Pssbl stellt Taschen aus recyceltem Plastik her.

Die Möglichmacher

Nachhaltigkeit darf kein leeres Marketingversprechen sein. Wie das geht, zeigt die Marke Pssbl, die ihre Taschen nicht nur aus recyceltem Plastik produziert, sondern sich auch für ein generelles Umdenken einsetzt

Der Tonlé Sap in Kambodscha ist der größte See Südostasiens und eines der fischreichsten Binnengewässer der Erde. Obwohl er ganze Bevölkerungsgruppen ernährt, hat er ein großes Problem: Müllberge stapeln sich an seinen Ufern und Plastik verseucht das Wasser. Das Kollektiv Pssbl hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Räume so lebenswert wie möglich zu gestalten. Mit ihren Cleanups tragen sie zur Säuberung des Tonlé Saps bei und treten mit Regierungen über Umweltschutz in den Diskurs. Aus recyceltem Plastik stellt Pssbl außerdem Taschen her, die man gewissenlos tragen kann. Im Januar 2020 launcht Pssbl die erste komplette Kollektion bestehend aus Rucksack, Reisetasche, Tragetasche und Laptoptasche. Marc Finsterlin, einer der Gründer, spricht mit uns über den Entstehungsprozess der Marke und nachhaltige Globalisierung.

Marc Finsterlin beim Müllsammeln auf dem Tonlé Sap.

Achtung Digital: Im Zuge eurer Arbeit in Kambodscha habt ihr die Pssbl-E4-Strategie entwickelt. Was hat es damit auf sich?

Marc Finsterlin: Die Strategie beginnt mit unseren Eco-Warriors. Das sind bis zu 100 Mädchen, die wir in Kambodscha unterstützen. Wir ermöglichen ihnen ein Studium, ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen. Als Gegenleistung helfen sie uns bei den Cleanups am Tonlé Sap und dabei die Bildung vor Ort voranzutreiben. Das zweite E steht für „Engagement“. Wir wollen nicht nur aufräumen, sondern auch eine permanente Infrastruktur schaffen. Zum Beispiel haben wir Recyclingplätze gebaut und eine Müllabfuhr initiiert. Daher war für uns auch „Education“ wichtig. Wir mussten das Problem an der Wurzel mit längerfristigen Änderungen packen. Als viertes E bleibt „Environment“. Kambodscha hat ein riesiges Müllproblem. Jede Woche finden kleinere Cleanups statt und zwei Mal im Jahr richtig große Aktionen. Anfang Juni waren 4.000 Leute dabei.

AD: Woher kommt der Müll, der den Tonlé-Sap-See verseucht?

MF: Größtenteils kommt er nicht aus Kambodscha. Weit mehr als die Hälfte ist importiert. Bei den Cleanups stellen wir immer wieder fest, dass auch deutscher Müll dabei ist. Seit China die Grenzen für Müll zu gemacht hat, hat sich das Problem im Rest von Asien verschärft. Gott sei Dank ändert sich das jetzt langsam. Vietnam, Indonesien und Thailand haben die Grenzen ebenfalls geschlossen. Wir sind bereits mit der Regierung in Phnom Penh im Gespräch, dass in Kambodscha Müllimporte auch verboten werden.

AD: Ihr lasst in Asien auch produzieren. Wie habt ihr die Produktionsstätte ausgewählt?

MF: Aus dem nachhaltigen Gedanken heraus, wollten wir ursprünglich in Europa produzieren. Daran sind wir aber gescheitert. Im Bereich der Funktionskleidung findet man nur in Vietnam die Spezialisten. Wir sind dann in Kontakt mit der Outdoor-Marke Deuter gekommen, die jetzt Partner unseres Projektes ist und sich um die Produktion kümmert. Unsere Produkte werden in der exklusiven Deuter-Fabrik in Vietnam hergestellt.

Der Tag verrät, wie viele Flaschen zu der jeweiligen Tasche verarbeitet wurden.

AD: Inwieweit sind eure Produkte nicht nur ökologisch, sondern auch sozial fair produziert?

MF: Die Firmen, mit denen wir arbeiten, zahlen ähnliche Mindestlöhne wie man sie in Portugal oder im Baltikum auch hat.

AD: Und wie wird aus den gesammelten Flaschen dann der fertige Stoff?

