Auch Georgien hat eine Modewoche

Achtung Digital war Ende Oktober zu Gast auf der Tbilisi Fashion Week

Georgiens Modeszene ist momentan in aller Munde. Das hat das kleine transkaukasische Land eingepfercht zwischen den großen Nachbarn Russland und Türkei vor allem ihm zu verdanken: Demna Gvasalia. Als Kreativdirektor bei Balenciaga und dem Pariser In-Label Vetements mischt der Designer mit den georgischen Wurzeln gerade gehörig die Modewelt auf. Noch dazu wird der „Post-Soviet-Style“ unter der Führung von Lausbuben-Labels wie Gosha Rubchinskiy gefeiert. Grund genug, sich einmal anzuschauen, was in der Hauptstadt Tbilissi in Sachen Modedesign aktuell passiert.

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Stadt der Kontrast: in Tbilissi entstehen neue Luxushotels neben alter Substanz. Wie das 5-Sterne-Luxushotel Biltmore, indem Achtung Digital nächtigen durfte

Bislang war die georgische Küche, nicht deren Mode, des Landes bestbehütetes Geheimnis. Sie galt als Haute Cuisine der sowjetischen Esskultur. Heute locken Wein und Speisen, die mal an ihre orientalischen, mal an ihre kaukasischen Nachbarn erinnern, Touristen ins Land. In jüngerer Zeit hat sich Tbilissi außerdem zum Wallfahrtsort der internationalen Electro-Community gemausert. In der Hauptstadt gibt es wenig Bars. Dafür umso mehr Raves und Clubs, in denen es so heftig hergeht, dass bei jedem Wumms aus den Boxen noch ein bisschen mehr Putz von den bröckelnden ehemaligen Sowjet-Fassaden rieselt.

Georgien: Ein Land im Umbruch

Macht nix, bald kommen ohnehin die Abrissbirnen. In Tbilissi wird nämlich an allen Ecken und Kanten gebaut. Neben sanierungsbedürftiger Substanz entstehen Luxuswolkenkratzer und Fünf-Sterne-Hotels. Genauso wie Luxusboutiquen neben kleinen Läden eröffnen, in denen die gleichen Designertaschen für nur einen Bruchteil über die Ladenfläche gehen. Replika, natürlich. Die werden hier in Schaufenstern auf der Haupteinkaufsmeile beworben, wo sie anderswo im verborgenen ruhen. Georgien ist ein Land der Kontraste. Hier ist alles im Umbruch, hier ist Reibung. Das macht es derzeit so dynamisch und dadurch überhaupt erst möglich, dass sich eine Kreativszene entwickelt. Ein bisschen so wie im Berlin der Neunziger. Als man auf Flughäfen noch rauchen durfte und junge Wilde alte Flächen mit neuen Ideen und füllten und grenzenlos feierten, weil es noch kein Morgen gab.

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In Georgien entsteht viel Frisches. Das neue Hostel “Fabrika”, von den Machern des Designhotels “Rooms” in einer ehemaligen Industrieikone errichtet, lässt es sich aushalten.

Auch Berlin tapste damals modisch auf ersten Pfaden. Warum sollte das in Georgien anders sein? Wobei die Entwicklung in Tbilissi mit der Post-DDR-Geschichte Berlins ja eigentlich nur mäßig vergleichbar ist. Wie alle Post-Sowjet-Länder hat Georgien eine vollkommen eigene Dynamik. Von der Annäherung an den Westen, was scheinbar stets mit einer Annäherung an das System Mode einhergeht, profitiert letzterer natürlich auch selbst. In Tbilissi hat man nach einem Besuch des ehemaligen Präsidenten George W. Bush, der nach Speis und Trank alles ganz fantastic fand, eine Straße nach ihm benannt. Jeder, der vom Zentrum zum Flughafen will und umgekehrt, muss sie unweigerlich passieren. Ein meterlanges Denkmal für eine Nation, die hier gerne subventioniert und investiert. Eine Straße als Gegenleistung? Zweifelsohne erhoffen sich die USA von ihrem finanziellen Support mehr.

