Ein Lebenslauf in elf Bildern

Der schweizer Fotograf Georg Gatsas kuratiert für Achtung Digital eine Auswahl der prägendsten Aufnahmen und Begegnungen seiner Karriere

Der schweizer Künstler Georg Gatsas erhielt kürzlich den mit 15.000 Schweizer Franken dotierten Manor Kunstpreis St. Gallen 2017, welcher alle zwei Jahre verliehen und mit einer Einzelausstellung im Kunstmuseum St. Gallen begleitet wird. Gatsas selbst war über die Verleihung äußerst überrascht, sagte er gegenüber Achtung Digital.

Bekannt ist der Fotograf für seine Bildserien, die sich auf menschliche Interaktionen fokussieren. Inspirieren lässt sich Georg Gatsas vorwiegend von Musik: „Sie dient mir bei meinen Forschungen oder Behauptungen – die ich mittels der Fotografie mache – sozusagen als „Entry Point“, um alles über die verschiedensten Strömungen in Erfahrung zu bringen, wann und wo auch immer meine Kamera sich ein Objekt sucht.” Die Subjekte in seinen Fotografien sind immer auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden – sei es Freundschaft, die Stadt in der sie leben, oder eben der Musikgeschmack.

Für Achtung Digital stellt Georg Gatsas exklusiv ein visuelles Portfolio zusammen, welches die Geschichte seiner Karriere in aussagekräftigen Fotografien mit dazugehörigen Anekdoten erzählt.

Georg Gatsas
Ira Cohen I 2003

Bei Ira Cohen zu Hause fing alles an: Ein spontaner Porträtshoot in seinem mit Büchern, Fotografien und Memorabilia überfüllten Apartment war der Beginn meiner ersten langjährigen (2003 bis 2007) Porträt-Serie namens The Process, die ich in Magazinen und Ausstellungen zeigte und die ich in Künstlerbüchern (Nieves, Zürich) veröffentlichte. Ira Cohen lernte ich 2000 bei einer Lesung im Literaturhaus in Gottlieben kennen – Und blieb mit ihm in Kontakt. Während meines ersten längeren New York-Aufenthaltes gewährte er mir für drei Monate Unterschlupf in seiner Wohnung in der Upper West Side in New York, als ich dringend eine Übernachtungsmöglichkeit suchte. Und führte mich gleichzeitig in Erzählungen seiner früheren Kollaborateure und Bekannte in die Avantgarde der 60er Jahre ein: Jack Smith, La Monte Young, Tony Conrad, Brion Gysin, Paul Bowles.

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Kembra Pfahler I 2003

Kembra Pfahler und ihre Punk-Glam- und Performance-Truppe The Voluptuous Horror Of Karen Black lernte ich kennen, als ich während meine New Yorker Serie The Process schoss. Für New Yorker Künstler und Künstlerinnen wie Spencer Sweeney, Lizzi Bougatsos oder Antony (von Antony & The Johnsons / Anohni) ist sie eine der wichtigen New Yorker Schlüsselfiguren.

Auch mich führte sie in die Kunst und Philosophie des “Availablism” ein: Mit dem Material zu arbeiten, das gerade verfügbar ist oder auf bestimmte Situationen und Umstände gekonnt zu reagieren, diese in künstlerische Momente zu wandeln. Kembra Pfahler war dann auch diejenige, die mich zu einem Kinoabend mit Hal Willner einlud, ohne dass ich überhaupt wusste, wer Hal Willner war: Nämlich einer der einflussreichsten Musikproduzenten. Oder die mich spontan für eine Woche nach Los Angeles einlud, wo ich eine ihrer Performances filmte, die ich später (2007) mitsamt ihren Werken im Swiss Institute zeigte.

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Gang Gang Dance / Lizzi I 2007

Mit Lizzi Bougatsos und ihrer Truppe Gang Gang Dance verbindet mich eine langjährige Freundschaft, die ebenfalls in etlichen Kollaborationen mündete: Ausstellungen, Magazinbeiträge, Publikationen und Auftritte im Swiss Institute. Ich porträtierte sie einige Male für meine erste New Yorker Serie The Process. Dieses Bild hier entstand bei einem Auftritt ihrer Band für die zweite New Yorker Serie namens Five Points.

