Leibgericht #47

Martina Tiefenthaler

This is one of our oldest columns which started in our first issue in 2003. A designer or fashion person prepares their favorite dish. About time to change the formula, said Martina Tiefenthaler. She stands for entirely vegan dishes not just with one recipe but via a whole lifestyle.

An diesem Morgen, zum ersten Mal in diesem Jahr, wachte ich in der Wüste auf. Es ist sehr einfach, in der Wüste aufzuwachen, es wird sehr hell und schnell warm, du machst die Augen auf und denkst an die Stadt, die du hinter dir gelassen hast, Los Angeles, mit all dem Überfluss, den Coffeeshops, den Fast-Food-Lokalen, den Reklamen; du siehst den endlosen Sand, trockene Büsche, die keine Früchte tragen, und eine Straße zum Horizont, die nur du gefahren bist. Dann stehst du auf. Ab jetzt ist nichts mehr einfach. Alles was du brauchst zum Leben, musst du mitgebracht haben. Hier ist nichts. Ist ja Wüste.

Ich wollte nichts mitnehmen, was verderben kann: Fleisch, Fisch, Milchprodukte. Nur Gemüse, ein bisschen Öl, vielleicht Getreide, einfach, aber nahrhaft. In LA bin ich in diesen großartigen Supermärkten gewesen, wo es alles gibt, vieles biologisch angebaut, und Smoothies an der Theke. Ich strawanzte durch diese healthy-Lifestyle-Stadteile West Hollywood, Silverlake und Echo Park und musste an Martina Tiefenthaler denken, seit zwölf Jahren lebt sie vegan, kocht jeden Tag so, wie ich es in der Wüste tun will. 

Einmal war ich in ihrer Küche. Paris, mit Blick auf den Park und einen Innenhof, üppiges Grün. Wir haben über ihre Kindheit gesprochen, ihr Aufwachsen in einem österreichischen Dorf, umgeben von Bauernhöfen, Feldern, ihre Oma, mit Erdkeller voller Kartoffeln. Der Gemüsegarten ihrer Mutter, Salat, Kohlrabi, Lauch, Karotten, Bohnen, Zucchini, Kürbis. Vor meinem Aufbruch hierher in die Wüste, als ich noch Empfang hatte, rief ich sie an. „Obwohl Essen für uns so wichtig ist“, sagte sie, „haben viele ein sehr distanziertes Verhältnis dazu. Uns fehlt der Zugang. Dabei ist es für unsere Gesundheit und auch für die Gesundheit der Erde unabdingbar, sich bewusst und informiert zu ernähren.“ Mitte der 90er-Jahre, Tiefenthaler damals Teenager, habe es sich gut angefühlt, Dinge anders zu machen. Sie und ihre Freunde:innen fuhren Snowboard, trugen baggy Jeans und begannen, sich vegetarisch zu ernähren. „Es war frech und provokant. Außerdem konnten wir nicht nachvollziehen, warum wir Haustiere halten, aber die Kühe des Nachbarn essen.“ 

Tiefenthaler zog später zum Modestudium nach Wien, dann nach Paris, um als Designerin zu arbeiten. Ihr erster Job war bei Maison Margiela, dann bei Louis Vuitton als Womenwear-Designerin unter Marc Jacobs und Nicolas Ghesquière. Später gründete sie Vetements mit und wurde dann Chief Creative Officer bei Balenciaga. Immer ernährte sie sich vegetarisch, mittlerweile verzichtet sie auf alle tierischen Produkte, auch Honig. 

Ich bitte Tiefenthaler, mir ein paar Rezepte für die Wüste zu empfehlen. Sie schlägt Hummus vor, selbstgemacht. Mittlerweile bekommt man ihn in fast jedem Supermarkt, doch die Zutatenliste ist meist unnötig lang, mit Geschmacksverstärkern, und Konservierungsstoffen. Ihr Rezept bestehe aus den einfachsten Dingen, sie esse jeden Tag davon: Kichererbsen, Tahin, Zitronensaft, Knoblauch, Salz. That’s it. Dazu ein paar Cracker, selbstgebacken, die nur aus Samen und Hülsen bestehen. Und ein Tofu-Scramble, frischer Naturtofu mit Gemüse, Kräutern und Gewürzen. „Tofu ist ein sehr altes, gesundes Lebensmittel“, sagte Tiefenthaler, „und richtig zubereitet schmeckt er köstlich.“ 

