damals von alldem, was eine echte Familientragödie ausmacht: von Liebe, Betrug, Erbe, Machtübernahme, Scheidung, Alkohol, Bankrott. Vielleicht will Luca Strehle mit diesem Gespräch auch ein paar Dinge geraderücken, den Blick auf seine Perspektive lenken.

Dann ist plötzlich Stille. Luca Strehle verabschiedet sich nach dem Gespräch fröhlich und wird sich dann lange nicht mehr melden, keine Mails und Nachrichten mehr beantworten. Hat er zu viel gesagt? Dieser Text stand bereits, war bis auf ein paar Korrekturschleifen bereit für den Druck. Bis ein Anruf kam. Thomas Elsner, Artdirector, ehemaliger Kollege und Freund der Strenesse-Designerin Gabriele Strehle, meldet sich am Telefon. Gabriele Strehle habe ihn um seinen Rat gebeten, unsicher, ob sie knapp zwölf Jahre nach ihrem Ausstieg bei Strenesse endlich bereit sei, öffentlich zu reden. Bisher kennt kaum jemand ihren Teil der Geschichte; ihr Ende bei Strenesse machte sie mit sich allein aus, hielt sich aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurück. Elsner sollte mal vorfühlen. Sein Anruf war die erste vage Ankündigung von Gabriele Strehle. Dann folgte Tage später eine Antwort auf eine Interviewanfrage für diesen Text, die zuvor wochenlang unbeantwortet blieb. Gabriele Strehle will reden. Unzählige Mails, Versicherungen und ein abgesagtes Treffen später erklingt ihre Stimme am Telefon. Sie klingt rau – und leise, wie jemand, die es gewohnt ist, dass ihr zugehört wird. Und mit diesem Gespräch nahm dieser Text eine Wendung.

ACHTUNG konnte neben Gabriele Strehle und Luca Strehle auch mit mehreren ehemaligen Mitarbeiter:innen und mit Freunden sprechen, die über Jahre direkt mit der Führungsebene, mit der Familie Strehle zusammenarbeiteten, die bei Gabriele und Gerd Strehle zum Abendessen am Familientisch saßen, sie in ihrem Ferienhaus am Tegernsee besuchten, sie bewunderten und nun auch zweifelnd auf die Zeit mit ihnen zurückblicken. Michael Pluta, der Insolvenzverwalter der Familie Strehle, ermöglichte Einblicke in den Versuch, marode Familienunternehmen zu sanieren. All das auch, um das Ende des Imperiums der Marke Strenesse zu verstehen. Doch die Strenesse-Ära ist nur eine Seite dieser Geschichte. Die andere ist die Frage: Wie viel Geschäft tut Familien gut und wie viel Familie dem Geschäft?

Thomas Elsner und Gabriele Strehle 1995

Wer hinter die Fassaden der Modekonzerne und ins Handelsregister schaut, könnte meinen: Mode ist Familiensache. Der italienische Modekonzern Tod‘s wird bereits in dritter Generation von der Familie Della Valle geführt, das Luxuslabel Salvatore Ferragamo, das Modehaus Hermès, die Marke Iris von Arnim – alles Familienunternehmen. Sogar der reichste Mensch der Welt, Bernard Arnault, häufte sein schätzungsweise 235 Milliarden US-Dollar schweres Vermögen mit einem Familienunternehmen an: der LVMH-Gruppe.

Zeitgleich passiert jedoch dies: „Glanzloses Ende einer Weltmarke: Escada beantragt Insolvenz“, „Gerry Weber ist pleite: Abverkauf ab sofort, Gutscheine nicht mehr einlösbar“, und: „Größenwahn aus Nördlingen. Erneut ist ein Investor für Strenesse abgesprungen.“ In den letzten Jahren haben immer wieder Familienunternehmen in der Mode Insolvenz anmelden müssen, wurden aufgekauft wie Loewe und Fendi, die von der LVMH-Gruppe geschluckt wurden – andere sind gänzlich vom Modemarkt verschwunden, wie die Marke Strenesse.