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Ikonika 2009

Ikonikas Porträt schoss ich 2009 zu Beginn meiner Londoner Serie Signal The Future, die sich nun gerade dem Ende zuneigt. Ihr Label Hyperdub Records (mittlerweile eine renommierte Plattenfirma für elektronische Musik) veröffentlichte einige Monate später das Debutalbum der Londoner Produzentin, welches das damalige Dubstep-Genre in eine völlig andere Richtung drehte. Das Porträt, das für meine Serie gedacht war, wurde deshalb gleichzeitig auch als offizielles Pressefoto verwendet und in Magazinen und online weit gestreut. Über die Jahre hinweg porträtierte ich Ikonika nun immer wieder – auch für ihr zweites, viel gepriesenes Album namens Aerotropolis. Dass es immer wieder zu erfolgreichen Zusammenarbeiten kommt, hängt wohl auch damit zusammen, dass ich mit Ikonika dieselbe Offenheit, Kompromisslosigkeit und den etwas queeren Humor teile: Nächsten Monat ist es wieder soweit.

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Mark Stewart 2012

Was gibt es zu Mark Stewart und seiner einflussreichen britischen Post-Punk-Band The Pop Group zu erzählen, was nicht schon viele wissen? Der Sänger, den ich 2012 während eines Shoots für das Londoner Magazin Dazed & Confused kennen lernte, gilt vielen aufgrund seiner Kompromisslosigkeit, seiner Hyperaktivität und seinem scharfzüngigen Humor als “Mad Man”. Keiner kann unhaltbare Zustände, Ereignisse und Personen in einem einzigen Satz so gekonnt punkthaft verdichten wie er: “You Promised Me Hysteria”, heißt eine Textzeile aus Mark Stewart und The Maffias Hit Hysteria – einer meiner Favoriten der britischen Popgeschichte. Klar, dass der Kontakt nach unserem Fototermin aufrecht blieb; auch er gewährte mir – als ich für einen Shoot mit Ikonika für ein paar Tage in London verweilen musste – Unterschlupf bei sich zu Hause.

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Salaminiasstrasse in der Nacht 2012

Kurz nach meinem Shoot mit Mark Stewart lud mich der Journalist und ehemalige Schulkollege Kaspar Surber zu einer Griechenland-Reise ein. Ausgangspunkt für die gemeinsame Reise waren seine Recherchen von den Grenzen Europas, die mitsamt meinen Bildern in seinem Buch An Europas Grenze (Echtzeit Verlag, 2012) veröffentlicht wurden. Zu einer Zeit also, als in Europa noch wenige von der stillen Katastrophe an der Grenze Europas sprachen. Während unseres achttägigen Aufenthalts an den griechischen Schauplätzen der momentanen Migrationsdebatte entstand eine Serie von Bildern, die vieles vorwegnahm, was derzeit in der Tagespresse gezeigt wird. Um Muhammadi Yonous, den Präsidenten der Vereinigung der afghanischen Community in Athen beim Wort zu nehmen: “Europa kann seine Zäune noch so hoch bauen, die Menschen kommen trotzdem, bloss ihre Reise wird gefährlicher.” Diese Fotografie entstand nachts an der Salaminiasstrasse: Ein Asylsuchender hat aus Erschöpfung die Warteschlange verlassen.

Norbert Möslang
Norbert Möslang

Den Schweizer Elektronikpionier Norbert Möslang, der mit den japanischen Merzbow und Hanatarash zu einem der Begründer der elektronischen Noise Music zählt, lernte ich kennen, als ich noch nicht fotografierte, aber Konzerte organisierte. 2002 spielte er in St.Gallen auf meine Einladung hin ein gemeinsames Konzert mit dem kalifornischen Laptop-Musiker Kid606. Dieses Foto entstand 2014, also einige Jahre später. Dazwischen arbeitete ich mit ihm an Doppelausstellungen, Konzerten, gemeinsamen DJ-Set und einigen Porträt-Shoots für Magazine und Albumcovers, so auch für sein Album indoor_outdoor, welches 2012 auf Ideologic Organ erschien, dem Label von Sunn O)))-Mitglied Stephen O’Malley.

