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May 12

    Pissende Nazis

    From: Nicole Urbschat

    1. Andreas Mühe by Esther Mathis

    2. Malerische Landschaften, dichte Wälder, strahlend blauer Himmel: Auf den ersten Blick erscheinen die Aufnahmen des Berliner Fotografen Andreas Mühe fast wie romantische Bilder des Alpenvereins. Doch spätestens die Figuren in den Szenarien weisen darauf hin, dass es hier keineswegs um naive Idylle sondern unweigerlich um ein Part deutscher Geschichte geht, in dem Landschaften und Fotografie als Propagandamittel von erheblicher Bedeutung waren.
      Ein Jahr lang hat Mühe sich seinem bisher persönlichstem Projekt gewidmet, das in seiner Inszenierung Zeichen setzt. ACHTUNG sprach mit dem Fotografen Andreas Mühe anlässlich des Gallery Weekends über die fotografische Selbstinszenierung von Diktaturen, den Grusel-Tourismus am Obersalzberg und warum es wichtig bleibt, das Unfassbare einzuordnen.

      Achtung: Die Frage, die sich wohl als erstes stellt: Wie kommt man auf die Idee pissende Nazis am Obersalzberg zu fotografieren?

      Andreas Mühe: Die Idee ist dadurch entstanden, dass ich seit zehn Jahren gerne an großen architektonisch aufgeladenen Einheiten wie dem KdF-Bad Prora auf Rügen oder dem olympischen Dorf in Berlin fotografiert habe. Damals noch in Form von Modefotografie, aber diese Architektur hat mich schon immer interessiert.

    3. SS-Mann am Scharitzkehl, Obersalzberg

    4. Achtung: Prora, Obersalzberg: Orte oder Formen von Ästhetik, die für viele eine Ideologie in sich tragen. Wie löst man die auf?

      Andreas Mühe: Findest Du, dass diese Bilder vom Obersalzberg, eine Ideologie in sich tragen?

      Achtung: Diese Bilder nicht, deinen früheren Arbeiten, die Du angesprochen hast, schon.

      Andreas Mühe: Aber genau das ist der Punkt. Mich hat damals diese Bildsprache fasziniert, die Fotografien und Filme von Leni Reifenstahl und Walter Frentz. Ich möchte mich dem aber nicht mehr einfach nur bedienen, sondern etwas Eigenes dazu sagen.

      Achtung: Also ist das Thema deiner Obersalzberg-Serie ein anderes.

      Andreas Mühe: Ja, es geht um Rückzugsorte von Diktaturen und deren Markierung von Landschaften. Die Nazis haben den Obersalzberg zum Führersperrgebiet abgezäunt und bewacht und im Prinzip einen kleinen Landstrich für sich besetzt, wo sie sich bewegt haben ohne jegliche Form von Öffentlichkeit – außer der eigens Inszenierten. Das ist das Thema für mich: das Benutzen von Landschaften für das eigene Image, für das eigene Größenverhältnis. Was passiert vor einem Berg, wenn Du einen kleinen Mann davor stellst? Er wird Erhabener. Die waren sich dem absolut bewusst. Hier entstanden die ersten privaten Aufnahmen der Führungsriege, eine makabre Inszenierung abseits des offensichtlich Politischen.

      Achtung: Geht es Dir um die Aufarbeitung von Geschichte oder allgemein um die Darstellungsformen von Macht?

      Andreas Mühe: Kunst sollte auch politisch sein. Das ist mir wichtig. Vielleicht geht es am Ende auch um die Fotografie an sich und ihre Darstellungsform von Macht. Der Nazismus, der dieser innewohnt, die Eitelkeit, die Bedeutung der eigenen Person.

      Achtung: Theoretisch könnte man auch sagen, dafür hätte man sich auch mit etwas anderem beschäftigen können. Das „Nazi-Thema“ bietet ja erstmal eine gewisse Angriffsfläche in sich. Warum ist Dir das Thema trotzdem wichtig?

      Andreas Mühe: Womit soll ich mich sonst beschäftigen? Ich möchte an Dingen arbeiten, die mich auch persönlich interessieren. Was dabei herauskommt, was die Leute davon halten, wird sich zeigen. Für mich persönlich ist eine politische Aufarbeitung einfach relevant. Die Zeit sich intensiv damit zu beschäftigen, nimmt sich doch heutzutage keiner mehr. Ich war zweimal fast ein halbes Jahr in Berchtesgaden. Wann nährst Du Dich denn in der heutigen Zeit noch so solchen Fragen an? Das Unfassbare begreifen. Irgendwie muss man die Debatte doch am Leben halten und das Geschehene einordnen.

      Achtung: Deine persönliche Einordnung, den Störer in den Bilder, sieht der Betrachter erst auf den 2. Blick: die urinierenden Nazis. Fängt die Dekonstruktion des Mythos nicht aber schon viel früher an – in dem der Mensch ins rechte Verhältnis zur Natur gesetzt wird? Nach dem Motto: Wer war zu erst da, der Berg oder der Nazi.

      Andreas Mühe: Hier geht es um die Frage, was immer noch nachhallt. Auf manchen Motiven, wie denen im Wald, erscheint der SA-Mann fast wie ein Geist zwischen den Bäumen. Der einfach da ist, den sie auch nie loswerden. Um den Mooslahnerkopf herum haben sie versucht alles wegzusprengen, die klassischen Sichtachsen, die gelernten Bilder aber bleiben. Die Menschen kommen immer noch auf den Obersalzberg um diesen Schauer des Gruselkabinetts zu spüren.

      Achtung: Wird der Obersalzberg dein einziges Motiv bleiben oder wird es eine Weiterführung des Projekts geben?

      Andreas Mühe: Es gibt noch ein paar Motive, die ich vor Ort machen muss, danach werde ich einige Haltungsstudien im Studio umsetzen. Bis Herbst sollte alles fertig sein. Dann fangen wir an ein Buch zu produzieren und 2013 endet alles in einer großen Ausstellung. Grundsätzlich wird mich das Thema, deutsche Diktaturen, aber auch weiterhin beschäftigen. Deutschland ist groß genug, es gibt genug aufzuarbeiten. Der Wunsch, das alles einzuordnen – der wird bleiben.

    5. General am Watzmann, Obersalzberg

    6. Andreas Mühe: „Obersalzberg“, bis 23. Juni 2012, Dittrich & Schlechtriem, Tucholskystraße 38, Berlin.