Mumi Haiati illustration by Caroline Marine Hebel exclusively for Achtung Mode

Reference Berlin

Teilnehmer und Location haben sich zwar geändert, trotzdem bleibt es spannend ob Haiati's Mode-/Kultur-Festival am 18. Mai die neue Alternative zur Berlin Fashion Week wird

Macht es Sinn, in Berlin eine Laufstegshow zu inszenieren? Natürlich nicht. Wie könnte sich Mode in Berlin sonst darstellen? Da hätte man Kunst zur Verfügung oder das Nachtleben. Beides Gründe, weswegen Mode- und Kulturinsider nach Berlin kommen.

So oder so ähnlich müssen die ersten Gedanken gewesen sein, die Mumi Haiati, Gründer der Kommunikations-Agentur Reference Studio und so etwas wie der heimliche PR-Star der Hauptstadt, sich über das von ihm initiierte Festival Reference Berlin gemacht hat. Ursprünglich als Alternativformat zur Fashion Week und als modischer Counter-Part zum Gallery Weekend Berlin gedacht, wird das „Mode-Slash-Kunst-Slash-Musik-Slash-Technik“-Happening nun am 27. Oktober in der Halle am Berghain stattfinden. 24-Stunden lang soll dort die Avantgarde bei einem einzigartigen Event forschen und gestalten. Dann ist alles vorbei. Was dem gemeinem Brandenburger die Bread & Butter by Zalando, ist der globalen Kreativ-Elite Berlins nun also das Reference-Festival. Mit dem Unterschied: Der Eintritt zu Letzterem ist frei. Und Brandenburger sind natürlich auch willkommen. Das nur nebenbei.

Es macht durchaus Sinn, dass es sich bei dem Spektakel nicht um eine reine Mode-veranstaltung handelt. Hat Haiati es doch von jeher gekonnt verstanden, das zu nutzen, was man als allgemein als „Berlin Vibe“ bezeichnet, ein Sammelbecken aller möglichen Club- und Jugendkulturen. Counterculture, nennt er das, was er in seinen interdisziplinären Events zusammenführt, in denen dann Mode auf Performance-Kunst oder Untergrundmusik trifft. Statt dem Glamour anderer Modestädte nachzueifern, setzt man bei Reference Studio also auf die Stärken einer Stadt, in der sich die Cool Kids wohl kaum auf einer biederen Cocktail-Party treffen würden, sondern sich lieber im hippen Dunstkreis des PR-Manns Mumi Haiati und seines Boyfriends Marc Göhring, seines Zeichens Stylist und Fashion Director, rumtreiben. Dessen Arbeitgeber, das noch hippere Magazins 032c, gehört nun offiziell ebenfalls zum Veranstalterstamm. Denn wurden zunächst nur Haiati und der Gallerist Robert Grunenberg als Initiatoren gelistet, zieren nun auch Jörg und Maria Koch (032c) und der Kurator und künstlerische Direktor der Serpentine Galleries London, Hans Ulrich Obrist, die Pressemitteilung als Absender. Allesamt so etwas wie Kollegenfreunde oder wie es heute heißt, eine Art kreatives Kollektiv.

Im April stellte man erstmal das Konzept vor. Bei einer Dinner-Party während des Gallery Weekends im Journalistenclub des Axel Springer Verlags verlass der Journalist und Managing Editor des 032c Magazins, Thomas Bettridge, das vorerst etwas nebulöse Motto der Macher: The Big Flat Now. Und die Haiati-Gefolgschaft um das Model Larissa Hoffmann, die Tokio Hotel-Brüder Kaulitz, die Kunstfrauen Julia Stoschek und Karen Boros und den Performance Artist Micheal-John Harper lauschten brav. Davon das in Zukunft nur noch content, also Inhalt, zählt, war dort die Rede. Dass alle Zeiten und Genres koexistieren werden. Dass, aus einer Idee sowohl ein T-Shirt, als auch ein Gemälde oder ein Magazin werden kann, da nur mehr der Inhalt, nicht aber die Form zählt. Und das alles von Menschen Geschaffene zu rohen Material wird, was sich gleich dem Open-Source-Gedanken referieren, aneignen und zu etwas Eigenem machen lässt – unabhängig so banaler Unterscheidungen wie Inspiration, Konsum oder Produktion.

Ein bisschen tiefsinniges Geheimnis um die eigentliche Veranstaltung kann ja nicht schaden. Wem das alles aber zu viel intellektueller Unterbau war, eine handfeste Ankündigung gab dann es natürlich auch noch. Installationen soll es geben, Screenings, Panel-Diskussionen und klar, eine high-profile Party. Dabei soll es den Teilnehmern selbst überlassen bleiben, wie sie ihre Disziplin und Arbeiten darstellen. Sprich, ob die britische Menswear-Designerin Grace Wales Bonner die Philosophie ihrer die schwarze Maskulinität hinterfragenden Kollektion nun tanzen lässt oder in einem Video auf die rauen Wände des Berghains projizieren lässt – her choice.

Bestätigt als Teilnehmer sind neben der Britin bisher: der in Berlin lebende Designer Stefano Pilati, das Mode-Kollektiv GmbH und italienische Luxuslabel Gucci. Außerdem wird es eine Ausstellung über den im Jahr 2007 verstorbenen amerikanischen Performance-Künstler Richard Gallo geben, zu dessen Wirkungskreis es, interessantes Detail, gehörte mit einer Henkersmaske Zitronen in der Öffentlichkeit zu verteilen. Und natürlich wird 032c seine neue Merchandising- oder wie es jetzt heißt, Apparel-Kollektion zeigen. Mit der man übrigens, laut Koch, in den ersten vier Monaten mehr Umsatz gemacht als in den ersten vier Jahren 032c. Auch dank ihr ist die Zeitschrift 032c mittlerweile zu so etwas wie einer Hype-garantierenden Kultur-Plattform avanciert, kann durch sie doch jeder ein Teil des Magazin-Mythos sein – vom 17-jährige Skater bis hin zum 70-jährige Kunstsammler.

Und so ist Reference Berlin wohl der passende Spiegel dessen, was gerade in der Mode passiert. Schließlich befasst sich diese dieser Tage immer mehr mit intelligenter Rekontext-ualisierung. Das ist heute in der Mode entscheidend. Denn schon längst verkauft man nicht mehr nur einen Stil, sondern eine Philosophie, begründet auf dieser eine getreue Community und ersetzt so die Marke durch ein bedeutungsschweres Identitätskonstrukt. Dass es nun ein Festival gibt, das sich dieses Konzept zu eigen macht und das auch noch in Berlin – kann dieser Stadt nur guttun.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 36 (September 2018)