Wertanlage: Mein Trenchcoat

Exile, from the latin exilium, or banishment, can be a cruel thing, or a brilliant source of inspiration. Which life abroad has been for Isabel Asha Penzlien, a Hamburger living in New York, whose portraiture, fashion and books are a unique compendium of honesty and cool. The familiar seen with a telling ex-patriot's eye.

Weg-Sein macht es manchmal irgendwie einfacher, sich ein wahrhaftiges Stück deutscher Identität zu bewahren. Isabel Asha Penzlien, aufgewachsen in Hamburg, ist schon mit 19 Jahren der Heimat entflohen und in die amerikanische Hauptstadt der Kreativität, New York, gezogen. Ihre Porträts, allesamt Milieustudien, die sie hauptsächlich für das Londoner Magazin i-Dfotografiert, wahren stets jene kühne Distanz, die differenzierende Beobachterrolle, die wohl nur einem Kind aus dem Land von Gerhart Hauptmann und Bertolt Brecht innewohnen kann. So entstehen unaufgeregte und trotzdem starke Bilderwelten – durchdachte Modefotografie. Wie in diesem Selbstportrait, das Isabel Asha Penzlien für Achtung produzierte und das ihre spezielle Form der Liebesbeziehung mit dem Konsumobjekt beschreibt, das für sie zur unersetzbaren Wertanlage wurde – ihrem Trenchcoat. 

Wahrscheinlich ist das Märchen vom Sterntaler Schuld, das ich als Mädchen so geliebt habe. Oder dass ich mit 19 Jahren von Hamburg nach New York gezogen bin und immer dachte, eines Tages gehe ich sicherlich zurück, bloß nicht zu viel anhäufen. Aber ich besitze nichts, wirklich fast gar nichts. In meinem Schrank überlebt kein Hemd, Pullover, keine Jeans wirklich lange. Es verhält sich in ihm ein wenig wie mit Katzen- zu Menschenjahren. Zwei Jahre in meinem Kleiderschrank sind in Wirklichkeit ein halbes Leben. Natürlich gibt es dennoch Kleidungsstücke, die ich behalte. Sie sind für mich sowas wie existenzielle Bausteine, zusammengesetzt ergeben sie das Fundament meiner Garderobe, alles andere ist pure, dekadente Dekoration.

Mein Trenchcoat ist einer dieser wundersamen Bausteine. Ein Allrounder, mit dem man immer angezogen aussieht, egal, ob man ihn mit grauer Jogginghose oder Perlenohrringen kombiniert. Nicht umsonst ist Humphrey Bogart als Rick Blaine (Casablanca) meist der Erste, der einem beim Stichwort Trenchcoat einfällt: Der robuste wie unauffällige Trenchcoat und Rick mit seiner unendlich lässigen Attitüde – beide leben von ihrem unübersehbar coolen Understatement. Meinen ersten Trench habe ich auf eBay ersteigert und er entsprach meinen damaligen Vorstellungen von Perfektion: tolle Marke, Burberry, klassische Farbe, beige, und taillierter Schnitt. Nur gepasst hat er leider nicht. Die Schultern waren zu eng, also habe ich ihn mir nichts dir nichts einfach an eine Freundin verschenkt. Sterntaler, halt.

Meinen zweiten Trenchcoat, den ich auf diesem Foto trage, habe ich vor viereinhalb Jahren bei H&M gekauft. Eigentlich wollte ich ihn hier mit irgendeinem Zauber der Vergangenheit behaften und schreiben, er sei Vintage. Aber jetzt stehe ich dazu: meine Wertanlage ist von H&M. Denn er, der Trenchcoat, passt mir bestens. Das klein karierte Futter des Mantels war zwar hässlich, aber ich habe einen schönen goldenen Futterstoff gekauft, den Mantel zum Schneider gebracht und voilà, ich hatte meinen perfekte Trenchcoat. Denn letztendlich geht es doch um den Trench selbst. Darum, vermeintliche Unscheinbarkeit zu inszenieren, mit Schlichtheit zu spielen. Es sind pragmatische Zeiten, ihn kann man einfach überwerfen, selbst verknittert strahlt er Ordnung aus, das Darunter verschwindet. Zwischen unförmig offenlassen und tailliert schnüren ist alles drin, Hauptsache nonchalant. So nonchalant und mühelos wie die romantische Idee, die ich schon seit langer Zeit hege. In meiner Fantasie überrasche ich dann, nur den Trenchcoat tragend, meinen Freund – wie einem alten Helmut-Newton-Foto entsprungen.

FOTOGRAFIE: Isabel Asha Penzlien

TEXT: Isabel Asha Penzlien

REDAKTION: Gillian Wiechert

Fotografiert am 23. Januar 2013 in New York.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 24 (März 2013)