Schlafende Männer

Stillstand, Schlaf und Runterfahren des Systems ­– was gerade allgegenwärtig scheint, beschäftigt die Künstlerin Michaela Schwarz Weismann nicht erst seit Ausbrechen der Corona-Pandemie. Schwarz Weismann erzählt uns, wieso Schlaf ein Grundrecht sein sollte und was Trump mit ihrem Werk „Sleeping Man“ zutun hat.

Es war ihre erste große Liebe – die Kunst. Den ersten Holzkoffer mit Ölfarben bekam sie, da war die gebürtige Tirolerin gerade zehn. Ihre Lieblinge: Klimt, Schiele und Caravaggio. Die Leidenschaft für Malerei war schon immer da, nur lange traute Schwarz sich nicht die Kunst zum Beruf zu machen. Statt im Atelier stand sie in den 90ern vor der Kamera. Bis sie ihr Leben als Model von einem Tag auf den anderen aufgab und zurückkehrte nach Wien und zu ihrer wahren Leidenschaft: Der Malerei. Modeln tut sie trotzdem manchmal noch für gute Freunde, so stand sie schon für Achtung vor der Kamera und lief auf der letzten Petar Petrov Show.

Achtung Digital: Wie hast du heute geschlafen?

Michaela Schwarz Weismann: Gut. Ich schlafe meist sehr gut und auch sehr gern. Schlafen ist für mich das schönste.

AD: Wieso lässt du in deinen ersten Werken zum Thema Schlaf ausgerechnet Männer schlafen?

MSW: Das war eine Spontanreaktion, als Donald Trump Präsident der USA wurde. Da hab ich mir gedacht, jetzt reicht es. Zeit, dass sich die Männer schlafen legen. Da hab ich angefangen, schlafende Männer zu malen. Mir geht es da nicht um den einzelnen Mann, sondern um das patriarchale Denken und das daraus resultierende kapitalistische System. Der Schlaf ist für mich die Antithese zum Kapitalismus, ein Moment in dem man keine Kriege führen, kein Marketing betreiben, nicht konsumieren kann – regenerieren anstatt ausbeuten. Außerdem – sind sie nicht niedlich, wenn sie schlafen?

„Sleeping Men”, Michaela Schwarz Weismann, Öl/Lw., 2018. Foto © Jork Weismann.

AD: Du modelst seit Jahren, bist in der letzten Petar Petrov Show in London mitgelaufen und hast auch schon eines unser Cover geschmückt. Nun ist die ganze Modebranche im Grunde das Symbol für Schnelllebigkeit überhaupt, war es diese Welt, die dich dazu gebracht hat, dich mit dem Thema Schlaf und Stillstand zu befassen?

MSW: Nein, obwohl des stimmt, dass die Modewelt fast schon symbolhaft für dieses ausbeuterische System steht. Die Mode habe ich in den letzten Jahren eher ignoriert, es war wichtig für mich, Abstand zu dieser Welt zu bekommen. Ich modle auch erst seit ein paar Jahren wieder. Nach fast 15 Jahren Pause. Das passt mir sehr gut. Ich freu mich, dass die Modewelt diverser wird. Dinge ändern sich zum Guten.

Dieses Foto von Michaela Schwarz, fotografiert von Jork Weismann schaffte es auf das Cover der Achtung Mode Nr.23.

AD: Wie könnte Stillstand Mode besser machen?

MSW: Trends sind eine künstliche Erfindung, dass man etwas, das eigentlich noch gut ist und funktioniert, wegwirft. Von mir aus könnte man mit den Trends einfach aufhören. Stattdessen Sachen machen, die man lange tragen kann, hineinwachsen, weitervererben. Das hundertste 70er-Jahr-Revival braucht kein Mensch.

AD: Wecker oder ausschlafen?

MSW: Mein Sohn ist mein Wecker, sehr verlässlich, sieben Tage die Woche. Ausschlafen hat er (noch) nicht im Programm.

Performance „All I can offer is Silence“ auf der Parallel Wien 2018. Foto © Jork Weismann.

AD: Schlaf, Stillstand, Runterfahren des Systems – das sind deine Themen. Durch die Corona Krise könnten sie gerade nicht aktueller sein. Wenn es nicht diese erschreckenden Umstände wären, wäre es genau so eine Art von Pause, die die Menschheit bräuchte?

MSW: Der Himmel erscheint jetzt viel blauer, man hört die Vögel singen, ich hab mich seit drei Wochen nicht beeilt. Ich denke, es wäre cool, das einmal im Jahr verpflichtend einzuführen, ein Regenerationsmonat, daheim sein, sich um einander kümmern, nichts konsumieren. Pause. Aber bitte mit Garten und ohne Sorgen. Also leider nur eine schöne Utopie.

AD: Um schlafen zu können muss man sich sicher fühlen. In Krisengebieten oder auf der Straße werden Menschen wohl wesentlich unruhiger schlafen – ist Schlaf Luxus?

MSW: Krieg und Krisen sind menschengemacht. In Ruhe und Geborgenheit schlafen zu können ist kein Luxus, sondern sollte ein Grundrecht sein!

Alexandra Grubeck Kuratorin der Ausstellung “Enchanted Garden”  und “Sleeping Man” mit Künstlerin Michaela Schwarz Weismann im Atelier, 2019. Foto © Martin Lusser.

Die Ausstellung “Enchanted Garden” wird nach dem Ende der Covid-19 Maßnahmen voraussichtlich wieder im Oberösterreichischen Kunstverein in Linz zu sehen sein.