Was macht die Kunst?

In Venedig geht sie wieder ab

Wer an Kunst interessiert ist, muss nach Venedig. Alle zwei Jahre jedenfalls, wenn die Stadt wieder zur allseits bekannten Biennale einlädt – einem Ort des Geschehens, voller Menschen mit Kultur. Ein Ort, den wir so detailliert wie möglich einfangen wollten. Dafür haben wir den Fotografen Aaron Bircher an den Canale Grande geschickt: Schon für die ACHTUNG Nr 45 „Citizens of Ukraine“ hat er für uns ukrainische Models foto- und videografisch ganz persönlich und nah eingefangen. In Venedig hat er es mit dem gleichen Auge fürs Detail gemacht. Außerdem hat er uns noch seine Gedanken zu dem Gesehenen mitgeteilt. Fast so, als wäre man selbst dabei gewesen. Und übrigens, Mode war auch im Spiel, Burberry hat den englischen, Chanel den französischen und Tod’s den italienischen Pavilion gesponsert.

In der Aura der Kunst fühlt sich auch die Mode wohl. Verschiedene Labels laden im Rahmen der Preview Days der Biennale zu Parties, Empfängen, Dinners, Eröffnungen. Rick Owens schmeißt eine Party für seine Frau Michèle Lamy, der französische Künstler JR zeigt seinen neu gestalteten Waggon für den Luxuszug von Belmond und Tod’s lädt zum Essen ins bekannte Traditionsrestaurant Harry’s Dolce auf Giudecca.

Auch in der Biennale wird gefeiert. Hier ein paar leere Glaskartons vorm australischen Pavillon, in dem gerade auf die Eröffnung angestoßen wird. Der indigene australische Künstler Archie Moore ist mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Pavillon ausgezeichnet worden.

Den deutsche Pavillon, bespielt von Yael Bartana und Ersan Mondtag, betritt man nach langer Schlange durch einen Seiteneingang, da der Haupteingang mit türkischer Erde zugeschüttet ist. Innen betritt man eine verwahrloste Wohnung, die – ausgestattet persönlichen Gegenständen – an die Familienhistorie von Mondtag anknüpft, dessen Großvater als Gastarbeiter nach Deutschland kam und vermutlich an den Folgen der Arbeit in einem Asbestwerk starb. Wie in einem Tagtraum laufen Performerinnen durch die Tristesse der engen Wohnung–sie kochen, schlafen, gehen dem Alltag nach und alles wirkt unheimlich bedrückend. Der Pavillon gilt als Favorit, wodurch sich die Schlange davor jeden Tag um ein paar Meter verlängert.

Mehr vom deutschen Pavillon 

Presse aus aller Welt berichtet von der Biennale

Der französische Pavillon wird diese Jahr vom Künstler Julien Creuzet bespielt. Auch hier beginnt die Arbeit schon vorm Gebäude mit einer Videowand, die den Bick auf den Eingang versperrt.

Der schweiz-brasilianische Künstler Guerreiro do Divino Amor (auf dem Foto) spielt in seiner Arbeit im Schweizer Pavillon mit der nationalen Selbstdarstellung durch Kultur, die der Ursprung der nationalen Pavillons auf der Biennale vor über einem Jahrhundert war. Ästhetisch passt die Arbeit zu seinem Outfit, mit dem er zur Eröffnung erscheint.

Ein Highlight ist die Arbeit im polnischen Pavillon des ukrainischen Kollektivs Open Group (Yuriy Biley, Anton Varga, Pavlo Kovach). In 2 Filmen sieht man mehrere ukrainische Kriegsflüchtlinge, die die Geräuschkulisse des Kriegs mit ihrer Stimme nachahmen. Wie ein Special Skill, den sie gezwungnermaßen erlernt haben und der sich im Krieg als  überlebenswichtig erweist. Nach jeder Darbietung fällt der Satz “Repeat After Me – Sprich mir nach”, worauf die Besucher*innen am Mikrofon die Geräusche nachsingen können. Wie beim Karaoke, schauen die meisten aber nur zu.

Fast alle Pavillons verteilen Merch, der schnell in ganz Venedig – meistens in Form von Totebags – sichtbar wird. Hier: Ein Sticker mit #RepeatAfterMe, dem Titel der Ausstellung im polnischen Pavillon.

Mehr vom polnischen Pavillon 

Ein venezianischer Hauseingang
Die Arbeit 21 Boulevard Mustapha Benboulaid (Entrance) der algerischen Künstlerin Lydia Ourahmane besteht aus zwei funktionierenden Türen. Die ursprüngliche Holztür (1901) geht auf den Entwurf einer typischen Pariser Wohnung zurück, da die französische Besatzung wollte, dass Algier wie Frankreich aussieht. Davor einen zweite Metalltür mit fünf Schlössern, die in den 1990er Jahren während des Bürgerkriegs hinzugefügt wurde.

Gerhard Steidl (links) kuratierte die Ausstellung „Dog on the Forge“ vom amerikanischen Pop-Art Künstler Jim Dine (rechts) mit 20 Bronzeskulpturen, 7 Gemälden und 5 Zeichnungen, die speziell für den im Palazzo Rocca in Venedig angefertigt wurden. Geöffnet bis zum 21.07.

Dog on the Forge

Für den österreichischen Beitrag spannt die Künstlerin Anna Jermolaewa einen weiten Bogen von ihren persönlichen Migrationserfahrungen bis hin zu Formen des gewaltfreien Widerstands gegen autoritäre Regime heutzutage. Am Spiegel sieht man die Uhrzeiten, zu denen eine ukrainische Tänzerin zu Tschaikowsky’s Schwanensee tanzt, der traditionell im russischen Staatsfernsehen ausgestrahlt wird, wenn sich ein Regimewechsel vollzieht.
Die Ausstellung Number 207 zeigt drei Gruppen von laufenden Skulpturen-serien, die Reza Aramesh speziell als Reaktion auf die architektonische Umgebung der Kirche San Fantin geschaffen hat. Jedes Werk bezieht sich auf reale Gewaltszenarien aus Haftanstalten, die der Künstler durch seine Archivrecherche ausfindig gemacht hat. Es entsteht eine spannende Gegenüberstellung des Figurativen der christlichen Tradition mit Arameshs zeitgenössischen Ansatz.

Geöffnet bis 2. Oktober in der CHIESA DI SAN FANTIN

Kreuzfahrtschiffe wurden zwar aus der Stadt verbannt, doch an Yachten mangelt es nicht.
Wochenmarkt auf dem Boot
Diese unheimliche Ausstellung Thats a Very Large Number A Commerzbau von Hildigunnur Birgisdóttir im isländischen Pavillon zeigt eine faszinierende Auswahl neuer Skulpturen und Installationen, die die seltsamen Beziehungen zwischen uns und unserer Welt der massenproduzierten Objekte beleben. Hier: Eine Pizza aus einem Puppenhaus Spielset, die 3D gescannt und in Originalgröße gezogen wurde.
Blumen in Anna Jermolaewa’s Ausstellung im österreichischen Pavillon
Blumen als Dekoration im Giardini della Biennale
Angelieferte Pflanzen bereit zum einsetzen

Tür verschlossen

Den Canale Grande für wenige Euro mit dem Traghetto überqueren
Bis nach Venedig reicht der Protest

Blick auf Venedig von Giudecca aus dem Harry’s Dolce, der Dependance der berühmten Harry’s Bar. See you soon, Venice!