Grüße aus dem Münchner Atelier: Das Designerduo Johnny Talbot und Adrian Runhof

Totally Revamping Talbot Runhof

Da ist was los: In Paris zeigte das Münchener Designduo eine überraschende Kollektion. In Düsseldorf und Berlin eröffnen Johnny Talbot und Adrian Runhof dieses Jahr eigene Boutiquen

Kann sich sehen lassen: Der Talbot Runhof Flagship Store auf der Münchener Theatinerstraße
Kann sich sehen lassen: Der Talbot Runhof Flagship Store auf der Münchener Theatinerstraße

Kommerz lässt Kassen lauter klingen

Was Johnny Talbot und Adrian Runhof den meisten deutschen Designern voraus haben? Kommerziellen Erfolg! Seit über 20 Jahren machen sie von München aus modisch gemeinsame Sache und können davon richtig ordentlich leben. So ordentlich, dass sie vergangenes Jahr einen 400-Quadtrameter-Flagshipstore auf der Münchener Theatinerstraße eröffneten, der sich sehen lassen kann. Im etablierten Düsseldorf folgt in Kürze ein Äquivalent auf der Kö. Und was noch keiner weiß – wir berichten exklusiv – auch in Berlin wird es ab November in der schicken Schlüterstraße eine eigene Talbot Runhof Boutique geben. Alle Achtung, finden wir. Mal abgesehen von Hugo Boss oder dem eigentlich schwächelnden Escada: Wer könnte das hierzulande in der Liga sonst noch meistern?

Reich und sexy geworden ist das Duo, das ihre Kleider anfangs noch unter dem Namen „All about Eve“ vertrieb, natürlich mit ihrer raffinierten Abendmode. Es gab in den vergangenen zwei Dekaden mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen München und Hollywood kein Red-Carpet-Event, auf dem nicht irgendeine Angelina Jolie, Anna Netrebko, Julia Roberts oder Bettina Wulff ihre verstofflichten Visionen schillernder Mode dem Blitzlicht der Paparazzi ausgesetzt hätte. Von Breuninger bis Bergdorf Goodman: Talbot Runhof hängt deshalb überall dort, wo Kundinnen Kassen klirren lassen.

 

Ein Foto des Talbot Runhof Frühjahr-Sommer-2016-Lookbooks. Marken lassen Bilder sprechen um sich zu positionieren. Gerade arbeiten die Talbot-Runhofs an einem „Revamp“ – wie wird der neue visuelle Look aussehen?
Ein Foto des Frühjahr-Sommer-2016-Lookbooks. Gerade arbeiten die Talbot-Runhofs an einem „Revamp“ – wie wird der neue visuelle Look aussehen?

Wo viel Glanz ist, ist auch Schatten

Trotzdem, über Johnny Talbots und Adrian Runhofs Erfolg liegt ein fieser Schatten: Für das, was in ihren Kollektion wirklich Mode ist, bekommen sie von der meinungsmachenden Modepresse zu wenig Liebe.

„Wer mit einem Produkt erfolgreich ist, hat es eben schwer, für andere Produkte Lorbeeren einzuheimsen“, beschreibt Adrian Runhof die Problematik gegenüber Achtung Digital. Soll heißen: Weil die Abendkleider so gut gehen, trauen sich Einkäufer selten, die modisch relevanteren Teile ihrer Kollektionen – die es wirklich immer gibt – zu erwerben. „Und selbst wenn: Die hängen dann neben unseren Roben in den Evening-Abteilungen und versauern dort aufs Traurigste“, so Runhof, „Weil ihnen dort keine Luft zum Atmen bleibt – sie gehen einfach unter.“

Neue eigene Boutiquen, in denen die Präsenz und visuelle Gewichtung der Kollektion viel besser gesteuert werden kann als in einem Multilabel-Store, sind deshalb für das Duo Teil einer Strategie, das Image zu polieren. Neben allem kommerziellen Erfolg möchten eben auch die Talbot-Runhofs als modisch relevante Marke wahrgenommen werden.

