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April 14

    Modetage Kiew: Zwischen Runway und Revolution

    DownloadFrom: Celina Plag

    1. Smart Activism

    2. In achter Saison tagten vom 27. bis zum 30. März die Kiev Fashion Days, während der junge Designer aus der Ukraine ihre Kollektionen für den kommenden Winter präsentierten. Geschickt nutzte die dortige Modeszene das Großevent, um nicht nur auf ihre Mode, sondern auch die politische Situation des Landes aufmerksam zu machen

      Die Kiev Fashion Days starten in dieser Saison erst mal ohne die Präsenz des Hauptsponsors, Mercedes Benz. Der Großkonzern hatte sich im Vorfeld dezent zurückgezogen, zu unsicher erschien die momentane politische Lage der Ukraine. Das Spektakel abzublasen, kam für Initiatorin Daria Shapovalova (Achtung Frauenzimmer Ausgabe Nr. 25) aber nicht in Frage. Dann eben keine ausschweifenden Champagnersausen am Abend. Lieber eine deftige Borschtsch zur Konzentration auf das Wesentliche: Die Mode. In Zeiten der Revolution.

      2010 rief Shapovalova, die junge Modejournalistin und Vorzeigegesicht der ukrainischen Kreativszene, die Kiev Fashion Days ins Leben. Gedacht sind sie als Plattform für talentierte Nachwuchsdesigner aus der Ukraine und ganz Osteuropa, ihre Ideen im professionellen Rahmen zu präsentieren und so deren Bekanntheitsgrad und Export zu steigern. „Das wichtigste für unsere Designer ist es, im internationalen Kontext zu bestehen und auch außerhalb der Ukraine zu verkaufen. Für unsere kreative Szene sind die politischen Umbrüche und eine Annäherung an Westeuropa deshalb eine große Chance – und eine Modewoche vor internationalem Publikum wichtiger denn je“, so Shapovalova.

    3. Kiev Runway

    4. Das international geladene Publikum, darunter Fotografen, Blogger und Journalisten aus New York und Paris, Kopenhagen und Berlin schickt sie vor den ersten Schauen erst einmal auf einen Spaziergang durch die Stadt. Schließlich heißt es aufzuräumen mit dem Klischee, die Modewelt sei nur nur eine glitzernde Blase. Die glanzpolierten Schlitten samt Fahrer, die dann doch von Mercedes gestellt wurden, bleiben kurzerhand vor den spiegelnden Türen des Eleven Mirrors Designhotels stehen, einem dieser hippen globalen Unterkünfte mit Äquivalenten in Barcelona, Hong Kong oder Paris, wo man auch in Kiew morgens am Frühstückstisch Jungunternehmer weichgekochtes Ei auf ihre MacBooks kleckern sieht. Dass daneben ein gut gelaunter Michael Saakaschwili umringt von finsteren Typen in nicht ganz modischen Anzügen seinen Aufenthalt genießt, passiert trotz internationalem Flair passiert so sicherlich nicht in anderen Ablegern der Design Hotel Group.

      Vom zentralen Eleven Mirrors sind es zu Fuß zehn Sekunden zur Deutschen Botschaft und zehn Minuten zum Maidan. Bei sonnigen dreizehn Grad vergeht der Marsch durch die hügelige Kiewer Altstadt wie im Flug. Friedlich erscheint die Mutter aller russischen Städte, von Ausschreitungen keine Spur. Vor der byzantinisch-barocken Kulisse des goldgekuppelten St.Michaelsklosters knipsen Touristen „Selfies“, dort, wo noch vor ein paar Wochen Verwundete Schutz in den Heiligen Hallen fanden. Gleich um die Ecke hat sich das Kinderkarussell wieder angefangen zu drehen, es gibt Zuckerwatte und Akkordeonmusik. Eine Straße weiter, im Luxusquartier, verrät ein Schaufenster: Bottega Veneta. Coming Soon.

    5. Maidan

    6. Auf dem Maidan zeigt sich aber, dass in Kiew nichts so alltäglich ist, wie es scheint. Noch immer tummeln sich unzählige Menschen auf dem durch Holzblockaden und Schutt geschützten Platz, eine stille Nervosität liegt in der Luft. In Bretterverschlägen wird Suppe ausgeschenkt, Frauen rauchen stolz starke Zigaretten und lauschen den ukrainischen Rednern auf der großen Bühne. Es sind bleibende Bilder, die hier erzeugt werden. Das Chaos aus ausgebrannten Autos, Autoreifen, Geröll und Metallstreben in Symbiose mit kunterbunten Teelichtern und niedergelegten Blumen gleicht einem organischen Mahnmal mit Kunstcharakter, dabei ergreifender und wirklicher, als jede museale Konzeptkunst es zu schaffen vermag.


