Lange Jahre hat der Rheinländer seine eigene Kollektion für Männermode in Paris präsentiert, ging dann für kurze Zeit zu Holy Fashion Group, deren Label Joop! ins Stolpern geraten war und verpflichtete sich schließlich als Creative Director der „Sport Style Division“ bei Adidas – sprich, er schaut selbst Yohji Yamamoto bei seiner Arbeit für Y-3 auf die Finger. Nach knapp drei Jahren in Herzogenaurach ist es Zeit für eine Bilanz. Verdirbt Corporate Business bei einem internationalen Unternehmen von der Größe den Charakter und ruiniert die Kreativität? Oder lassen sich unter den Fittichen einer großen Marke Visionen umsetzen, die im Alleingang nicht realisierbar sind? Frisch aus dem Flieger, ein wenig unrasiert, aber in tadellos polierten schwarzen Lederschuhen und einem grauen Anzug, der auch bei der imposanten Fast-Zwei-Meter-Größe des Designers noch smart aussieht, gibt Dirk Schönberger Auskunft.
Achtung: ein Mini Fazit zu Deiner Zeit bei adidas?
Dirk Schönberger: Ich bin vor allen Dingen erstaunt, wie gut es mir auf dem Land gefällt. Ich lebe außerhalb, nicht in Nürnberg oder Fürth wie viele andere, die bei adidas arbeiten. Besonders im Winter habe ich es genossen, abends aus dem Auto auszusteigen, in das Dunkel, die Stille und den Geruch von Holzfeuer.
Achtung: Ist die Arbeit auch so genussvoll, oder fehlt Dir die Freiheit, Dein eigener Herr zu sein?
DS: Es kann von Außen so aussehen, als hätte man Handschellen an, aber das ist nicht so. Bevor ich bei adidas anfing, kam ich für eine Stippvisite vorbei und fand es gleichzeitig fremd und spannend. Die Marke, die man lange Zeit nur für ihre drei Streifen kannte hat sich weiterentwickelt und mit Y-3 modisch orientiert und mit Originals die Streetwear wie wir sie heute kennen mit geprägt. Nach innen ist das eine junge, dynamische Firma –
ich bin in Meetings oft der Älteste im Raum, das finde ich super – es hält mich auf den Zehenspitzen. Mich fasziniert auch eine Marke wie NEO mit der wir die Produktionszyklen verkürzen und schneller reagieren können.
Achtung: Du bist Designer – klar bist Du begeistert, wenn Du die Möglichkeit siehst, Deine Entwürfe schneller zum Kunden zu bringen. Wir sehen in fast fashion einen Beschleuniger bei dem die Kreativität leidet – ganz zu schweigen von den sozialen und ökologischen Auswirkungen.
DS: Für mich ist es interessant, Teil einer Firma zu sein, die sich weiterentwickelt. Ich trage Verantwortung für viele verschiedene Teams – das heißt zwei Stunden Neo, zwei Stunden Originals, zwei Stunden SLVR. Da muss ich aus meiner Komfort-Zone heraus und genau das mag ich. Jetzt machen wir Jeans für Originals – mir gefällt die Entscheidung, denn das ist genau das wonach die Konsumenten fragen. Ich bin voller Energie, weil die Firma so beweglich ist. Wenn mir langweilig würde, müsste ich einen Nebenkriegsschauplatz finden. So bin ich abends schön müde.
Achtung: Trägt eine der vielen Kollektionen Deine Handschrift deutlicher als andere?
DS: Am stärksten geprägt habe ich SLVR, da habe ich lange alles selber entworfen. Am wenigsten sichtbar bin ich in der Y-3 Kollektion, die von Yohji Yamamoto und seinem Team gemacht wird. Bei Originals ist meine Arbeit eher konzeptionell, denn ich bin selbst kein Originals-Kunde. Aber natürlich sehe ich, wie sich der Kunde bewegt – momentan weg von einem sportiven und hin zu einem maßgeschneiderten Look. Also James Blake und The XX statt Kirmes-Techno, um es mal mit dem Musikgeschmack der Kunden zu erklären.
Achtung: Du klingst richtig begeistert.
DS: Für mich ist adidas wie ein Spielzeugladen. Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele bunte Sachen, die man anfassen muss.
Achtung: Und Du darfst Dir Freunde in das Spieleparadies einladen. Es gibt die Kooperation mit Raf Simons, der einen High Tech Laufschuh für adidas entworfen hat. Und aktuell eine Zusammenarbeit mit dem Industriedesigner Tom Dixon. Mit dem hast Du gleich eine ganze Kollektion entwickelt.
DS: Ja, Raf kannte ich aus Antwerpen und ich wollte gern mit ihm arbeiten, denn ich schätze seinen Blick auf Jugendkultur und seine modern Vision. Er hat einen Schuh gestaltet, der modisch aussieht, aber eine Performance-Schuh ist. Und es bleibt nicht bei einem Schuh. Tom Dixon ist auf uns zugekommen..
Achtung: ..weil er von einer anderen Sneaker-Kollaboration enttäuscht war, bei der er nur die Farbe der Schuhe bestimmen konnte...
DS: .. und ich mag seine Arbeit. Mit einem Industrie-Designer ist natürlich der Ausgangspunkt ein ganz andere. Was konnten wir machen? Accessoires? Aus dem Prozess hat sich das Set entwickelt, mit dem man eine Woche lang unterwegs sein kann: Es ist alles drin, für jeden Anlass. Schuhe, Kleidung und die Tasche, in der man sein Gepäck trägt.
Achtung: Wenn Du von adidas redest, sagst Du ganz selbstverständlich „wir“. Gehst Du ganz auf in der corporate-Kultur?
DS: Es geht nur ganz oder gar nicht. Und ich glaube ich habe einen guten Realitätssinn. Bei meinem eigenen Label war ich in alles involviert, ich war, gemeinsam mit meinem Partner, für alles verantwortlich – das Design, aber eben auch das Geschäft. Darum muss ich mir jetzt keine Gedanken machen – und das lässt mich die Limitierungen, die es natürlich auch gibt, in Kauf nehmen. Außerdem habe ich mittlerweile genug Erfahrung und bin in einem Alter, in dem ich die stoische Ruhe habe, den Felsbrocken immer weiter den Berg hinaufzuschieben.
Achtung: Hast Du manchmal trotzdem den Impuls, Dein eigenes Ding machen zu wollen?
DS: Ja. In den letzten Wochen hatte ich eine Idee und dann nervt das corporate business manchmal schon. Ich glaube, wer einmal sein eigenes Ding gemacht hat, aus dem bekommt man die Idee, das irgendwann wieder zu tun auch nicht heraus. Aber ein Schauplatz reicht. Das Gute bei adidas ist auch, dass immer dann, wenn ich nach einer Runde langer Meetings denke „Noch ein Turnschuh und ich raste aus“, irgendein Designer von einem anderen Label kommt und mir etwas Neues zeigt. Zuletzt war das der „Boost“-Schuh (ein extrem gut gefederter neuer Laufschuh, Anmerkung d. Red.). Da dachte ich gleich wieder: Juhuu! Und war voller Energie.