Was bleibt, ist die Frage: Woran scheiterten diese Modeclans? Liegen die Misserfolge nur an der instabilen Wirtschaftslage? Oder ist Familie und Firma in der Modebranche doch eine miserable Kombination; ist die Verwandtschaft schlecht fürs Geschäft?

Es ist nicht leicht, Jahre später den Fall eines Modeimperiums zu rekonstruieren, alle Modeclans gleichen schließlich einander, doch jeder Modeclan scheitert auf seine Art. Dies ist der Versuch, sich dem Fall Strenesse aus zwei Perspektiven zu nähern. Aus der des Firmenerbens, der beim Fall dabei war, das Scheitern mitverantwortete und damit gleich eine doppelte Bürde trug: Den wirtschaftlichen Druck und die Familie und ihre Erwartungen – Luca Strehle. Und die, die ihre gesamte Leidenschaft ins Unternehmen gab und der am Ende nichts anderes übrig blieb, als dem Untergang der Marke aus der Ferne zuzusehen: Gabriele Strehle. Es sind zwei Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte.

Spricht Luca Strehle über seine Vergangenheit, über das Familienunternehmen, in das er hineingeboren wurde, sagt er immer nur „die Firma“. Knapp 40 Minuten Gespräch und Luca Strehle nennt „die Firma“ nur ein einziges Mal beim Namen: Strenesse. Einst ein erfolgreiches internationales Premiumlabel aus Nördlingen in Bayern. Ein Multimillionen-Euro-Modeunternehmen, eines der wenigen aus Deutschland, das internationale Anerkennung fand und mit Prada, Gucci oder Armani mithalten konnte. In den besten Zeiten lag der Umsatz bei über hundert Millionen Euro, ca. 400 Beschäftigte, Fotoproduktionen mit Jürgen Teller Mitte der 90er, Schauen in Mailand und New York. Kaum jemand verband Deutschland mit exzellentem Design, mit schlicht-eleganter Mode aus hochwertigen Materialien – von der Ausnahme Jil Sander mal abgesehen – bis die Strenesse-Designerin Gabriele Strehle mit ihrem Designtalent die Kritiker:innen nach Nördlingen rief und ihnen das Gegenteil bewies.

„Das war und ist mein Lebenswerk“, sagt Gabriele Strehle. Fast 40 Jahre hat sie das Design des Unternehmens geprägt. 1973 begann Gabriele Hecke als Maßschneiderin bei Strenesse. Wenige Jahre später ernannte der Geschäftsführer Gerd Strehle sie zur Kreativchefin. Zuvor hatte er das Unternehmen seines Vaters von Grund auf erneuert: neuer Name, neue Zielgruppe, neue Kreativchefin, neues Design. Gemeinsam brachten die beiden das ehemalige Mantelunternehmen zum Erfolg, stritten dabei viel. 1985 heirateten die beiden. Als sein Vater das zweite Mal heiratet, ist Luca Strehle gerade zehn Jahre alt. „Alles war geregelt. Unsere Zweisamkeit, privat und beruflich, lief wie geölt, Debatten hin oder her. Wir galten als das perfekte Paar“, schrieb Gabriele Strehle in ihrer Autobiografie.

Gemeinsam bauten Gabriele und Gerd Strehle aus der bayerischen Provinz heraus ein Powerhaus auf: Staatsmedaille für Verdienste um die bayerische Wirtschaft, Marketingpreis der Düsseldorfer Modemesse Igedo, Forum-Preis der Fachzeitschrift Textilwirtschaft, irgendwann kam sogar Edmund Stoiber, damals Bundesratspräsident, mit Gefolgschaft in Nördlingen vorbei. Die Strehles kleideten Linda Evangelista und Claudia Schiffer ein und Boris Becker 2004 für eine Fotoproduktion. Und sie machten den Nationaltrainer Jogi Löw bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 mit einem einfachen blauen Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt zur Stilikone des Fußballs. „Die Freude darüber, gemeinsam etwas aufzubauen, setzte eine unheimliche Energie frei“, sagt Gabriele Strehle.

Ob es eine gute Idee war, Privates und Berufliches zu vereinen, daran habe sie nie gezweifelt, keinen Gedanken daran verschwendet, was die Kehrseite von einer Beziehung mit einem Vorgesetzten sein könnte. „Es ging ja jahrzehntelang gut“, sagt Gabriele Strehle. Es waren die goldenen, die ertragreichen Strenesse-Jahre.

