Kanye West, Kim Kardashian West and North West illustriert von Caroline Marine Hebel für Achtung Mode Nr. 39.

Yeezy in Paris

Manche sagten hinterher, na und, das Ganze sei eben ein Witz gewesen. So wie die angemieteten Jeeps unten auf dem Boulevard de la Villette die Persiflage eines Soundtracks gehupt hatten. So wie die sechsjährige Kanye-Tochter North West als Rausschmeißer die Karikatur eines Raps krähte, als gäbe es auf RTL noch die Mini Playback Show mit Marijke Amado. So wie diese ganze Pariser Fashion Week mit ihren Atemmasken und Desinfektionsgels und den von Quarantäne bedrohten Redakteuren und den für lange Zeit wohl allerletzten Massenansammlungen schon Tage später wie ein Fiebertraum wirkte. Wenn die Yeezy-Präsentation am späten Abend des 2. März also ein Witz gewesen war, dann stellte sich allerdings die Frage: Auf wessen Kosten?

Es ist dieser seltsam missglückte Auftritt rückblickend ja nicht zu trennen von der entgleisenden Corona-Krise. Die Menschen waren in Paris bereits sieben Tage lang durch Regen, Kälte und Wolken von Angst gelaufen. Sie hatten überdurchschnittlich oft in Bunkern und Katakomben gesessen und Kollektionen begutachtet, in denen Schwarz die vorherrschende Nicht-Farbe war. Dann kam die Nachricht, dass Kanye West mit einem Jet voller Kardashians und einem hundertköpfigen Chor als Zugabe in der Stadt gelandet war. Er werde einen Gottesdienst feiern und huldvoll seine 8. Yeezy-Kollektion präsentieren mit Pomp, Duck & Circumstance.

Und wenn die angestrengten Modemenschen schon in normalen Zeiten nichts einzuwenden haben gegen ein bisschen Entertainment: Diesmal brauchten sie es.

Die Kanye-Nachricht raste in wollüstigen Schockwellen durch Paris. Erste Eskalationsstufe: Verknappung. Nur Mitglieder des Inner Fashion Circle waren zur Gottesanbetung à la Kanye in das Théâtre des Bouffes du Nord geladen und hatten Stunden später Außerordentliches zu berichten. Die Messe sei „unglaublich“ gewesen, der Chor habe „herzzerreißend gut“ gesungen, einige Fashion Directors hätten „geweint“! Außerdem habe Kim ein karamellfarbenes Latex-Outfit von Balmain angehabt.

Zweite Eskalationsstufe: Hoffnung. Die Präsentation von Yeezy No. 8 werde die Party der Woche, wenn nicht des Jahres, trällerte einem Stunden zuvor noch eine aufgewühlte Vogue-Autorin ins Ohr, sie habe sich für ein körpernahes Zebra-Kleid und Heels von Jimmy Choo entschieden. Sollte sie das wirklich durchgezogen haben: „God bless ya, Bitch!“, um es mit Kanye zu sagen.

Am späten Montagabend nämlich fanden sich im Pariser Norden ein paar Hundert Menschen ein, zu gleichen Teilen erlebnishungrig und erschöpft, allesamt aufgestrafft für die Party der Woche (wenn nicht des Jahres). Unter weniger unwirtlichen Umständen wäre es amüsant gewesen, ihren geglossten Fashion-Gesichtern dabei zuzusehen, wie sie das Offensichtliche prozessierten: Es würde keinen Einlass in den Niemeyer-Bau geben und keine Party. Sie würden nichts zu essen bekommen (so üblich in Paris), nichts zu trinken (sehr unüblich) und keinerlei Musik (extrem unüblich). Vielmehr stand man bei ein paar Grad über Null im Freien, die Wolldecken waren vergriffen, die auf die Fassade projizierte Live-Übertragung wackelte. Acht Heizpilze funzelten ein verzagtes S.O.S in die klamme Nacht hinaus.

Nun noch einmal die Frage: Auf wessen Kosten ging wohl dieser Witz? Antwort: Yo Bitch, auf Kosten von uns allen, die wir doof genug waren, die Einladung eines Trump-Freundes und Möchtegern-Modemachers anzunehmen, der sich hier und da für Gott hält. Es geschah uns also recht.

Sonst noch was? Richtig, die Kollektion. Sie sei der einfachen, hart arbeitenden Bevölkerung gewidmet, hatte Kanye zuvor mitgeteilt, allerdings habe er sich über die Bepreisung noch keine Gedanken gemacht. Die verarbeitete Wolle jedenfalls stamme höchst nachhaltig von den 700 Schafen auf seiner Ranch in Wyoming, allerdings noch nicht bei den vorliegenden Showteilen. Wie im Übrigen auch unklar blieb, ob die Kollektion überhaupt produziert würde.

Falls nicht, ginge allerdings auch nicht schrecklich viel verloren. Denn was am Ende des Montags die Rampe runterkam – und es dauerte eine Weile, bis die Leute kapierten, dass das jetzt die Show war – sah aus wie ein Mood Board im Anfangsstadium. Irgendwie Athleisure, irgendwie Schrumpf-Bikinis und übergroße Daunenjacken, dazu Thermo-Boots und etwas, das wie aufgepumpte Hotelschlappen aussah.

Man hörte es nicht, weil die Jeeps wie gesagt ziemlich laut hupten. Aber tief drinnen in den kuschelig warmen Eingeweiden des Niemeyer-Gebäudes muss sich Kanye, ein Glas sehr teuren Champagners in der Hand, auf die Schenkel geklopft und geblökt haben vor Lachen.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39.