The Kids Are (Better Than) Alright

Anna Breit über ihr Fotobuch "Teens (in their room)"

Mayara

Andy

Anna Breit ist für ihr Fotobuch Teens (in their rooms) ins Epizentrum der krassen Gefühle vorgedrungen: ins Jugendzimmer. Leica Kamera M6, Frontalblitz: Sticker an der Wand, Tattoos auf der Haut, Pickel im Gesicht. Blicke, die der Welt noch nicht müde sind. Die Fotografin Anna Breit hat 38 Teenager in ihren Jugendzimmern fotografiert und sie über Monate begleitet, um herauszufinden, wie es den Jugendlichen heute im Vergleich zu früher geht und: Sind sie wirklich anders als die Jugendlichen der 90er, 00er?  

Benico

Cheng

„Ich würde nicht gern noch mal Teenager sein“, sagt die österreichische Fotografin Anna Breit. Anna ist mit 16 von zu Hause ausgezogen, um in einem besetzten Haus zu leben und hat ihre Eltern und die The Rasmus- und Antifa-Poster in ihrem Jugendzimmer für eine Zeit zurückgelassen. Anna war damals Punk. „Diese Zeit hat den Menschen geprägt, der ich heute bin“, sagt Anna Breit am Telefon. 

Gedeon

Livia

Für ihre Fotoreihe hat Anna Jugendliche auf der Straße und über Social Media angesprochen und angeschrieben. Sie hat mit ihnen gemeinsam Musik gehört, ihre Freunde, Familie und Haustiere kennengelernt, gemeinsam Liebeskummer gehabt und über Schule, Lehrer:innen und Politik gesprochen. Über Themen, die Teenager:innen bewegen wie alle anderen Menschen auch, nur vielleicht alles ein bisschen heftiger, ein kleines bisschen intensiver. Anna ist mit ihren Fotos in gewisser Weise ins Epizentrum der krassen Gefühle vorgedrungen, wo vieles zum ersten Mal passiert, das erste Mal Liebeskummer, der erste große Streit mit den Eltern, das erste Mal Türenknallen und Körper erleben: im Jugendzimmer. Wo die ewig Jetzigen, die im Moment leben, Gefühle fühlen und sich bis zum Gehtnichtmehr in Songtexten verlieren, die ewig Morgigen, die immer an die Konsequenzen denken, was es noch zu erledigen und zu erreichen gibt, vor der Zimmertür aussperren. In den Zimmern, in denen sich Kinder von Eltern abgrenzen.

Ivy

Lori

Jugendliche sind launisch, nervig, hören grauenvolle Musik und tragen affige Klamotten. So müssen Erwachsene über Teenager denken – das ist fast schon ein Naturgesetz, auf jeden Fall aber Teil des Generationenvertrags. Wie Jugendliche über Erwachsene denken, ist auch kein Geheimnis. Sie brüllen es ihnen quer über den Küchentisch ins Gesicht, sprayen es an Hauswände oder ritzen es in Tischplatten. Wer in dieser Lebensphase geradezu angepasst ist, wird fast zum Sorgenfall – nach dem Motto: Wenn sie jetzt nicht durchdrehen, wie sollen sie dann später mal zurechtkommen? Aber wie viel Platz ist da noch zum Durchdrehen, zum Aus-der-Reihe-Tanzen und Völlig-losgelöst-Sein, neben einer Pandemie, der Klimakrise, neben Kriegen und Zukunftsängsten? Wo ist noch Platz fürs Jugendlichsein?

Luma

Nico

Wo dürften die Antworten auf diese Fragen liegen, wenn nicht auf den verdreckt-verkrümelten Böden, den ungemachten Betten, an den zugekleisterten Wänden, zwischen den Wäschebergen und in der vermieft abgestandenen Luft der Jugendzimmer? Die Antworten findet man in gewisser Weise in den Bildern der Jugendlichen in Annas Fotobuch Teens (in their rooms). Zwischen Buchdeckel und Buchrücken sind 38 Teenager:innen-Welten auf 40 Buchseiten gedruckt. Da sitzt Gedeon auf seinem Bett, über ihm im Regal seine Comicbuch-Sammlung und eine angefangene Flasche Parfüm, vielleicht um den Geruch von dem zu überdecken, was man in der Zeit meist oft selbst gar nicht so gern mag: sich selbst. Gedeon, der seine Zukunft noch als Fragezeichen sieht. Eine Seite weiter geblättert, steht man plötzlich in Andys Zimmer, die gern liest und bei ihrem Vater lebt. Noch ein paar Seiten weiter ist da die Welt von Kathi, die mit ihrer Katze auf der Couch kuschelt und gerade Liebeskummer hat. 

Rosa

Shivi

Und haben die Jugendlichen sich verändert im Vergleich zu der Zeit, als die Fotografin selbst jugendlich war? „Eigentlich finde ich sie alle viel cooler als wir damals“, sagt Anna, die übrigens nach ein paar Wochen im besetzen Haus wieder zu ihren Eltern zurückgezogen ist. Es sei das beste Gefühl, sagt die Fotografin, wenn die Generation nach einem cooler sei als man selbst. Es kann also nur besser werden. Die Kids sind besser als in Ordnung. 

Anna Breit fotografiert von Elodie Grethen

Für ACHTUNG Nr. 42 “Hausbesuch” hat Anna Breit das österreichische Model Greta Hofer zu Hause in Wien besucht. Hier klicken um die Strecke zu sehen.

Titel image: Venus