Strenesse S/S 1995 mit Chrissy Turlington fotografiert von Jürgen Teller

Luca Strehle, Seitenscheitel, Dreitagebart und bayerischer Dialekt, erzählt seine Strenesse-Geschichte in einem Videogespräch. Er und seine Schwester Viktoria Strehle aus erster Ehe sowie Gabriele und Gerd Strehles gemeinsame Tochter Clara Strehle wurden in das Modeimperium hineingeboren. Für Luca Strehle scheint die Firma wie ein weiteres Familienmitglied gewesen zu sein, das jeden Tag mit am Tisch saß und Aufmerksamkeit wollte. Er erzählt von Familienessen, die sich unweigerlich in lange Geschäftsbesprechungen verwandelten: „Familie und Unternehmen sind nicht zu trennen“, sagt Strehle, „Wenn man damit aufwächst und es abends und morgens am Esstisch hört, dann ist man da eigentlich schon immer drin – irgendwas steht immer an und irgendwer muss immer irgendwas entscheiden oder umsetzen. Das war völlig normal.“

Strehle wird erneut unterbrochen vom Benachrichtigungston des Messengerdienstes WhatsApp – die Familie ruft wieder.

Die Modebranche mag offen und kreativ von außen wirken, aber bei den Strehles gab es strikte Regeln: „Die Maxime war schon immer: Wir müssen lernen, wie das Unternehmen funktioniert“, sagt Luca Strehle, der damit aufgewachsen war, dass es normal ist, dass er die Angestellten seines Vaters am Nachmittag im Supermarkt an der Wursttheke trifft. Als kleiner Junge habe er in der Firma gespielt, seinen Vater am Wochenende ins Lager begleitet. Als er alt genug war, mit 13, habe er angefangen, in den Ferien die Firmenwagen zu waschen, Kartons zu falten, Showrooms mit aufzubauen und mit seinem Vater zu Mittag in der Kantine gegessen. Luca Strehle sagt: „Wir kannten das Unternehmen von innen und außen. Das war wie Familie. Ich kannte dort alle und alle, die ich nicht kannte, die kannten mich auf jeden Fall. Ich bin von diesen Menschen dort mit aufgezogen worden.“ Bis sie irgendwann seine Angestellten wurden.

Gabriele Strehle hat den Abgrund gesehen, den Familienunternehmen aufmachen können, wenn man auf einen Schlag beides verliert, Firma und Familie. Von einer wie ihr erwartet man eigentlich Kritik an dem Konzept Familienunternehmen, aber vom Abgrund wolle sie erst später erzählen. Erst wolle sie sagen, wieso sie so viele Jahre im Unternehmen verbracht habe und wieso ein Familienunternehmen eigentlich „die ideale“ Form für eine Firma sei: „Man kennt sich untereinander, man kennt die Stärken und Schwächen der anderen“, sagt Gabriele Strehle: „Alle waren auf der gleichen Ebene, das war mir immer sehr wichtig. Niemand ist besser als der andere und alle waren grundlegend von der Sache überzeugt und legten all ihre Energie hinein. Wir alle brannten für die Marke.“

Währenddessen lebte Luca Strehle seit 1996 schon nicht mehr in Nördlingen. Er studierte in London und Mailand: „Ich habe meine Studiengänge danach ausgesucht, irgendwann mal ein Unternehmen zu leiten.“ Er sagt: „Also leiten zu können, dürfen, müssen. Ich habe das schon sehr gezielt vorbereitet.“

Luca Strehle war mit Mitte Zwanzig bei Strenesse, dann mit Ende Zwanzig für ein paar Jahre Manager bei Daimler, dann wieder bei Strenesse. Zwischenzeitlich machte er aber auch Finanzen und Musikbusiness. Er taucht bei einer Fintech-Firma in München auf, bei einer Heavy Metal Booking Agentur und einer Marketing-Beratungsfirma. Aber für Strenesse war er eben geboren worden.

