Die Spring/Summer 17 Kollektion des Münchner Modeduos lief dieses Mal unter dem Titel „It’s a jungle out there“; alle Bilder: imaxtree

Es ist ein Vamp geworden

Die Münchener Modemarke Talbot Runhof feilt derzeit an ihrem Image. Mit der aktuellen S/S17 Kollektion, die sie auf der Paris Fashion Week präsentierten, ist ihnen ein wichtiger Etappensieg gelungen

Alle Nase lang brauchen Modemarken einen neuen Anstrich, damit sie nicht verblassen. Den richtigen Ton zu finden, ist schwer. Wer zu leicht drüber Pinselt, trifft vielleicht die vorherige Farbe — meistens ist die aber gar nicht mehr modern. Wer mit zu vielen Pigmenten spielt, läuft Gefahr, dass der Ton hinterher einfach nicht mehr zu der Marke passt.
Bei großen Modehäusern bedeutet ein neuer Anstrich meist: ein neuer Designer. Während der Paris Fashion Week gab es gleich einige Débuts. Ob Maria Grazia Chiuri, Raf Simons Nachfolgerin und erste Kreativdirektorin bei Dior, oder Anthony Vaccarello, ihr Antagonist bei Yves Saint Laurent, die Luxusmarken schöner färben und nicht nur klecksen und kleckern, wird sich zeigen. Die Mailänder sind schon wieder einen Schritt weiter. Auch so kann es nämlich kommen: Bei Brioni scheint Justin O’Shea nicht nur gepinselt, sondern lieber gleich ein neues Haus gebaut zu haben. Jedenfalls soll er nach nur einer Kollektion schon wieder gehen.

Revamping Talbot Runhof

Bei kleineren Marken ohne Konzern im Nacken muss nicht gleich die kreative Spitze ausgetauscht werden, wenn Renovierungen anstehen. Schon gar nicht, wenn die Chefdesigner auch Markenchefs ihres eigenen Labels sind. Wie Johnny Talbot und Adrian Runhof, die seit zwei Dekaden von München aus erfolgreich Talbot Runhof führen. Die beiden sind längst eine feste Größe auf der Paris Fashion Week, im März diesen Jahres feierten sie ihre 20. Saison in der Hauptstadt der Mode. Außerdem gehört Talbot Runhof zu den wenigen deutschen Labels, die konstant kommerzielle Erfolge feiern. Ihre glänzenden Abendkleider imponieren solventen Trägerinnen in Dubai genauso wie poppigen prom queens in den USA.

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Adrian Runhof und Johnny Talbot nach ihrer Schau in Paris

Warum also etwas ändern, könnte man sich fragen, wenn sich die Marke weder über mangelnde Fans noch verkaufte Fummel beschweren kann? Zum Beispiel, weil sich die kreative Spitze weiterentwickeln möchte. Oder es satt hat, ausschließlich für nur eine Sache Anerkennung zu bekommen, obwohl man viel mehr kann. Im Gespräch mit Achtung Digital erzählte Adrian Runhof nach der vergangenen Saison, er fände es schade, dass Talbot Runhof nur für Abendkleider stünde, die auf dem roten Teppich funktionierten, ansonsten aber nur im Schickeria-Kontext. Wohingegen die modischen Elemente einer jeden Kollektion von Einkäufern und Redakteuren vernachlässigt werden.

Talbot und Runhof haben sich also entschieden, ihrem Label einen neuen Anstrich zu verpassen. „Revamping Talbot Runhof“, so nennen sie die Modernisierungsstrategie in Sachen Design und Visuals, zu der auch neue Shops in Düsseldorf und bald in Berlin gehören. Ihre bestehenden Kunden wollen sie natürlich behalten — aber am liebsten noch ein paar neue dazu gewinnen. Nachdem sie dieser Tage im Rahmen der Paris Fashion Week ihre Kollektion für Frühjahr-Sommer 2017 mal wieder Rive Gauche im Salle Melpomène präsentierten, kann man sagen: Es ist ein Vamp geworden.

It’s a jungle out there

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In Zusammenarbeit mit der Stoffdesignerin Clara Fantoccoli ist ein farbenfroher Ethno-Print entstanden, der sich auf Röcken, Roben und Blusen wie ein roter Faden durch die Kollektion zieht

Ihre Kreationen liefen dieses Mal unter dem Titel „It’s a jungle out there“, und mit ihnen werden sie sich im Modedschungel sicherlich behaupten können. Alles wirkte frischer, jünger und modischer als sonst. Trotzdem waren die Kleider immer noch deutlich als Talbot Runhof erkennbar. Gemeinsam mit der Stoffdesignerin Clara Fantoccoli entstand etwa ein farbenfroher, intrikater Ethno-Print, der sich auf Röcken, Roben und Blusen durch die Kollektion schwingt wie das kleine Äffchen, das sich im Muster versteckt. Das Thema Safari findet sich ebenfalls in bodenlangen Kleidern wieder, die teils mit vielen aufgesetzten Taschen daherkommen, wie man es von Cargo-Hosen kennt. Das wirkt irgendwie cool, ohne dass es nach Dekonstruktion nur so schreit.

Auch sportliche Elemente finden sich aktuell: Verstellbare Gummizipper von Regenjacken und Parkas finden an Seersucker-Abendkleidern ein neues Zuhause. Und zu zeitgemäßen Culottes aus cognacfarbenem Leder wird auch schon mal ein Kapuzenpullover kombiniert, wie man es aktuell aus der Streetwear kennt. Den Kundinnen wird es bestimmt gefallen, zur schillernden Robe gleich den Lümmelsweater für den Morgen danach zu ordern. Diese Teile helfen ebenfalls, um auch Stylisten und Moderedakteuren einen anderen Zugang zur Marke zu ermöglichen als nur über die Einbahnstraße Anlassmode. Das kann und wird sich hoffentlich bald sehen lassen.