MF: Die Flaschen geben wir in Kambodscha ins Recyclingsystem. Der Stoff kommt aus Taiwan. Dort gibt es den größten Markt für funktionale recycelte Materialien. Es wäre ein zu großer Aufwand, garantieren zu wollen, dass genau die Flasche, die wir gesammelt haben, auch am Ende zu einer unserer Taschen verarbeitet wird. Es wäre nicht wirtschaftlich und auch umwelttechnisch totaler Irrsinn und Greenwashing.

Reduziert und trotzdem funktionell: Die Taschen sind besonders leicht.

AD: Wie kann man sich den genauen Recyclingprozess vorstellen?

MF: Der gesammelte Plastikmüll wird sortiert und gereinigt. Wir kümmern uns darum, dass der Abfall ordnungsgemäß entsorgt wird. Entweder in seriösen Deponien oder bei einer Organisation, die Zement draus macht. Danach kommt er in den Häcksler und so entsteht ein Brei aus Plastikflakes. Diese fließen in den gesamtasiatischen Markt für recycelte Materialien, aus dem wir dann auch wieder die Flakes für unsere Taschen beziehen. Die werden dann in einer Spinnerei zu Fäden gesponnen und in einer Weberei entsteht der ungefärbte Rohstoff.

AD: Ihr seid als Pssbl-Kollektiv auf der ganzen Welt verstreut – Hong Kong, Shanghai, Hamburg, Berlin und München. Inwieweit stehen Globalisierung und Klimaschutz in Konkurrenz?

MF: Man muss San Pellegrino Wasser nicht auf der ganzen Welt trinken, da es überall auch gutes lokales Wasser gibt. Die Globalisierung, wie sie aktuell betrieben wird, steht mit dem Klimaschutz in großer Konkurrenz. Wir bei Pssbl versuchen unsere Reisen so gering wie möglich zu halten und das Fliegen zu vermeiden. Außerdem versuchen wir unsere Produkte zu bündeln, um überflüssige Transportwege zu unterbinden. Die Globalisierung hat auch zum Nachteil, dass ich unsere Taschen hier in Deutschland nicht mehr produziert bekomme. So bleibt uns keine andere Wahl, als lange Transportwege in Kauf zu nehmen.

Die Bauchtasche befindet sich bereits im Sortiment.

AD: Das gesellschaftliche Bewusstsein für Nachhaltigkeit befindet sich momentan im Umschwung. Wie spürt ihr die Veränderungen durch zum Beispiel Fridays for Future?

MF: Auf jeden Fall positiv. Die Entwicklung ist gut, aber auch lange überfällig. Es war immer eine unserer Intentionen Umweltschutz nicht als Pflicht, sondern als Common Sense zu sehen. Die Firmen verstehen so langsam, dass man den Designaspekt in die Nachhaltigkeit integrieren kann. Dazu hat Fridays for Future die letzten 14 Monate extrem beigetragen. Das merke ich auch an meiner Tochter, die an den Demonstrationen teilnimmt. Sie hat einfach eine ganz neue Perspektive auf das Thema. Ich finde es gut, dass die junge Generation wieder politisch ist.

AD: Was würdet ihr gerne mit Pssbl auf längerfristige Sicht erreichen?

MF: Wir wollen erreichen, in den meisten Städten vor Ort zu sein, Aktionen zu veranstalten und somit versuchen, dass unsere Philosophie auch gelebt wird. Wir können uns Kollaborationen mit anderen Marken vorstellen, die unseren Stoff nehmen und etwas Neues daraus generieren. In unserer Vision sind wir eher eine Community, als eine reine Modemarke.

Gut für das Stadtleben und die Umwelt.

AD: Was würdet ihr gerne auf Kambodscha bezogen noch alles Pssbl machen?

MF: In Kambodscha sind wir noch ganz am Anfang. Wir wollen unsere Eco-Warriors-Gruppe wachsen lassen, dass es sie nicht nur in drei Dörfern am Tonlé Sap gibt, sondern wir rund um den ganzen See aktiv sind. Es soll eine Bewegung werden. Unser Ziel ist erreicht, wenn Kambodscha uns nicht mehr braucht und Regierung und Bevölkerung Umweltschutz selber vorantreiben. Wir wollen uns auch nicht nur auf Kambodscha fokussieren und sind im Gespräch mit Organisationen in Europa.