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Nik Colk Void II 2014

Mark Stewart stellte mich Nik Colk Void vor, die eine Hälfte des britischen Dance-Noise-Duos Factory Floor und Kollaborateurin der Industrial Music-Erfinder Chris Carter und Cosey Fanni Tutti (CarterTuttiVoid). Auch mit ihr bin ich in regelmässigem Austausch, dabei entstanden einige Zusammenarbeiten: Pressefotografien für Factory Floor, Magazinveröffentlichungen bei Electronic Beats und Zweikommasieben, Porträts und ein von Nik komponierter und aufgenommener Soundtrack für meine Ausstellung im Kunstraum Riehen 2013 in Basel.

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Markus Studhalter 2015

Das Porträt von Markus Studhalter, meinem ehemaligen Gymnasiallehrer (Deutsch), mit dem ich mittlerweile in freundschaftlichem Kontakt bin, schoss ich letztes Jahr für das Saiten Magazin – und wurde gleich zum Titelbild des Ostschweizer Kulturmagazins. Ein Mensch, der mir nicht nur das Schreiben beibrachte, sondern sehr einflussreich für meinen Werdegang war: Er öffnete mir – als junger Gymnasiast – nicht nur die Augen, sondern forderte mich auch auf, unbequeme Fragen zu stellen, meinen eigenen Weg zu gehen und meine eigene Sprache zu finden. Und Humor und Poesie nicht nur in Schrift und Sprache zu finden, sondern überhaupt dort, wo man es nicht erwartet. Wie weit sein Einfluss reichte, zeigt sich unter anderem in den Bildern dieser kleinen Zusammenstellung.

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Asian Eyez (Lhaga)

Lhaga Kondoor aka Asian Eyez lernte ich vor ein paar Jahren kennen, weil sie etliche Protagonisten meiner langjährigen Londoner Serie Signal The Future in die Zürcher Longstreet Bar einlud. House Of Mixed Emotions heißt die Club-Reihe, die sie zusammen mit Jan Vorisek und Mathis Altman in unregelmässigen Abständen veranstaltet. H.O.M.E. hieß dann auch die Porträtserie, die ich 2013 schoss und im Museum Bärengasse ausstellte: Eine Bestandsaufnahme der Leute rund um die Zürcher Clubnacht. Mit Lhaga, die mittlerweile immer wieder selbst auf Tour ist, so auch in China mit der Transgender-Vorkämpferin Juliana Huxtable, habe ich regelmässigen Austausch. Dieses Porträt entstand in der Folge einiger Gespräche.

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Natalja (Ginger Boss) II 2015

Ginger Boss, die meist mit Asian Eyez auflegt und mit bürgerlichem Namen Natalja Romine heißt, gründete zusammen mit Asian Eyez, Lilaloit und Baby Val das Kollektiv #wifey, die sich auf Social Media-Plattformen wie Instagram, Twitter oder tumblr inszenieren, ihr eigenes Fashion-Label und auch eine eigene Clubnacht unter demselben Namen gründete – und international sehr gut vernetzt ist. An #wifeys Arbeiten bin ich sehr interessiert: Sie setzen einen Kontrapunkt zum Isolationismus und dem neoliberalen Geschäftsmodell der Schweiz und liefern stattdessen ein mögliches Zukunftsmodell der post-migrantischen Gesellschaft. Dieses lässt sich folgendermassen beschreiben: Es gibt keine Idee vom nächsten grossen Ding, keine Jugendkultur und schon gar nicht spätkapitalistische Netzwerke, sondern es zählen allein das Experiment, die Möglichkeit der Zusammenarbeit und der soziale Zusammenschluss – Ginger Boss’ Porträt ist eines dieser Experimente.