Hoch hinaus will die deutsche Mode in Berlin – und vergisst dabei allzu oft, dass es dafür erst das richtige Fundament braucht

Sei laut, sei klar, sei enthusiastisch!

Ein Kommentar zum Modestandort Berlin und Deutschland

„Sei laut, sei klar, sei enthusiastisch und erzähl es jedem!“, das wünschte ZEITmagazin Style-Director Tillmann Prüfer fast kämpferisch der deutschen Mode, als wäre das alles hier kein Spaß, sondern Pflicht. Und doch, wer sich in den Tagen nach der ZEITmagazin x VOGUE Konferenz ein Bild zur Standortfrage Berlins und Deutschlands in Sachen Mode gemacht hat, kann eigentlich nicht anders, als lauthals mit ihm einzustimmen. Vorausgesetzt allerdings, man hatte vor allem drei der rund hundertfünfzig Veranstaltungen der Modewoche in Berlin besucht: eben jene Konferenz, den neuen Berliner Modesalon und die Show von Dorothee Schumacher.

Denn auf Ersterer erklangen endlich jene hoffnungsvollen, kämpferischen Stimmen der deutschen Mode, die man zu lange vermisst hatte. Die Zweite trat als Veranstaltung urplötzlich und fast einer Offenbarung gleich für Presse, Einkäufer und Designer auf den Bildschirm und zeigte, wie eine gemeinsame, respektable Leistungsschau deutschen Modedesigns aussehen kann. Und die Dritte ließ in der Villa Elisabeth einfach 43 Looks über den Laufsteg laufen, die das urdeutsche Dilemma zwischen Ernst und Entertainment nonchalant ad acta legte. Sollen sich doch andere damit beschäftigen, ob die Mode in Deutschland immer noch eine Parade der Nichtigkeiten aus Showsternchen, Freigetränken und Bla-Bla-Journalismus ist oder ein respektables Kultur- und Wirtschaftsgut. Die beste Antwort ist immer noch das Produkt, scheint sich da auch Frau Schumacher gedacht zu haben, die eine durchaus kommerzielle Kollektion zeigte und in deren Frontrow natürlich jene Showsternchen saßen. Aber was, zum Teufel, ist daran eigentlich so schlimm?

Ein Thema, das auch die bedachtsame Jeanne d‘Arc des deutschen Modedesigns, Christiane Arp, ihres Zeichens Chefredakteurin der deutschen VOGUE, auf jener ZEITmagazin Konferenz zum Thema „Fashion loves Berlin“ zur Frage stellte. Auch wenn sie dies natürlich wesentlich eleganter formulierte: „Warum haben wir Deutschen eigentlich so viel Angst davor, schön zu sein?“ Wohl eine rhetorische Frage, der sie dann auch schnell ihre eigenen Wünsche hinterher schickte, es möge doch endlich ein Umdenken geben, und dass „das hier nicht immer alles eine Frage des Standortes ist und eine politische Diskussion, denn letztendlich geht es um eine Sache: gutes Design.“

Jenes gute Design ist es dann wohl auch, was das German Fashion Design Council (GFDC) fördern will und dessen Gründung Arp als dessen Präsidentin auf der Konferenz gleich mit verkündete. Ab März spätestens soll nun also alles besser werden, dann nimmt der deutsche Moderat seine Arbeit auf. Er soll Mode als Kultur- und Wirtschaftsgut fördern und für die mehr als notwendige mediale Wahrnehmung im Ausland sorgen. Weitere Unterstützer fand man neben Arp unter anderem in der Premium-Chefin Anita Tillmann, der einflussreichen PR-Lady Marie-Louise Berg oder Melissa Drier, Deutschand-Korrespondentin der WWD.

Ein mehr als hoffnungsvolles Zeichen, diese lang ersehnte Gründung, hatten doch zuvor manche Zeitungen die Zukunft der Modestadt Berlin schon ähnlich trüb wie den grauen Himmel über der Stadt gezeichnet, nachdem Altmeister Karl-Heinz Müller und die wohl bekannteste Modemesse, Bread & Butter, Insolvenz anmelden mussten. Natürlich ohne auch nur im Nebensatz darauf hinzuweisen, dass die Probleme der Bread & Butter vor allem eins waren: hausgemacht – und nun wahrlich nichts mit der Stadt Berlin zu tun hatten. Sicherlich, wenn sich selbst für Modekenner die Namen des offiziellen Schauenkalenders eher lesen wie eine Auflistung unbekannter Teenie-Bands, sei der Zweifel schon erlaubt. Aber verantwortlich für die Inhalte einer Fashion Week ist nun einmal nicht die Fashion Week, sondern alle. Jahrelang wurde immer wieder fröhlich zum Berlin-Bashing eingeladen: Berlin sei zu arm, zu langweilig, zu Avantgarde, zu unwichtig, zu experimentell, zu desinteressiert. Und ja, Berlin ist nicht Paris, das hat nun auch der Letzte verstanden. Und selbst das kleine Kopenhagen ist in der Modewelt wichtiger als das weltmännische Berlin. Die Frage bleibt: Warum? Sie ließe sich so einfach beantworten: mangelnde Unterstützung. Und die beginnt am Beispiel Dänemarks schon mit dem eigenen Kleiderschrank. Wer je die Garderobe dänischer Frauen inspizieren durfte, weiß, dass diese so gut wie ausschließlich aus heimischen Designer besteht. Welche deutsche Moderedakteurin aber trägt im Gegenzug auch nur ein Teil eines deutschen Designers auf ihren Reisen zu internationalen Shows?

