Wertanlage: Meine Krawatte

Every illustrator's dream is to work for the New Yorker. Christoph Niemann is a regular cover designer for the world's best literary magazine. And he is a dandy who loves ties.

Die Kunst der Illustration lebt vom gezielt gesetzten Strich, der mit wenigen Umrissen vor unseren Augen eine Idee lebendig werden lässt. Christoph Niemann, der nach Jahrein New York inzwischen mit seiner Familie in Berlin lebt und arbeitet, kann man getrost als Meister dieses Fachs bezeichnen. Sein Cover für den New Yorker zur nuklearen Katastrophe von Fukushima war nur eines von vielen Beispielen dieser Könnerschaft: ein Baum dessen abfallende aus pink-weißen radioaktiven Warnzeichen bestanden. Dort, auf dem New Yorker, konnten amerikanische Leser seinen pointierten und abgründigen Humor entdecken, wie auch im Atlantic Monthly oder der New York Times, für die er einen hübsch betitelten Blog namens Abstract Sunday zeichnete. Als Intelligente und kurzweilige Form künstlerischer Unterhaltung könnte man seine Arbeiten charakterisieren. Wie dieses Werk, das Christoph Niemann exklusiv für Achtung anfertigte und die Geschichte der elementaren Liebesbeziehung illustriert, die ihn mit seiner Wertanlage verbindet: einer dunkelblauen Nadelstreifenkrawatte von N. Hoolywood:

In meinen ersten Berufsjahren habe ich von meiner kleinen Wohnung in Brooklyn aus gearbeitet. Gewöhnlich stand ich gegen acht Uhr auf und ging dann „nur mal schnell“ an den Computer, um meine Mails zu lesen. Gegen Mittag saß ich dann immer noch in T-Shirt und Unterhose am Schreibtisch, denn: „Ich bin ja Zeichner“ und: „Guckt ja eh keiner“. Eines Tages hatte ich einen Conference Call mit einem Kunden im Silicon Valley. Leider war die Tonqualität meines Billigtelefons deutlich besser, wenn ich unter dem Schreibtisch direkt neben der Telefonbuchse sprach. Und so kauerte ich nun in Unterhose auf einer Mehrfachsteckdose und erklärte meine Kreativstrategie. Mir wurde klar, dass es viel emotionale Energie kostet unter diesen Umständen Professionalität und Kompetenz auszustrahlen.

Deshalb kaufte ich mir ein neues Telefon und beschloss, mir ein ordentliches Atelier zu suchen. Mit zwei Freunden zusammen fand ich einen, manche würden sagen „interessanten“ Raum in Chinatown. Ich genoss es sehr, mich morgens vernünftig gekleidet (mit Schuhen!) und einem vollen Kaffeebecher an den Schreibtisch zu setzen.

Einer der beiden freunde war der Art Director und Illustrator Nicholas Blechman, mit dem mich u.a. eine gemeinsame Begeisterung für Politik, 2H Bleistifte, Spaghetti Carbonara und formelle Kleidung verbindet. Außerdem stellten wir fest, dass wir beide das Konzept des sogenannten „Casual Friday“ verachten. Dies umschreibt die in vielen amerikanischen Firmen gängige Kleiderregel, den von Montag bis Donnerstag geltenden Schlips- und Kragenzwang am Freitag zu lockern. Nämlich indem man ihn durch einen Chino- und Karohemdzwang ersetzt. Wir waren und einig, dass durch diese dumme Regel formelle Kleidung indirekt zum albernen Kostüm degradiert wird. Um unser Missfallen auszudrücken, beschlossen wir – zugegeben nicht ganz logischerweise – den „Stiff Friday“ einzuführen. Seitdem herrschte freitags im Atelier ein Anzug- und Krawattenzwang. Im Zuge dessen habe ich es tatsächlich geschafft, mir ein paar bessere Hosen mit Tusche zu ruinieren und mir mit dem Cutter meine nicht sehr schöne, aber einzige Gucci-Krawatte zu durchlöchern.

Um unsere Motivation aufrecht zu erhalten schenkten wir uns deswegen zu Geburtstag- und Feiertagen bisweilen Krawatten. Aus dieser Serie ist mir eine dunkelblaue N. Hoolywood-Krawatte mit Nadelstreifen an Herz gewachsen. Sie ist aufgrund ihrer symmetrischen Form saublöd zu binden, aber für mich symbolisiert sie unseren aufrechten Kampf gegen das Nicht-Tragen von guter Kleidung aus Schichten Gründen.

Mittlerweile wohne und arbeite ich in Berlin-Mitte. Leider kann man hier bei Tageslicht nur eine Krawatte tragen, wenn man sie entweder mit einem anderen Kleidungsstück kombiniert, das verdeutlicht, dass man das alles sehr ironisch-subversiv meint oder einem das ständig zugerufene „Was mit dir? Bewirbst Dich für was?“ egal ist. Mir ist das aber nicht egal. Und tatsächlich ist eine der ganz wehmütigen Erinnerungen an meine alte Heimat, wie ich hin und wieder mit der U-Bahn nach Midtown Manhattan fuhr und sich die anderen Fahrgäste offensichtlich einen feuchten Kehricht darum geschert haben.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 26.