Zu irgendeinem Zeitpunkt hatten bei Strenesse alle mal die Finger im Spiel. Viktoria Strehle 2008 als Leiterin des Kreativteams der Linie Blue. Etliche Familienmitglieder „egal welchen Grades“, sagt Luca Strehle, seien Teil der Firma gewesen und haben viele Jahre dort gearbeitet. Die Strehles sind ab irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr nur das Power-Duo aus Gabriele und Gerd Strehle, sondern ein klassischer Modeclan.

Nach seinem Exkurs in die Automobilbranche trat Luca Strehle 2009 in die Strenesse-Führungsebene ein. Dafür habe er ein stinknormales Assessment-Center durchlaufen, wie er betont, also Auswahlgespräche geführt und beweisen müssen, dass er seinen Platz im Unternehmen verdient hatte und nicht nur wegen seines Namens dort war. Für eine kurze Zeit waren beide zu diesem Zeitpunkt noch mal gleichzeitig im Unternehmen: Gabriele und Luca Strehle. Drei Jahre später, 2012, stieg er in den Vorstand auf. Im selben Jahr verließ sie das Unternehmen. Ihr Ausstieg folgte fast unmittelbar auf seinen Aufstieg.

„Man wollte mich allmählich ersetzen“, sagt Gabriele Strehle. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch Teil der Familie. „Aus Altersgründen. Aber Kreativität kennt kein Alter“, sagt Strehle. Am Ende sei sie freiwillig gegangen. Strehle räuspert sich. Man kann die Brüche noch hören. Alles hatte sie auf eine Karte gesetzt: Ihre Mitarbeiter:innen wurden ihre Großfamilie, ihr Vorgesetzter wurde ihr Mann, ihre Stiefkinder ihre Kollegen. Familie war alles. Alles war Firma.

Strenesse F/W 2001 mit Amanda Moore fotografiert von David Sims 

„Die Familie war für mich immer etwas sehr Wertvolles“, sagt Gabriele Strehle, und: „Dass ich da Leid erfahren musste, war für mich eine vollkommen neue Erfahrung.“ Gerd Strehle soll Gabriele Strehle mit einer anderen Frau betrogen haben. Am 13. September 2012 wurde offiziell ihr Ausstieg verkündet. Man kann sich nur vorstellen, dass Gabriele Strehle an diesem Tag ein wenig gestorben ist. Sie zog sich aus Nördlingen nach München zurück. Sie habe die Distanz gebraucht.

Luca Strehle leitete indes in Nördlingen den absoluten Neustart ein: neue Filialen und Partnerschaften in Russland, China und Nahost, neue Kreativchefin und neues Design, er wollte erschwinglichen Luxus produzieren. Man legte die beiden Linien Blue und Gabriele Strehle Strenesse zusammen. Für Gabriele Strehle ein schwerer Fehler. Es sei diese Strategie gewesen, die das Ende des Unternehmens, das Ende seiner Glaubwürdigkeit einläutete: „Der Preis wurde gesenkt und das Niveau wurde gesenkt und das konnte nicht aufgehen, weil die Kundin ihren Anspruch nicht einfach senkt“, sagt Gabriele Strehle. Hat die Marke mit ihrem Abgang ihre DNA verloren?

Arthur Siebert, der seinen richtigen Namen hier nicht lesen möchte, hat jahrelang Verantwortung im Unternehmen getragen, hat eng mit Gabriele Strehle zusammengearbeitet, kannte sie als Chefin, als Mutter, als Ehefrau, als Freundin. Er habe großen Respekt gehabt vor dem, was Gerd und Gabriele Strehle aufgebaut haben. Aber als es zum Bruch kam, stand „…der Großteil an der Seite von Frau Strehle. Natürlich. Sie war für uns alle DIE Person, die hinter allem stand“, sagt Siebert. Wenn Gabriele Strehle auf Kundinnen traf, habe man gemerkt, wie sehr diese sich mit Frau Strehle identifiziert haben. „Sie hingen ihr an den Lippen. Das war wirklich unfassbar.“

Und trotzdem sagt Siebert: Gabriele Strehles Ausstieg aus dem Unternehmen sei entgegen vieler öffentlicher Behauptungen und Analysen nicht der Grund für dessen Scheitern gewesen. Was dann?

