Wertanlage: Mein Solitär

This issue´s obsessional piece comes from Munich-based jewelry designer Saskia Diez. Her taste is so assured the favorite diamond she presents does not come from any famed brand, but from a local second hand store.

Bereits 1908 analysierte der Soziologe Georg Simmel unsere Faszination mit der Welt der Juwelen: „Die Strahlen des Schmucks, die sinnliche Aufmerksamkeit, die er erregt, schaffen der Persönlichkeit (…) ein Intensiverwerdenen ihrer Sphäre, sie ist sozusagen mehr, wenn sie geschmückt ist.“ Erlegen ist diesem Zauber auch Saskia Diez. Denn trotz Ernsthaftigkeit und intelligenter Simplizität mangelt es ihren Entwürfen nie an zarter Poesie. So gleichen die Schmuckstücke der Münchnerin, die zusammen mit ihrem Mann, dem Industriedesigner Stefan Diez, zum inneren Design-Zirkel der bayrischen Landeshauptstadt gehört, eher kleinen Gesten, deren subtil spielerisch Seite dem flüchtigen Blick mitunter verborgen bleibt. Schmuck ist Luxus – unabhängig vom finanziellen Wert, so sieht es Saskia Diez. Sie ist also prädestiniert, an dieser Stelle von jener speziellen Form der Liebesbeziehung mit dem Konsumobjekt zu erzählen, die es in den Rang einer unersetzbaren Wertanlage erhebt. 

Ich hab diesen Ring vor ziemlich genau acht Jahren entdeckt. Damals hatte ein kleiner Trödelladen, ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt, einen Laden zur Zwischenmiete eröffnet, mit Schmuck und Accessoires und mit dem besten Namen für einen Laden überhaupt: „Haben Will“.

Der Ring war im Schaufenster in einer kleinen Schatulle aufgestellt und auf meinem Weg ins Atelier oder nach Hause lief ich jeden Tag einen kleinen Schlenker, um ihn mir immer wieder anzusehen. Ich fand ihn wunderschön und hatte jedes mal die Befürchtung, dass ich ihn nicht mehr im Fenster entdecken würde, weil ihn mir jemand weggekauft hätte. Zu der Zeit war ich gerade mit  unserer ersten Tochter schwanger und Stefan war für ungefähr zwei Monate in China. Ich wollte diesen Ring unbedingt haben, aber fand, er sehe so sehr nach „engagement“ aus, dass ich ihn mir nicht selbst kaufen wollte. Ich wollte ihn geschenkt bekommen. Also fragte ich Stefan am Telefon, ob wir uns nicht verloben wollten, und dass ich schon genau den richtigen dafür gefunden hätte. Für uns beide hörte sich das ziemlich seltsam an, aber irgendwie fanden wir es dann doch sehr aufregend. Also klebte ich weiterhin am Schaufenster, bis Stephan endlich von seiner Reise zurückkam. Glücklicherweise hatte der Ring eine sehr kleine Ringgröße und bis dahin einfach an keinen anderen Finger gepasst. Wir standen dann kichernd und nervös in den Geschäft und gingen schließlich mit dem Ring wieder hinaus. Das war dann also unsere Verlobung.

Saskia Diez fotografiert von Sigrid Reinichs für das Leibgericht aus Achtung Mode Nr. 37.

Bis heute ist der Ring das einzige Schmuckstück, das mir, wenn man mal von meiner Kindheit absieht, je geschenkt worden ist. So ist das wohl, wenn man selbst Schmuck macht. In der ersten zeit mit dem Ring konnte ich meine Augen kaum von meiner Hand wenden, so verliebt war ich in das funkelnde Stück. Fast ein jähr später – unsere Tochter war mittlerweile geboren un wir verheiratet, wir wohnten zu der Zeit noch in meiner kleinen Einzimmerwohnung – war Stephan abermals für längere Zeit in China. Es war der erste Herbst mit einem Baby, das viel schrie und in unserer kleinen Wohnung fiel mir die Decke auf den Kopf. Was dazu führte, dass ich abermals, ab eigenen Schmuckentwürfen zu arbeiten, aus dem Verlangen heraus, noch etwas anderes zu sein, als eine einsame Mutter. eines Abends war der Ring auf einmal nicht mehr an meinem Finger. Ich durchsuchte jeden Winkel der Wohnung, ging den ganzen Weg von dort bis zum Atelier ab, durchsuchte das Altpapier, klingelte den Nachbarn raus, damit er mir den Siphon aufschraubte, machte das ganze Haus verrückt, alles vergebens. Ich war todunglücklich, sah mein junges Eheglück schon mit dem Ring verloren. Letzten Endes fand ich den Ring dann zwei Tage später im Fußsack des Kinderwagens wieder, wo er mir vom Finger gerutscht war, als ich die Kleine herausgehoben hatte. Der Ring war mir immer und ist es auch immer noch, etwas zu groß. Trotzdem würde ich die Größe nie ändern lassen, sie gehört für mich zu ihm einfach dazu – so, wie er ist.

An sich ist es eigentlich kein sehr wertvoller Ring. Der Brilliant hat sogar eine kleinen Fehler, der aussieht wie ein Sprung, ich hatte am Anfang immer Angst, er würde zerbrechen. er wiegt ungefähr ein halbes Karat. Ungefähr. Beim Brilliantschliff kommt es ja auf die totale Perfektion an und exakt ein halbes Karat oder exakt ein Karat kosten jeweils viel mehr, als die Steine, bei denen das Gewicht nicht so genau getroffen wurde.

Ein Brilliant hat eine ganz eigene Anziehungskraft, die ich gar nicht so genau erklären kann. An sich bin ich noch nicht mal wirklich ein Brilliant-Fan. Dennoch spricht er anscheinend etwas in mir an, so etwas wie ein Schlüsselreiz – „Diamonds are a girl’s best friends.“ In meiner Kollektion gibt es einen Ring, der genau mit diesem Schlüsselreiz arbeitet. Formal gesehen ist er ein Solitär, allerdings komplett in Metall (Silber oder Gold) gefertigt. Das Resultat: ein sehr bezahlbarer „Zweikaräter“.

Für mich liegt der größte Wert eines Schmuckstückes einfach in der emotionalen Aufladung. Und in der Schönheit, die es einem schenkt, weil man sich damit besonders fühlt. Insofern ist für mich Schmuck weniger Luxus als etwas emotionales.

FOTOGRAFIE: Martin Fengel

REDAKTION: Gillian Wiechert

Fotografiert am 23. Oktober 2012 in München.

Dieser Artikel erschien erstmalig im September 2012 in Achtung Mode Nr. 23.