
Tom war – das Wort war geht immer noch schwer über die Lippen – ein großer, bedeutender Fotograf. Seit vier Jahren gibt es ihn nicht mehr.
Er hat sich still aus der Welt der Fotografie verabschiedet. Wobei, so leise muss es für ihn persönlich nicht gewesen sein. Er hat sich mit einem Schuss in den Kopf getötet. Aber er war ein stiller, friedlicher Mensch, der kein großes Aufhebens um seine Kunst gemacht hat. Es passte zu seinem Wesen, dass er sich zeitlebens auf Still Lifes konzentriert hat. Die Inszenierung von Objekten, von Stillleben. In seinem Studio in New York richtete er seine Kamera auf die Sachlichkeit. Wenn er einen Teller mit zwei Wiener Würstchen und Senf fotografierte, dann tat er das mit einer technischen Präzision, die fast chirurgische Tiefenschärfe hatte. Tom war gebürtiger Deutscher, das darf man nicht vergessen. Tom war aber auch – nach 30 Jahren in New York – ein Amerikaner, der den amerikanischen Traum nicht nur persönlich erlebt hatte, sondern genau wusste: Der amerikanische Traum, das ist die Sehnsucht nach Dingen. Die Strahlkraft der Ding-Welt. Materialismus in seiner schönsten Form. Glitzernde Juwelen, schnittige Autos, Luxus pur. Keiner konnte die Objekte der Begierde so schön, so glamourös – und doch so pur – abbilden wie Tom. Kein Wunder, dass sich alle großen amerikanischen Hochglanzmagazine um seine Bilder rissen. Er war der Star der Lifestyle-Fotografie.


Wie gesagt, seine Bilder sind minimalistisch. Radikal. Und gleichzeitig haben sie diese poetische Strahlkraft des Traumhaften. Fantastischer Realismus. Ist es das Licht? Ist es Toms einzigartige Technik?
Tom, so wie es seine Art war, hat nur gesagt: „You must make it pop.“ Ein schöner Satz, so leicht dahin gesagt, und doch: How do you make it pop? Sprich: Du musst der Trivialität ihren Zauber entlocken und sie wird dich in ihren Bann ziehen. Ja, Tom war ein Pop Artist. Ein Künstler in der Tradition von Andy Warhol. Next generation.

Tom Schierlitz photographed by Ralph Mecke at his studio in New York in 2012.
Ich habe Tom kennengelernt dank zweier Freunde, Anton und Markus. Beide sind die Macher dieses Magazins ACHTUNG. Tom hat auch viel für ACHTUNG fotografiert.
Wir haben einige Male Thanksgiving zusammen verbracht. Tom war ein großartiger Gastgeber in seinem Studio in New York. Sein Studio war – vielleicht sogar in erster Linie – eine große Küche. Perfektionismus lag ihm im Blut, auch beim Kochen. Für jede Prozedur hatte er die besten Utensilien, nur das Beste war ihm gut genug. Jeder Küchenchef hätte ihn beneidet um sein hochgerüstetes Chromstahl-Labor. Man muss nur Toms Food-Fotografie anschauen: Die präzise Zubereitung, die exquisite Inszenierung der einzelnen Gerichte, sie entstand hier, in seiner Küche. Mitten im Raum: ein endlos langer Holztisch, gedacht als Zentrum des Geschehens, wenn Tom seinen Freundeskreis zum Essen einlud, zum Beispiel eben an Thanksgiving. Stimmengewirr füllte den Raum, Wein floss in Strömen, ein Gang nach dem anderen landete auf den Tellern, wie von Zauberhand. Einfach köstlich. Tom bediente gleichzeitig sämtliche Herdplatten und Backöfen. Man musste ihn geradezu zwingen, sich einen Moment lang dazuzusetzen und selber was zu essen. Lieber stand er etwas abseits und genoss das Bild, das sich ihm darbot. Er war eher Betrachter als Teilnehmer, so kam es mir zumindest vor. Ein scheuer Mensch, der nicht zufällig Fotograf geworden war.


Sein Loft wäre nicht vollständig gewesen ohne die Höllenmaschine, die stets irgendwo aufgebockt war. Toms Motorrad. Natürlich auch makellos gepflegt und top in Form. Ich kenne mich damit nicht aus, aber Tom geriet ins Schwärmen, wenn er von der sensationellen Technik sprach, die in dem Motor steckt. Sechs Mal ist er auf dem Motorrad quer durch Amerika gefahren, zusammen mit seiner Frau Chrissie (als die Ehe noch Bestand hatte, und er, sie und ihre zwei Töchter eine glückliche Familie waren).


Technik, vielleicht ist das der Schlüssel zu Toms Werk. Seine Technik als Fotograf, bis heute nicht wirklich ergründet. Wie hat er es bloß geschafft, die Dinge so abzubilden, dass sie uns derart lebendig ins Auge springen? In dieser ästhetischen Perfektion gelang das nur ihm. Was ist das Geheimnis seines unverwechselbaren Stils?