Nach Sieberts Erzählung läutete bereits die Jahrhundertwende den Abstieg ein, zwölf Jahre bevor Gabriele Strehle das Unternehmen verließ. Strenesse ging 2000 an die Börse und wurde von einer GmbH zur AG umfirmiert. Damit kamen laut Siebert einige neue Vorstände hinzu, die Strenesse die bayerische Gemütlichkeit nehmen wollten, die das Unternehmen mit Gelassenheit an die Spitze der deutschen Modebranche katapultiert hatte. Plötzlich sollte eine Männermarke entwickelt werden, eine Denim-Kollektion sollte ausgebaut werden, ein hauseigener Duft musste entstehen, Gabriele Strehle sollte ein Buch schreiben. Man habe diesem kleinen Unternehmen plötzlich sehr viel abverlangt. „Dazu waren wir gar nicht in der Lage. Es hat dem Unternehmen das Genick gebrochen, dass man so schnell so viel wollte“, sagt Siebert.

Und dann sei da schließlich die Machtübergabe von der älteren zur nachfolgenden Generation gewesen: Er und viele seiner Kolleg:innen hatten Gerd und Gabriele Strehle vertraut, ihrem Gespür und ihrer Vision, erzählt Siebert, sie wussten, dass sie das Unternehmen auf den richtigen Weg lenkten. „Dieses Vertrauen ist mir mit der Nachfolge abhandengekommen“, sagt Siebert. Und meint damit Luca Strehle.

Wenn man Tom Rüsen vom Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) fragt, woran familiengeführte Unternehmen in der Regel untergehen, zeichnet er ein gedankliches Dreieck aus Geld, Liebe und Macht. Innerhalb dieses Dreiecks spiele sich jeder Konflikt in Familienunternehmen ab. Sein Job ist es, Studierenden auf ihren Eintritt als Erben in Familienunternehmen vorzubereiten. Denn die Machtübernahme, so Rüsen, muss gut geplant sein, sie birgt ein großes Konfliktpotenzial, einen wunden Punkt. Nicht selten gehe es mit ihr zu Ende. „Gerade in der Modebranche ist es schwierig“, sagt Rüsen. „Wenn man eine Marke um eine Person aufbaut, muss man sich natürlich fragen: Kann ein Nachfolger diese Rolle ausfüllen? Wie wahrscheinlich ist es, dass das Kind von einem kreativen Kopf auch wieder kreativ ist?“

2014 spitzte sich die finanzielle Lage bei Strenesse dramatisch zu. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass die Familie Probleme mit der Refinanzierung einer fälligen Unternehmensanleihe hat. In der Presse konnte man Luca Strehle dabei zuschauen, wie er scheiterte. „Jetzt droht ihm die Puste ganz auszugehen“, schreibt der Spiegel und fragt sich gnadenlos aufgrund andauernder Verhandlungen für weitere Darlehen, ob Strehle an Größenwahn leide. Dazu ein Bild abgedruckt, auf dem es aussieht, als würde Luca Strehle mit seiner Hand eine Bärenklaue formen. Die Welt schreibt, dass ihm die Kontrolle entgleite. Ihm wird öffentlich vorgeworfen, nicht loslassen zu können, versessen darauf, die Macht zu behalten. War Luca Strehle wirklich der böse Junge des Strenesse-Clans?

Bei Luca Strehle kommt wieder eine WhatsApp-Nachricht rein. Diesmal liest Strehle lautlos und kommentiert nicht, von wem sie stammt, bewegt nur die Lippen, ohne Ton, zeigt keine Miene. „Viele Gründe waren hausgemacht“, sagt Luca Strehle, wenn man ihn nach dem Grund für das Aus für Strenesse fragt. Strehle erklärt sich das Dilemma so: „Wir waren unglaublich stark. Hatten unglaublich starke Leute in der Firma. Genau diese Leute haben dann aber verkannt, dass sich spätestens mit 2003 vieles geändert hat. Der Markt hat sich geändert und die Kundschaft. Man hat gedacht: „Das ist eine Krise, die sitzen wir aus. Haben wir schon immer so gemacht. Stimmt aber nicht.“ Damit habe sich ein schleichender Umsatzverlust ergeben. „Als ich reingekommen bin, haben wir das erste Mal sauber berechnet.“ Die Wachstumsrate habe damals bei minus sechs Prozent gelegen. Die schillernde Weltmarke Strenesse war demnach also bereits seit geraumer Zeit ein Verlustgeschäft.