Ein Lichtblick ist da die Konzentration von 18 Marken auf drei Etagen im Kronprinzenpalais, dem Veranstaltungsort des neuen Berliner Modesalons. Dort ließ sich bei Klavierklängen und Prosecco rosé nippenden Besuchern erkennen, wie ernst es selbst jenen Designer, die ihre Kollektionen sonst in Paris zeigen, mit der deutschen Mode ist – wie der Frankfurter René Storck oder Jörg Ehrlich und Otto Drögsler von Odeeh. Auf Puppen gezogen füllte fast die gesamte Kollektion von Odeeh einen Raum aus und es hätte wahrscheinlich nur einen einzigen Blick auf ihre Entwürfe gebraucht, um auch als deutsche Frau zu verstehen, wie lässig und chic Frau in deutscher Mode aussehen kann.

Ein Segen war dieser Salon aber auch für die Designer selbst, die Kontakte knüpften. Wie Marina Hoermanseder am Stand von Iris von Arnim, vertieft in den Erfahrungsaustausch. So entstand ein bislang unbekanntes Wir-Gefühl, was auf einmal von Kreuzberger Hinterhof-Atelier bis an die Hamburger Alster reichte. Viele schienen nur darauf gewartet zu haben, dass endlich jemand eingreift und so etwas organisiert. In diesem Falle waren es der ebenfalls zum Gründungsteam des deutschen Mode-Council gehörende Markus Kurz, Geschäftsführer der Agentur Nowadays, mit Hilfe von Christiane Arp und Anita Tillmann. Eine respektable Leistungsschau hochwertigen deutschen Modedesigns, die eigentlich jedem Zweifler hätte zeigen müssen, wie viel eine gute und konzentrierte Organisation, das richtige Guest-Management und die passende Locationwahl doch bewirkt.

Fast möchte man da, den immer wieder kehrenden nörgelnden Stimmen die nach dieser Woche selbst in der Presse mit dem scharfen Blick und Sinn für die kulturelle Bedeutung von Mode wieder laut wurden, noch eine Runde dieses Prosecco rosé ordern, um sie zumindest zeitweilig in ein besänftigendes Säuseln zu verwandeln. Angemerkt wurde da unter anderem, dass viele Talente hierzulande zuletzt versuchten, den Einkäufern betont kommerziellere Entwürfe schmackhaft zu machen. Und somit viele Teile so aussahen, als bekäme man sie in jeder Fußgängerzone oder in jedem Online-Shop. Um zu erkennen, dass dies zurzeit allerdings nicht allein ein Problem der deutschen Mode ist, hätte schon der Blick auf die letzten in Paris gezeigten Prèt-a-porter Schauen gereicht. Ebenso, dass gutes Design und Kommerzialität sich nicht unbedingt ausschließen müssen.

Ich zumindest wünsche mir eine deutsche Modewoche, die ebenso vielseitig ist, ebenso überraschend und gleichzeitig professionell, wie in der vielzitierten Grande Nation der Mode. Auch in Paris sieht man nicht nur das französische Design, nicht nur Kollektionen, die einem bei jedem Entwurf den Atem stocken lassen, nur Kommerz oder nur Kreativität.
Was zählt ist Qualität, Relevanz und Konsequenz.

Wie aber sollen junge deutsche Designer diese erschaffen, wenn ihnen einerseits jahrelang erzählt wurde, das sei jetzt aber doch ein wenig zu experimentell für den Handel und nun andererseits von der Presse assistiert wird, sieht ja alles langweilig aus? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft: in der Mitte – zwischen überdekoriert, experimentell und minimalistisch, kommerziell. Aber um zu dieser eigenständigen Erkenntnis zu kommen, dass gutes Design bei weitem keinen Stempel benötigt, braucht es genau das, was jetzt erst beginnt: kontinuierliche Unterstützung.

Und ein wenig mehr Gelassenheit. Und so kam das wohl schönste Kommentar zum Modestandort in diesen Tagen dann auch von einem Mann, der eigentlich rein gar nichts zur Zukunft der heimischen Mode hätte beitragen müssen: dem Fotografen Mario Testino. “Deutsche haben immer solche Angst, sie könnten sich zu sehr stylen”, sagt der äußerst gut gelaunte gebürtige Peruaner auf der ZEITmagazin Konferenz zum Abschluss. Mehr Lockerheit, mehr Mut, mehr Lust auf Mode – so banal es klingt, darin liegt wohl viel Wahres. “Look, ihr hattet Jahrzehnte keine Fashion Week, jetzt gibt es sie. Oder nicht?” Geduld also.