Tillmann Lauterbach

Designer, Nomade, Künstler

Für den deutschstämmigen, international verwurzelten Designer Tillmann Lauterbach läuft es gerade ziemlich gut: Kritiker loben seine Herrenmode, die er unter eigenem Namen von Paris aus entwirft. Seiner zweiten Leidenschaft, der Kunst, frönt nun eine Einzelausstellung in Wien, die seine aus Zivilisationsschrott gestalteten Objekte dem Publikum präsentiert.

Die Karriere von Tillmann Lauterbach, der mit Damenkollektionen begann und sich seit seinem Relaunch vor drei Jahren auf Herrenmode konzentriert, verfolgen wir schon seit ihren Anfängen im Jahr 2004. Aber dafür, dass wir seine Arbeit ganz hervorragend finden, ist er in der Achtung Mode bisher viel zu kurz gekommen. Das mag daran liegen, dass der gebürtige Bonner zu jenen deutschen Modedesignern gehört, die im Ausland erfolgreich sind, hierzulande aber nur wenige kennen – selbst von unserem Radar kann ja kurzzeitig mal jemand verschwinden. Vor allem, wenn er ein so zivilisiertes Nomadendasein fristet wie Lauterbach. In seinem Heimatland hat Tillmann nämlich ohnehin nur wenige Jahre verbracht: Tiefer verwurzelt fühlt er sich in Spanien, aufgewachsen ist er auf Ibiza. Und von Paris aus, seinem dauerhaften Wohnsitz seit etwa einer Dekade, bricht er dann immer wieder regelmäßig auf in die Welt.

Auf intelligente Art den Anarchisten in sich tragen

Dieses zivilisiert Nomadenartige bestimmt auch seine Mode, die ein wenig so ist, wie er selbst. „Jemand, der Tillmann Lauterbach trägt, der reist viel und deshalb Gefallen an funktionalen, coolen Designs findet“, verrät der hochgewachsene, hochreflektierte Blonde im Gespräch mit Achtung Mode, während er in einem Seouler Hotelzimmer auf sein Abendessen wartet. „Das ist einer, der auf eine intelligente Art den Anarchisten in sich trägt. Er ist nicht konform mit der Masse, schätzt aber dennoch konservative Werte, Qualität und ungewöhnliche Schnitte.“

Klassische Herrenmode aufzubrechen mit Elementen und Details, die auf den Straßen von New York oder London genauso funktionieren wie in Tokio, Berlin oder Paris, das ist die Formel für Tillmanns Kreationen. In praktisch allen seinen Kollektionen gibt es deshalb Anzugshosen, die einen gewissen Baggy-Fit haben – wie eine lockere Jeans, nur eben aus feinem Zwirn – oder ein zweireihiges Jackett, das sich durch verschiedene Formen von Materialeinwirkungen und Dekonstruktionen seiner ursprünglichen Uniformität entledigt. Die Kreation eines universal-urbanen Stils funktioniert bei Tillmann oft auch über den Lagenlook, als ob sich durch die Schichtung verschiedener Kleidungsstücke Spuren ihrer Herkunft verwischen ließen. In der aktuellen Winterkollektion sind das zum Beispiel sportliche, buntbesprenkelte Blousons, die über knieumspielenden weißen Hemden und unter einreihigen Mänteln gleicher Materialität getragen werden. Oder auch ein leichter grauer Anzug aus Gabardine, bei dem das Hemd einen gerippten Sportkragen aufweist und Shorts über Hosen sitzen.

Das gefällt, und ohnehin läuft es seit dem Relaunch bei Tillmann Lauterbach immer besser. Erst eine Nominierung unter die ersten zehn Finalisten des neuen Nachwuchspreises von LVMH im Frühjahr dieses Jahres, dann vor kurzem die Einladung der Camera Nazionale della Moda, seine kommende Sommerkollektion während der Mailänder Männerwoche zu präsentieren. Außerdem geht es mit den Verkaufszahlen stetig bergauf. Seine Kollektionen sind mittlerweile in 36 Läden weltweit erhältlich (außer in Deutschland, hier seien seine Entwürfe vielen Einkäufern schlicht „zu designlastig und avantgarde“, befindet der Designer).

Mehr Herz und Kopf als Körper

Einen Investor zu haben, würde Tillmann dennoch ganz gut gefallen, denn: „Je besser es läuft, desto mehr brauchen wir Geld, um Kollektionen vorzufinanzieren.“ Alles, was Tillmann verdient, steckt er direkt wieder in seine eigene Marke – neben seinem Herrenlabel hat er nämlich auch noch Positionen als Consultant einer chinesischen Marke inne wie auch die des Artistic Directors bei Head Sportswear für Korea. Die Arbeit an seinem eigenen Label empfindet Tillmann daher als seinen größten Luxus. „Deshalb arbeite ich dort auch nur mit Leuten zusammen, auf die ich Bock habe“, findet Tillmann. „Wir sind zu fünft und jeder von uns macht drei Jobs, deshalb ist es sehr familiär unter uns. Das hat fast einen Arbeitskommunencharakter.“

Als Atelier und Wohnraum gleichermaßen dient ihm ein schmales Reihenhaus aus dem 19. Jahrhundert beim Parc des Buttes-Chaumont. Hier entstehen nicht nur seine Kollektionen, die er in Paris und Belgien produzieren lässt, sondern auch seine Kunst – das, was er selbst eher als „rumbasteln“ bezeichnet. Tillmann, für den es sich eher zufällig ergeben hat, Modedesigner zu werden, weil er gerne mit den Händen arbeitet, braucht diesen Ausgleich, der „mehr Herz und Kopf als den Körper“ anspreche. Gleichzeitig schätzt er aber den Zwang der Mode, etwas zum Abschluss zu bringen.

Dass sich beides gut befruchtet, zeigt sein aktuelles künstlerisches Projekt – Objekte, die er selbst als „Zivilisationsschrott“ bezeichnet. Praktisch „heimatlose und unbeseelte Dinge“, die er auf der Straße findet, setzt er so zusammen, dass am Ende eine Art „Pseudo-Heimat“ entsteht, die im Grunde sehr international ist, obwohl sie aus lokalen Elementen gebildet wurde. Auch irgendwie ein nomadischer Ansatz – wie in seiner Mode.

Aus diesem Projekt stammen jene Werke, die Tillmann Lauterbach nun in Wien im Rahmen einer Einzelausstellung präsentiert. „Objects of ordinary Madness“ ist ab dem 24. Oktober bis zum 23. November 2014 in der Galerie Kühlraum / Sabotage Films zu sehen.

Quelle: Achtung #28

 

 

TILLLMANN LAUTERBACH: “OBJECTS OF ORDINARY MADNESS”

AUSSTELLUNG 24.10-23.11.2014

GALERIE KÜHLRAUM/SABOTAGE FILMS

RENNGASSE 17

1010 WIEN