Unter der Kapuze

Es ist wohl das letzte wirklich politische Kleidungsstück der westlichen Mode: Mit „The Hoodie“ widmet das Het Nieuwe Instituut in Rotterdam dem Kapuzenpullover eine Ausstellung über soziale Ungleichheit, Polizeibrutalität und Modegeschichte.

Kaum ein anderes Teil in unserem Kleiderschrank hat so viel zu sagen wie ein Kapuzenpullover. Wo er bei einigen aufgrund seiner Gemütlichkeit Zuspruch findet, löst er bei anderen Angstgefühle aus: Der Hoodie ist ein Kleidungsstück, das viele Geschichten über soziale und kulturelle Ideen, ethnische Zugehörigkeit des Trägers und damit auch Vorurteile und Politik des Betrachters erzählt. Der Frage nach seiner Funktion als gesellschaftspolitischer Symbolträger geht das Kunstmuseum Het Nieuwe Instituut Rotterdam in der Ausstellung „The Hoodie“ noch bis zum 12. April 2020 nach. Kuratiert von der britischen Journalistin Lou Stoppard bezieht sich „The Hoodie“ darauf, wie vielschichtig der Ursprung und die Entwicklung des Kapuzenpullovers in der Modegeschichte ist. Im Fokus stehen Themen wie Überwachungskultur, Zusammenbruch traditioneller Kleidervorschriften und Anonymität. Zu sehen sind unter anderem Modelle von Raf Simons, Vetements, Champion, Off-White, Gucci und Souvenir Official.

Work by Devan Shimoyama, February, 2019. Courtesy of De Buck Gallery, New York, NY and The Alison Katz Wolfson Family Collection, New York, NY; Aspen, CO.

Zwischen Highend-Athleisure und sozialer Ungleichheit

Die Ausstellung im Museum für Architektur, Design und digitale Kultur betrachtet die Rolle des Hoodies als ein zeitgenössisches Kleidungsstück, das viele Facetten zu bieten hat. Mit seinen Wurzeln in der Sport- und Arbeitsbekleidung wurde der Hoodie von Champion in den 30er Jahren als praktische Lösung für Handwerker entwickelt. Weit bevor Luxusmarken wie Balenciaga, Vetements und Co. auf den Highend-Athleisure-Streetstyle-Zug aufgesprungen sind, galt der Kapuzenpullover in den westlichen Ländern als gesellschaftspolitisch: Oftmals wurde sein Tragen mit Wut oder Panik verbunden, von bestimmten Institutionen sogar verboten und aufgrund der Medien nicht selten zum Symbol für Verbrechen gemacht. Und obwohl der Hoodie seine Entstehungsgeschichte irgendwo zwischen sozialer Ungleichheit, Angst, Rassismus und Privatsphäre findet, hat er sich trotzdem zu einem populären Kleidungsstück entwickelt.

Exactitudes 168. by Ari Versluis and Ellie Uyttenbroek – EUnify hoodie by Souvenir Official

Hoodie als politischer Symbolträger

„The Hoodie“ feiert nicht nur die Tatsache, dass die Gegenkultur eine entscheidende Stimme erhalten hat, sondern unternimmt auch eine kritische Untersuchung der Mechanismen, die diese Situation geschaffen haben: Obwohl Kapuzenpullover von den Luxusmodemarken für enorme Summen verkauft werden, in allen Modemagazinen zu finden sind und sich an vielen Arbeitsplätzen als neue Uniform durchgesetzt haben, gibt es immer noch Momente, wo der Hoodie tiefste Emotionen auslöst. Auch The New York Times stellte 2016 die Frage, wer das Recht habe, heutzutage einen Kapuzenpullover ohne Herausforderungen tragen dürfen. Mit der Ausstellung möchte die Kuratorin und Journalistin im weiteren Sinne ausdrücken, dass der Kapuzenpullover ein Kleidungsstück ist, das unsere Zeit bestimmt, prägt und vielleicht auch ausmacht.

Header Credit: Model Adut Akech trägt Balenciaga im i-D’s The Earthwise Issue, Fall 2018. Photograph: Campbell Addy. Styling: Alastair McKimm