
Sie bricht Tabus. Sie verbindet das Schöne und das Hässliche. Man will sich von ihren Fotografien abwenden und kann doch nicht wegschauen. Von Nan Goldin ist die Rede. Klar.

Nan Goldin by Megan Kapler
In zwei überschaubaren Räumen der Akademie der Künste hängen 50 ihrer Fotografien, schwarz gerahmt. Eine Retrospektive auf fünf Jahrzehnte. Und obwohl die Ausstellung eher bescheiden gehalten ist, werden ihr doch die Türen eingelaufen. Alle wollen Nan Goldin sehen – sie ist nun mal Zeitgeist, so abgedroschen das auch klingt.

Colette naked with a white boa, The Other Side, Boston, 1973

Thora on my white bed, Brooklyn, NY, 2020
Was macht Nan Goldin weiterhin so faszinierend? Sind es die Widersprüche in ihren Fotos, die darin abgebildeten, harten und doch so persönlichen Schicksale, die uns nach wie vor schockieren und in den Bann ziehen? Der Einblick in New Yorks Subkulturen der 80er Jahre? Oder ist Nan Goldin Kulturgut, das man gesehen haben muss? Die Besucher:innen unterscheiden sich stark voneinander, zwischen Wochenzeitschrift-Leser:innen Mitte sechzig trifft man auf junge Typen mit einseitigem Ohrring und gethrifteten Lederjacken.


Was diese Nan Goldin Ausstellung aber frisch wirken lässt, sind Exponate die an der Modefotografie kratzen. „Colette naked with a white boa“; „Trixie on the cot“; „Thora on my white bed” – Die Bilder zeigen neben schillernd-elendigen Figuren, deren Leben man sich in selbst den kühnsten Träumen vermutlich nur annährend ausmalen kann, auch die Kleidung, die sie tragen. Gerade das Plakatmotiv – ein Mädchen, zusammengesunken auf einem Feldbett rauchend, die Schleife hängt lose in ihrem schwarzen Haar, ihr weißes Tüllkleid ist mit rotem Saum und Blumen verziert – rätselnde Betrachter:innen sichtlich am Überlegen ob das Sujet vor einem Wut-, Trauer- oder Lachausbruch steht – typisch Goldin eben. Diese Kleidung erweitert den Vorstellungsraum, das Foto wird durch kulturellen und zeitlichen Kontext ausgedehnt und noch diffuser. Gleichzeitig eröffnet sich damit die Möglichkeit Goldins Bilder auch im vestimentären Kontext zu verstehen, oder zumindest es zu versuchen.

Trixie on the cot, New York City, 1979
Das Kunstmagazin Monopol kürte Nan Goldin kürzlich zum Bestandteil der Top 100 der Kunstwelt-Liste. Ihre Fotos dokumentieren ihre Aufenthaltsorte, darunter natürlich Berlin und New York, vor allem in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts.
Man:frau kann gähnen wenn über die Unmittelbarkeit ihrer Fotos gesprochen wird, aber letztendlich haben Goldins Bilder Geschichten von Figuren erzählt, die sich außerhalb auferlegter Normen bewegen. Das berührt immer noch.