Eine weitere Strategie wird sein, die hauseigene Bildsprache aufzufrischen. In Zukunft sollen ihre Lookbooks, Web-Bilder und alles, was von innen nach außen visuell kommuniziert wird, einen frischen Anstrich bekommen. „Revamp“ nennen es die Designer selbst. Was sie sich dafür wohl einfallen lassen?

Talbot Runhof kann mehr als kommerzielle Abendmode. Ihre Herbst-Winter-Kollektion schmückten sie zum Beispiel mit schönen Streifenlooks
Talbot Runhof kann mehr als kommerzielle Abendmode. Ihre Herbst-Winter-Kollektion schmückten sie zum Beispiel mit schönen Streifenlooks

20 Saisons Pariser Modewoche: Zum Feste nur das Beste

Mit einer anderen Strategie fahren sie seit geraumer Zeit ziemlich gut: dem Défilée. „Unsere Modenschauen nutzen wir stets, um unsere Abendmode in eine andere Dimension zu rücken“, erklärt Adrian Runhof. „Dort können wir zeigen, dass wir wirklich Mode machen. Im März hatten wir übrigens ein echtes Jubiläum: zwanzig Saisons Paris Fashion Week.“

Overzised-Shapes, neckische Culotte-Schnitte, lässige Knitwear über feinem Zwirn: auch für die Präsentation ihrer Herbst-Winter-Kollektion 2016 Anfang März Rive Gauche, im Palais des Beaux Arts, zog das Duo zeitgenössische Register. Nixenhaft irisierende wadenlange Kleider rauschten durch den Salle Melpomène; durch krausige Krägen und halbderbe Boots werden sie beinahe alltagstauglich. Winterliche Tweed-Stoffe scheinen mit feinen Glitzerfäden durchzogen und wuschelig-wollige Mockneck-Croptops sind wohldosiert über fließende Evening-Gowns platziert. Fesche Streifen-Ensembles im Layering-Look würden auch den Streetstyle-Stars gut stehen. Mix and Match ist eben immer noch die Modeformel unseres Jahrzehnts – auch deshalb tönt zur Prèt-à-Porter der Strauss’sche Walzer „An der schönen blauen Donau“ als cooler Medley aus den Boxen.

Looks aus der Talbot Runhof Herbst/Winter Kollektion
Looks aus der Talbot Runhof Herbst/Winter Kollektion

Inspiriert ist die Talbot Runhof Herbst-Winter-Kollektion 2016 übrigens vom eigenwilligen Glamour des Wiener Opernballs. „Johnny und ich waren dort Gäste – aufregend! Für so einen besonderen Anlass wollten wir uns ordentlich rausputzen“, so Runhof. „Wir selbst trugen maßgeschneiderte Anzüge von Purwin & Radczun aus Berlin. Vor Ort stellten wir fest: die Männer in ihren Fracks sahen so viel besser aus als die Frauen. Den Frack wollten wir deshalb direkt auf die Frauenmode übertragen. Viele der aktuellen Schnitte sind also ‚VoKuHiLa’: Wie ein Schwalbenschwanz vorne kurz und hinten länger“, erklärt der Designer.

Den Geschäftssinn verlieren sie bei allem modischen Treiben glücklicherweise nicht: Für Johnny Talbot und Adrian Runhof wird es immer wichtiger, auch die Kundin auf ihren Modenschauen dabei zu haben. Ein gewisses Kontingent wurde dafür im Voraus in dieser Saison sogar verschenkt – „die waren ruck zuck weg“, so Runhof. „Für die Kundin ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Sogar aus New York und London kamen sie diesmal nach Paris. Nach der Show laden wir die Damen zum Pre-Ordern in den Showroom ein. Wenn die Kundin aus Ingolstadt dort für 20.000 Euro bestellt, ist das für uns ein großes Kompliment – dann haben wir eigentlich alles richtig gemacht.“