Gemeinsam mit einer Delegation internationaler Pressevertreter war Achtung Digital jedenfalls eingeladen, sich ein eigenes Bild der hiesigen Fashionszene zu machen und Ende Oktober zu Gast auf der Tbilisi Fashion Week. Eine der zwei Modewochen der Stadt, die bereits seit 2009 zweimal jährlich stattfindet. Aber erst seit zwei Saisons, eben dank Gvasalia, auf dem internationalen Radar aufgetaucht ist. Wie in so vielen anderen Ländern auch ist es gar nicht unüblich, dass die örtliche Kreativszene sich zeitlich versetzt und mit unterschiedlichen Sponsoren institutionell organisiert. Kiew hat zwei Modewochen, ebenso Barcelona, Moskau sage und schreibe vier! Manchmal sprechen politische Interessen dafür, manchmal ist schlicht ein anderer Fokus gesetzt.

Tbilisi Fashion Week: Förderung junger Talente

„Das Augenmerk der Tbilisi Fashion Week richtet sich primär auf junge Talente, die wir im Rahmen der Modewoche gezielt fördern wollen“, erklärt Tako Chkheidze. „Unsere Designer wollen wir auch im Ausland promoten. Wir laden Presse, aber auch internationale Einkäufer ein“, ergänzt sie. Die attraktive Georgierin, ein stolzes Ex-Model, ist die Initiatorin dieser Modewoche und gleichzeitig ihr dankbarstes Gesicht. Zu den Schauen erscheint die schmale Hünin mit den dunklen Katzenaugen und einem Look wie Uma Thurman in Pulp Fiction stets in Fummel von georgischen Jungdesignern, die zumindest in der Ukraine oder Russland schon in den Läden hängen. Damit bietet sie Futter für soziale Kanäle von Aserbaidschan bis Paris. Willkommenes Marketing für den Modenachwuchs, der sich echte gute Models oft nicht leisten kann — wie wohlgemerkt das junge Designvolk überall auf der Welt.

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Tbilisi Fashion Week Initiatorin und Influencer Tako Chkheidze trägt zu den Schauen georgische Designer. Fotografie: @tako_chkeidze

Eine arty Installation scheint eine mögliche Lösung zu sein für das Problem mit den Mannequins. Das Mode-Kunst-Kollektiv LTFR & Gipsy Samurai, aus dessen Freundeskreis schon so spannende Projekte wie die derzeit viel besprochene Dokumentation When the earth seems to be light über die georgische Skater-Szene hervorgegangen ist, zeigten im Rohbau des gerade entstehenden „Four Seasons” Hotels kriegerische Outfits zu geschichtlichen Referenzen. Die farbenfrohen Streetstyle-Looks wurden von Teenagern, „authentischen Typen“, präsentiert, die mal auf Hochstühlen oder auf Podesten hockten und ausgestattet mit Schlägern und Helmen auf dem Kopf ihr Revier markierten. Daneben wurden in Glasvitrinen Matchboxautos, abgegriffene Rollschuhe, aber auch verrostete Miniatur-Panzer ausgestellt. Eine wahrhaftig symbolisch aufgeladene Mélange, die mal grob zusammengefasst eine Hipster-taugliche Verarbeitung von georgischen Kindheitserinnerungen, Kriegsjahren und eine aufkommende Konsumkultur in Einklang brachte.

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Arty Installation im Luxus-Rohbau: LTFR & Gipsy Samurai während der Tbilisi Fashion Week

Was die Sache mit den Models für einen Unterschied macht, konnte man auch im „Rooms” Hotel, dem Hauptveranstaltungsort der Modewoche — Tbilissis bester Hangout-Space und nebenbei Georgiens erstes Designhotel — oft genug bestaunen. Da wäre zum Beispiel Tamuna Beradze. Eine junge Designerin, die in Tbilissi geboren wurde und am Istituto Marangoni in Paris studierte. Ihre erste richtige Kollektion, die sie am zweiten Tag der Tbilisi Fashion Week präsentierte — ein asymmetrisches Multi-Colour Multi-Material Multi-Lagen Potpourri, deren Design mit Vorliebe durch schmale Taue in großen Ösen zusammen gehalten wurden — mochte auf dem Laufsteg nicht so richtig zünden. Was sicherlich auch daran lag, dass die ultramodische Kollektion an den Körpern der Hobby-Mannequins nicht wirken wollten.