      Mode für Frieden

      Ganz anders dann die Stimmung im Kiewer Olympiastadion, dem Veranstaltungsort der Fashion Days. Auch hier tummeln sich die Massen, im Schutz von klimatisierten Hallen präsentieren sie sommerliche Prèt-á-Porter an schlanken Körpern, hier und da wird gekichert und geplauscht. Versammelt hat sich alles, was in der ukrainischen Modeszene Rang und Namen hat. Masha Tsukanova, Chefredakteurin der Ukrainischen Vogue, Yaroslava Boyko, Kreativdirektorin von L’Officiel Ukraine oder Oksana Lipskaya, Designerin und Besitzerin des hippen Kiewer Concept Stores Atelier 1, zählen zu den Meinungsmachern. Der Stil dieser modischen Ukrainerinnen scheint wie für Kameras gemacht: Bunte Farben und ausladende Opulenz ist ihr gemeinsamer Nenner, dabei sind sie weniger behangen als ihre russischen Nachbarinnen. Wer es sich leisten kann trägt Créateur, Schlüssellooks von Miu Miu oder Saint Laurent, Balenciaga und Céline – und nicht bloß deren Handtaschen wie hier zu Lande.

      Nach politischen Botschaften sucht man dennoch nicht vergeblich. An der Revolution kommt in Kiew dieser Tage eben keiner vorbei. Auch nicht die Modewelt. Der ikonische Mercedes Stern, der sonst von obligatorischen Fotowänden strahlt, vor denen sich die Besucher der Modenschauen so gerne ablichten lassen, wich dem noch symbolhafteren Friedenszeichen. Ein passender Signifikat für eine Modewoche mit der Statement-Tagline #fashionforpeace – und diese wiederrum ein clevere Strategie, die insgesamt 8000 Gäste zum fleißigen „hashtaggen“ und Fotos „spreaden“ zu animieren. Wer auf Twitter, Instagram oder Facebook nach #fashionforpeace sucht, findet eine wahre Flut von Impressionen der dreißig Laufstegpräsentationen als auch von der Show-Fläche Levels, wo weitere Labels ihre Kollektionen präsentierten.

      Die klare Botschaft – Mode für Frieden – kommt an. Auch die Designer haben sie verinnerlicht. Für viele der Teilnehmer ist die bloße Präsenz auf den Fashion Days schon ein echtes Statement, um Stolz und Mut und den Willen zu Veränderungen auszudrücken. Gerade weil sie in vielerlei Hinsicht direkt von der politischen Situation der Ukraine betroffen sind. „Vielen Modegeschäften im Zentrum von Kiew war es wegen der Proteste auf dem Maidan für einige Wochen unmöglich, zu öffnen. Für einen jungen Designer, der gerade mal in ein oder zwei Läden verkauft, sind die Folgen fatal – zumal die Ukrainer momentan eh anderes im Kopf haben, als shoppen zu gehen“, sagt Shapovalova. „Hier geht es um die Existenz.“

      Shapovalova steckt an diesem Tag in einem mit funkelnden Applikationen besetzten Etui-Kleid aus der letzten Prada-Kollektion. Sie gehört zur neuen wohlhabenden Elite des Landes und genießt auch über die Grenzen der Ukraine hinweg den Ruf eines It-Girls. Dank ihrer pro-westlichen Haltung, ihrem nicht müde werdenden Engagements für die hiesige Designlandschaft und wegen ihres expressiven Modegeschmacks gilt sie vielen hier als Vorbild – sie ist das Gesicht einer neuen Generation, die sich nach Unabhängigkeit und Wohlstand sehnt. Die wirtschaftliche Problematik der Modeindustrie in der Ukraine kennt sie auch aus der Sicht eines Luxus-Konsumenten: „Meine Kleider kaufe ich häufig über Net-a-Porter. Das bedeutet zwar unendlich viel Papierkram und Steuern. Aber in den Kiewer Boutiquen, wie dem Luxus-Conceptstore Sanahunt, würde ich dennoch fast das Doppelte bezahlen.“

