
Rimowa lud zum zweiten Mal zum hauseigenen Designpreis in der Berliner James-Simon-Galerie
Bis vor wenigen Jahren war Rimowa so etwas wie das rollende Aushängeschild deutscher Wertarbeit. Das Image der Marke deckte sich weitgehend mit dem Profil ihrer Käufer*innen: ergraut und ein bisschen angestaubt, aber im Kern noch grundsolide. Dann kam LVMH und krempelte alles um. Dem Vernehmen nach hatte Alexandre Arnault seinen Vater, LVMH-Doyen Bernard Arnault, höchstselbst dazu geraten, das Kölner Familienunternehmen zu übernehmen, als erste und einzige deutsche Firma im Reich des französischen Luxusgüterkonzerns.
Bernard Arnault betraute seinen damals 24-jährigen Sohn sodann auch mit der Metamorphose, die aus dem unscheinbaren Kofferhersteller eine global operierende Lifestyle-Marke machen sollte. Als CEO baute Arnault das Produktportfolio aus (Handyhüllen, Rucksäcke, Kleiderbügel), tüftelte an den Preisen, reduzierte Verkaufspunkte und schürte Begehrlichkeiten – Schlangen vor den Stores sind heute längst keine Seltenheit mehr. Dabei machte der Franzose offenbar so einen guten Job, dass er mittlerweile zu höheren Weihen als Vizepräsident bei Tiffany & Co. abberufen wurde.



Dennoch ließ Arnault es sich nicht nehmen, am Montag eigens nach Berlin einzufliegen, wo Rimowa bereits zum zweiten Mal seinen Preis für deutsche Nachwuchsdesigner verlieh. Arnault hatte den ungewöhnlich hoch dotierten Award seinerzeit selbst initiiert, nicht zuletzt, um zu signalisieren, dass selbst unter Pariser Ägide der Kontakt zu den deutschen Wurzeln nicht ganz abhanden gekommen ist. „Deutsches Design hat unsere Marke seit ihren Anfängen geprägt“, erklärt der Franzose Hugues Bonnet-Masimbert, der Arnault 2021 als CEO von Rimowa folgte. „Deshalb wollen wir es nicht nur in Ehren halten, sondern auch dazu beitragen, es zu bewahren und seine Zukunft zu stärken.“

Rimowa-CEO Hugues Bonnet-Masimbert und Rimowa Chairman Alexandre Arnault

In der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel stellte Rimowa sieben Finalist*innen aus über 200 Einreichungen vor. Sie alle hatten zum Thema „Mobilität“ geforscht: Unter den Projekten fanden sich etwa eine barrierefreie Bar, ein System zur Früherkennung epileptischer Anfälle und ein Sharing-Modell zum Sammeln von Abfall. Mentor*innen aus der Branche, etwa von Vitra, Braun und Porsche, unterstützten die Kandidat*innen. So betreute der Designer Sebastian Herkner die Studentin Daniela Lindenberga, die ein tragbares Sicherheitsgerät mit Taschenlampe, Kamera, Mikrofon und GPS-Tracker entwickelte, das vor Übergriffen schützen soll. Sie bekam am Montag eine ehrenvolle Erwähnung – und 10.000 Euro.

Daniela Lindenberga mit ihrem Projekt “IXO”: Ein tragbares Sicherheitsgerät

Der mit doppelt so viel Geld dotierte Hauptpreis ging an die Studentin Janne Kreimer aus Dessau, die eine therapeutische Weste aus beschichtetem Nylongewebe entwickelt hatte. Indem es Akupressurpunkte durch aufblasbare Kammern stimuliert, soll das Kleidungsstück dabei helfen, Angstzustände zu lindern. „Viele Menschen sind Ängsten, Aufregung und Leistungsdruck ausgesetzt und dadurch in ihrer Mobilität eingeschränkt“, sagt die Designerin. Die Tiefdruckstimulation aktiviert das parasympathische Nervensystem und hilft so, Stresssituationen besser zu bewältigen. Mittels eines digitalen 3D-Modells des Körpers wird die Lage der Punkte auf den Körper der Träger angepasst.
Entwickelt hat sie die Weste mit ihrem Mentor Andreas Murkudis. „Ich wusste sofort, dass Janne etwas Besonderes ist“, erzählte der Einzelhändler den (sichtlich gerührten) Eltern nach der Preisverleihung. „Ich hätte das in dem Alter jedenfalls nicht geschafft, aber ich habe ja auch zwei linke Hände.“ Ein Preis wie der von Rimowa sei wichtig, betont Murkudis: Es gebe nämlich gar nicht so viele in Deutschland. „Man würde sich wünschen, dass auch andere große Unternehmen vielleicht mal ein bisschen generöser würden. Aber das zeigt auch, dass Designer*innen, egal ob in der Industrie oder der Mode, hierzulande nicht geschätzt werden. Alle, die etwas sind, mussten sich ihr Ansehen erst im Ausland verdienen.“

Das Siegerprojekt: Eine therapeutische Akupressur-Weste von Janne Kreimer

Rimowa Designpreis Gewinnerin Janne Kreimer mit Mentor Andreas Murkudis
Da entbehrt es einer gewissen Ironie nicht, dass offenbar erst die Franzosen kommen mussten, um deutsches Design auch mit entsprechender finanzieller Schlagkraft ins Rampenlicht zu rücken. Wenngleich konsequent: Mit einem Preis für junge Modedesigner*innen lobt LVMH seit 2013 auch in der Mode den höchstdotierten Award der Branche aus. In diesem Sinne hat Rimowa-CEO Hugues Bonnet-Masimbert eigens den Rimowa Design Prize initiiert. „Er ist Ausdruck unseres Engagements für aufstrebende Talente und soll ein lebendiges Ökosystem kreieren, das nicht nur ein Invest in ihre eigene Zukunft ist, sondern überhaupt in die des deutschen Designs.“