Beim Thema Geld sei es für Familienunternehmen in der Mode vor allem aufgrund des globalisierten Markts schwierig, erklärt der Experte Tom Rüsen: „Als Familienunternehmen hat man auf dem Weltmarkt einen Nachteil, weil man keinen Zugang zum Kapitalmarkt hat.“ Deshalb schafften es Familienunternehmen kaum, mit dem Wachstum überhaupt mitzuhalten, wenn sie nicht zu einem großen Verbund wie LVMH gehören würden, mit riesigem Cash-Potenzial.

„Es war ein Tod in Zeitlupe“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die ebenfalls anonym bleiben will. Sie erlebte Luca Strehle täglich in der Firma. Die ehemalige Strenesse-Mitarbeiterin ist sich sicher: Das Schiff sank bereits, als Strehle an Bord kam. Ein anderer ehemaliger Mitarbeiter sagt: „Sein Vater hat ihn losgelassen auf etwas, das kaum mehr zu retten war.“ Und vielleicht habe Luca Strehle sich auch ein wenig selbst überschätzt, wollte sich beweisen.

Dutzende Familienunternehmen hat Michael Pluta mit seiner Firma saniert. 2014 hatten auch die Strehles ihn in ihr Unternehmen geholt, um es zu retten. Wie es bei Strenesse lief, darüber muss er schweigen. Diskretion ist Berufsehre. Aber Strenesse ist kein Einzelfall: „Dass Familienunternehmen scheitern, kommt oft vor. Meistens in der zweiten Generation“, sagt Pluta. Bei der Übergabe an die nächste Generation gebe es alle möglichen Variationen an Fehlbesetzungen: „Die eine kann es, aber will eigentlich nicht. Der andere will, aber kann’s eigentlich nicht“, sagt Pluta. In dem Fall kommt Pluta und versucht, das Unternehmen zu retten. „Bei Familienunternehmen hat man dann Menschen vor sich, deren Lebenswerk gescheitert ist und nun wie wertlos erscheint oder zumindest in Schieflage geraten ist. Das trifft die Menschen auch persönlich sehr stark, vor allem die Gründer.“ Im Juli 2020 erklärte Strenesse öffentlich, den Betrieb zum Jahresende einstellen zu müssen.

Gabriele Strehle verfolgte das Ende der Marke aus ihrem sicheren Umfeld in München. Sie selbst habe damals keine Nachrichten gelesen, aber immer wieder von Menschen aus ihrem Umfeld erfahren, wie das Strenesse-Drama sich zuspitzte. Lange vor dem Ende der Marke schrieb Gabriele Strehle in ihrem Buch: „Ich glaube, dass Erfolg auch auf dem Gefühl beruht, geliebt zu werden.“ Dieser Satz sei immer noch wahr, sagt Gabriele Strehle.

Vielleicht also ist ein Familienunternehmen so lange ein gutes Konzept, bis die Liebe vergeht. Und das lässt sich nicht kalkulieren. Es scheint, als seien die Strehles gescheitert, obwohl und weil sie eine Familie waren. Es lässt sich ohne Zweifel sagen, dass auch Gerd Strehle den Großteil seines Lebens der Marke Strenesse gewidmet hat. Vermutlich schon als Kind am Küchentisch mit seinem Vater, später selbst als Geschäftsführer. Um das Unternehmen dann in die Hände seines Sohnes zu legen. Und es scheitern zu sehen. Steht das Ende der Firma noch zwischen den beiden? „Der familiäre Zusammenhalt ist ungebrochen“, sagt Luca Strehle so bestimmt, als wäre allein dieser Satz der Grund, wieso er dem Gespräch überhaupt zugestimmt hat. Er und sein Vater telefonieren immer noch jeden Tag. Vielleicht schreiben sie sich auch WhatsApp-Nachrichten.