    7. Fashion for Peace Alle Fotos Celina Plag


    8. Designer mit Botschaft

      Zu der rein wirtschaftlichen Seite gesellt sich die Private. „Wir alle waren immer wieder auf dem Maidan und haben protestiert“, sagt auch Irina Krasilnikova, eine der interessantesten Designerinnen der Saison. Zu futuristisch anmutenden Plateau-Boots aus dem 3-D-Drucker präsentierte sie per Lasercut ausgestanzte Lederkleider und Röhrenhosen, dazu in Handarbeit entstandene fein gewebte Pullover oder bauchfreie Mockneck-Laibchen, über welchen zottelig-pelzige Cardigans getragen wurden. „Jeder hat seinen Teil zur Revolution beigetragen“, sagt Krasilnikova. „Manche haben Essen gebracht, andere ihre Wohnungen im Zentrum als vorübergehende Krankenstationen angeboten. Einige haben Freunde oder Familie verloren. Das waren emotional aufwühlende, zehrende Wochen.“

      Dass alle Designer es dennoch geschafft haben, ihre Kollektionen pünktlich fertig zu stellen, ist beachtlich – in vielem, was gezeigt wurde, hat die Revolution mehr oder weniger offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Das Kiewer Label Ksenia Schnaider hatte schon im Vorfeld mit Baseballcaps auf sich aufmerksam gemacht, auf denen der Schriftzug „Corruption“ als Anspielung auf die weitverbreitete Korruption in der Ukraine prangerte. Die Caps kamen bereits einen Monat vor den Ausschreitungen in den Handel – während der Revolution wurden sie zum modischen Erkennungszeichen der protestierenden Kreativszene.

      Als eine der wenigen, die Entwürfe für Männer als auch Frauen präsentierten, jonglierten die Label-Macher Ksenia Marchenko und Anton Schnaider zur Laufstegpräsentation dann mit Elementen wie Camouflage, Layering und Streetwear – allesamt Elemente, die im internationalen Modeverständnis funktionieren. Trotzdem sagt Marchenko: „Patriotische Stimmung und nationale Symbole werden immer einen Platz in meinen Designs finden – das geschieht ganz intuitiv.“

      Auch in Anton Belinskiys Kollektion, die er im Flugzeug-Hangar des Kiewer Technischen Museums präsentierte, finden sich ukrainische Referenzen. Seine Sportswear-inspirierten Designs für Frauen kreuzt er seit der Labelgründung 2009 mit kulturellen Anekdoten aus seinem Heimatland. Aktuell ist es die starke Funktionalität als auch die Verwendung von Zinnoberrot und grauem Blau, die er nach der Show als „typisch ukrainisch“ beschreibt. Ein Highlight waren die überdimensionalen, teil-gesteppten Mäntel mit breitem Revers und überschnittenen Schultern, zu denen die Models Kniestrümpfe und Sneaker trugen.

      Und schließlich gab es auch in Kiew noch jene Shows zu sehen, die wirklich auf keiner Fashion Week fehlen dürfen: die prächtigen und glamourösen. So überzeugten zum Beispiel die Entwürfe der russischen Designerin Yasia Minochkina, die mit ihren teils transparenten, teils metallischen oder gesteppten Blockelementen Prinzesskleider, kragenlose Kostüme oder kastige Blusen an eine freche Mischung aus Chanel und Dior erinnerte. Genau wie ihre Kolleginnen Anna October und Julie Paskal, erste präsentierte tailorierte Abendmode, letztere Cocktailkleider aus Blüten-Spitze, Origami oder grobem Gitter-Netz (beide waren übrigens unter den 30 Nominierten im Halbfinale des LVMH-Preises für junge Designer) dürften ihre Entwürfe einem Publikum gefallen, das sich sonst am liebsten bei den ganz großen internationalen Luxushäusern umschaut.

      Dass ihre Kollektionen wie jene so vieler anderer aufstrebender Talente aus der Ukraine und angrenzenden Ländern regelmäßig in Ausgaben der ukrainischen und russischen Vogue, Elle oder Harper’s Bazaar zu sehen sind, spricht für so ein dortiges Luxus-liebendes Publikum – aber das ist, zumindest in der Ukraine, noch eine nicht ausreichende Minderheit. Um tatsächlich auch international existenzsichernde Verkaufsflächen zu finden, sich zwischen den etablierten Marken aus Frankreich, Italien oder den USA zu bewähren, müssen sie ihre Reichweite in internationale Gefilde ausdehnen – mit den Kiev Fashion Days als Sprachrohr und der Aufforderung #fashionforpeace ist schon mal ein guter Anfang gemacht. Selten gab es so wenig Anlass, über die grundsätzliche Notwendigkeit von Modewochen zu philosophieren, wie dieser Tage in Kiew.