Eintauchen in Traumwelten

„True Blue“ ist die erste Einzelausstellung des französischen Modefotografen Jean-Daniel Lorieux in Berlin. Pünktlich zum Gallery Weekend läuft sie an

Braungebrannte Modelle in glamouröser Badekleidung, die sich genauso genüsslich auf einem Motorrad räkeln wie sich mit einer eisgekühlten Coca Cola zu erfrischen oder in statuesker Symbolik stolz dicke Fische zu präsentieren – so inszeniert Jean-Daniel Lorieux mit Vorliebe seine sonnengeküssten Sujets. Eigentlich bleiben die knackigen Körper im Oevre des französischen Modefotografen aber immer nur seichtes Vorspiel vor dem Hintergrund warmer Sandstrände und der tiefen Weite des Horizonts, in dem sich die ewigblauen Ausläufe des Himmels und des Meeres berühren.

Traumhafte Strand- und Meeresszenen, gehalten in satte, leuchtende Farben, finden sich in den meisten seiner Bildwelten, ohnehin war Lorieux, der ab den 1970ern unter anderem für Vogue USA, Vogue France, L’Officiel und Harper’s Bazaar Models wie Claudia Schiffer oder Linda Evangelista fotografierte genauso wie Kampagnen für Modehäuser wie Dior, Lanvin oder Céline realisierte, einer der ersten, der für seine Modestrecken ganz im Sinne einer New Economy-Reiselust an entfernte Orte flog, um dort einem neuen, nach Perfektion strebenden Schönheitsideal zu huldigen – am liebsten auf die Seychellen, Maurizius oder an die Küste Tunesiens.

In „True Blue“, Lorieux erster Solo-Ausstellung in Berlin, gemeinsam initiiert von Production Berlin und Kirsten Hermanns Galerie für Moderne Fotografie, die im Rahmen des Gallery Weekends am 29. April in der Potsdamer Straße eröffnet wird, können sich interessierte Besucher von diesen Welten, aber in gewisser Weise auch der Lebenslust, die sie transportieren, ein eigenes Bild machen.

„Ich habe mich dazu entschlossen, in meinen Bildern Träume und Glück auszudrücken“, sagt Lorieux selbst über seine Arbeit, und in der Tat strotzt die Einfachheit seiner prächtigen Ästhetik, jene vordergründig leichte, symmetrisch-erotisch inszenierte Schönheit von dem wohligen Gefühl einer glücksbringenden, glamourösen, heilen Welt – ein Konzept, das aus heutiger Perspektive beinahe antiquiert wirkt. Lorieux löst damit jedenfalls in den 1980ern und 90ern das Versprechen ein, was Mode gelegentlich noch bereithält: Gelüste zu wecken – nach wieder neuer Mode, nackten Körpern, naturbelassenen Urlaubsoasen – Wohlstand eben.

Und doch verbirgt sich hinter der sauber gestrichenen Fassade noch ein anderes Gefühl, das besonders deutlich wird anhand jener Bilder, in denen die Modelle dem Betrachter mit ihren Rücken entzücken, während sie selbst, vermutlich die Gedanken schweifend, sich in der Weite des Ozeans verlieren – das Meer fungiert dabei gleich doppelt als Auffangbecken von Träumen: für das Hineinversetzen in den Gedankenkosmos der Strandnixen genauso wie für die Gedanken des Betrachters selbst. In Lorieux Bildern lässt sich der Realität noch entkommen, sie markieren Fluchten in eine paradiesische Welt, die zwar existiert, für die meisten Menschen jedoch in unerreichbarer Ferne liegt. Insofern verwundert es beinahe, dass beim Betrachten einzelner Werke das Gefühl von Schwermut oder Sehnsucht ausbleibt.

Es ist nicht abwegig zu spekulieren, das Monsieur Lorieux selbst im Prozess seiner Arbeit immer auch irgendwie auf der Flucht war – vielleicht eine Art, seinen Erlebnissen als Kriegsfotograf zu entkommen: seinen Wehrdienst leistete er zwei Jahre lang als Filmemacher und Fotograf im Algerienkrieg in den 1960ern. Sein fotografischer Stil blieb dabei einer dokumentarischen Wahrheit verbunden, was sich in gewisser Weise auch von Lorieux Modeaufnahmen sagen lässt. Nur, dass er für die Abbildung seiner paradiesischen Realitäten stets einen riesigen Jetlag in Kauf nehmen musste.