Vor einigen Jahren startete sie ihr digitales Projekt Vegan4000, das bislang auf Instagram @vegan4000 zu sehen ist. Sie möchte Veganismus eine neue Ästhetik geben, kollaboriert unter diesem Namen mit Künstler:innen und Kreativen, teilt Rezepte, Adressen und Tipps. Immer wieder bekomme sie Nachrichten von Followern, die durch sie vegan geworden sind oder zumindest deutlich öfter bewusst vegan essen als zuvor. „Wenn ich mir Zeit nehme, mein Essen selbst zu kaufen und zuzubereiten, lebe ich gesünder, wacher, und glücklicher. Ich weiß, was ich essen muss, damit ich Energie bekomme.“ Gesundheitsoptimierung durch Ernährung.

Was, wenn man dafür keine Zeit hat, frage ich. „Wer keine Zeit zu Kochen hat“, sagte Tiefenthaler, „der will auch nicht kochen. Man hat ja auch Zeit, Serien zu schauen und auf Instagram abzuhängen. Es ist eine Entscheidung.“ Ich gab ihr recht, kaufte die Zutaten und brach ins Nichts auf. In der Wüste angekommen, verstaute ich alles, setzte mich vor meine kleine Hütte und freute mich auf mein veganes Tofu-Scramble-Cracker-Hummus-Frühstück am nächsten Tag. In meinem Bett am Fenster, zum ersten Mal in diesem Jahr, schlief ich in der Wüste ein. Es ist sehr einfach, in der Wüste einzuschlafen. 

Zutaten für Tofu Scramble

Fester Tofu

Lauch

Zucchini

Sojasauce

Olivenöl

Frische Kräuter, etwas Schnittlauch und Petersilie

Kurkuma- und Paprikapulver

Salz und Pfeffer 

1. Lauch und Zucchini in kleine Stücke schneiden.

2. Olivenöl in eine große Pfanne geben, die Gewürze hinzufügen und drei Minuten anbraten, danach Lauch und Zucchini dazugeben und anbraten.

3. Nach zehn Minuten den feuchten Tofu nehmen und mit den Fingern direkt in die Pfanne zerbröseln.

4. Alles zehn, fünfzehn Minuten lang anbraten. Sojasauce, Salz, Pfeffer und etwas Kurkuma für die Farbe hinzugeben.

5. Die Kräuter hacken und unterrühren. 

Zutaten für die Cracker

Leinsamen

Leinsamenmehl 

Sonnenblumenkerne

Kürbiskerne

Sesamsamen

Wasser und Salz

1. Den Backofen auf 180 Grad Celsius (Umluft) vorheizen.

2. Die Leinsamen und das Leinsamenmehl in Wasser einweichen. Es sollte ein klebriger, nicht zu flüssiger Teig werden. Eine halbe Stunde ruhen lassen. 

3. Backblech mit Backpapier belegen und den Teig gleichmäßig verteilen. 

4. Ca. 30 Minuten backen. Die Cracker sollten trocken und goldbraun werden, aber nicht anbrennen. Temperatur gegebenenfalls anpassen. 

5. Aus dem Ofen nehmen, in Stücke brechen, servieren. 

Zutaten für Hummus

Gekochte und weiche Kichererbsen

Tahin

Zitronensaft

Gepressten oder gehackten Knoblauch 

Kreuzkümmelpulver

Wasser und Salz

1. Den Knoblauch pressen und zehn Minuten lang in Zitronensaft einlegen. 

2. Tahin, Knoblauch, Zitronensaft und eiskaltes Wasser in einem Mixer mixen, bis es eine cremige Masse wird. 

3. Die Kichererbsen hinzufügen und bis zur gewünschten Konsistenz mixen. Salz und Kreuzkümmel hinzufügen. Mit Zitronensäure und Gewürzen abschmecken.

4. Direkt servieren oder im Kühlschrank bis zu zehn Tage lang aufbewahren.