In Georgien wird ein Schuh draus

Einen Tag später, im Showroom, sahen die teils metallisch glänzenden, teils transparent irisierenden Jacken und Kleider, Blusen und Hosen dann aber ziemlich stark aus. Beradze weiß um das Problem und verrät: „Natürlich zählt nicht nur die Kollektion, sondern auch das Visuelle, das sich drum herum bewegt. Für mein Lookbook wollte ich daher eine ganz besondere Location.“  Gefunden hat sie diese in „Fabrika“, einer ehemaligen Fabrik und frisch eröffneten Hostel, übrigens von den gleichen Machern wie das „Rooms“. Der bunte raue Charme der Räume findet sich hervorragend in der Kollektion wieder. Beziehungsweise: andersherum wird ein Schuh daraus.

Lookbook der georgischen Designerin Tamuna Beradze
Lookbook der georgischen Designerin Tamuna Beradze

Apropos Schuh. Eine Besonderheit unter georgischen Designern ist, dass sie in den meisten Fällen neben der Ready-to-Wear auch eigene Schuhkollektionen haben, und das auf oft hohem Niveau. Ist eine Kollektion gelegentlich mal pfui, entlockt den anwesenden Gästen oft der Blick nach unten das nötige hui. „Das Handwerk des Schusters ist hierzulande noch ziemlich verbreitet, per Hand angefertigte Schuhe keine Seltenheit“, erklärt Ani Datukashvili. Die Nachwuchsdesignerin, die ebenfalls Kurse am Istituto Marangoni in Paris belegte, gehört zweifelsohne zum Talentkader der Tbilisi Fashion Week. Pfui ist bei ihr nichts.

Während der Tbilisi Fashion Week präsentiert Ani Datukashvili eine starke Kollektion. Auch sie gestaltet ihre Schuhe selbst
Während der Tbilisi Fashion Week präsentiert Ani Datukashvili eine starke Kollektion. Auch sie gestaltet ihre Schuhe selbst

Die blutjunge Georgierin, die eine Schwäche hat für hart fallende Slipdresses, stufige strukturierte Oberflächen, buntes Lackleder und den dosierten Einsatz von Statement-Schriftzügen („No Signal Found“), brachte während der Tbilisi Fashion Week eine absolut solide erste Kollektion auf das Parkett, die von einem aufrichtigen Gespür für Zeitgeist zeugt. Die Schuhe dazu? Blockabsatz-Sandalen in komplementären Farben. Weil es in Georgien schwierig ist, an gute Stoffe heranzukommen, shoppte Datukashvili lieber die Lagerreste renommierter italienischer Textilfabrikanten. Ein cleverer Trick, zumindest bis sie, es wäre ihr zu wünschen, irgendwann in größerer Stückzahl produziert. Beziehungsweise überhaupt erst einmal etwas für den Handel produziert. Bis es so weit ist, hält der Papa als Financier hoffentlich noch eine Weile durch.

Zwei Gvasalias für ein Georgien

Eine Kollektion, in der schon deutlich mehr Geld steckt, ist die von Mariam Gvasalia, eine coole junge Frau und ihre Schau am Samstag Abend das heißeste Ticket der Woche an spannendster Offsite-Location: in einer Textilfabrik! Während die Models sich ihren Weg durch die Gänge schlängelten, nahmen die Gäste an kleinen Tischen vor den Nähmaschinen Platz. Dort, wo sonst die Näherinnen sitzen — ziemlich meta! Bei dem Spektakel machte es dann auch nichts, dass ihre Entwürfe, allen voran die Katzen-Rapports und aufgeblähten Karos zu aufgebrochenen Pencil-Skirt-Silhouetten, teils an jene von Miuccia Prada erinnerten. Immerhin hat sie sich bei der Meisterin inspirieren lassen, es gibt schlechtere Referenzen.

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Hottest ticket in town: Mariam Gvasalia präsentierte ihre Kollektion für das kommende Frühjahr in einer Textilfabrik

Ob Mariam Gvasalia eigentlich mit Demna Gvasalia verwandt ist, wollten wir von der Designerin wissen. Leider konnte sie zum vereinbarten Interview-Termin mit Achtung Digital nicht erscheinen — unmittelbar nach ihrem großen Finale zogen fiese Gallensteine sie ins Krankenhaus. Wir senden digitale Genesungsgrüße und finden, dass das für das ja auch eigentlich keine Rolle spielt. Zwei talentierte Gvasalias sind für Georgien auf jeden Fall besser als einer.