Pomellato Boutique on Via S. Pietro All’Orto, Milan, Italy

The New Stone Age

Bei Pomellato läuft vieles ein bisschen anders: Die Italiener entwickelten früh eine Art prêt-à-porter für Schmuck, verwenden moderne Schmucksteine und haben passend zu ihrer durchweg weiblichen Zielgruppe eine Frau als CEO

Finde den Fehler: Schmuck wird vor allem von Frauen getragen, deshalb sind die CEOs der großen Schmuckmarken mehrheitlich männlich. Diese Weltordnung machte schon früher nicht wirklich Sinn, als Ringe und Armbände noch meistens von Ehemännern / Verlobten / Geliebten verschenkt, ergo bezahlt wurden. Mittlerweile geht die Gleichung noch weniger auf. Denn Schmuck wird längst auch von Frauen für Frauen, also für sich selbst gekauft, weil sie sich das in jeder Hinsicht leisten können.

Langsam ändern sich deshalb auch die Verhältnisse in der Branche. Bei Boucheron, Piaget und Georg Jensen sitzen mittlerweile Frauen in der Chefetage, und auch bei Pomellato hat seit 2015 Sabina Belli das Sagen. Die Mailänder sind vielleicht das Unternehmen, bei dem der Paradigmenwechsel am wenigsten überraschte. Denn bei der Marke, die nach dem italienischen Wort für „geschecktes Pferd“ benannt ist, liefen die Dinge immer schon ein bisschen anders, ein Stück weit moderner.

Illustration of Sabina Belli, Pomellato CEO, by Caroline Marine Hebel exclusively for Achtung Mode Nr. 35

Pomellato war mit die erste Marke, die hochwertigen Schmuck nicht mehr nur für besondere Anlässe anbieten wollte. Als in den Sechziger Jahren die prêt-à-porter allmählich der Haute Couture den Rang ablief, dachte Pino Rabolini, Sohn eines Mailänder Goldschmieds, dass die Haute Joaillerie im Grunde ein ähnlich neues Denken brauchte. Warum Ketten, Ringe und Broschen fertigen, die fünfstellige Beträge kosten und dann die meiste Zeit in einer Schatulle im Safe liegen? Warum nicht hochwertige, aber moderne Designs entwerfen, die vielleicht nicht alle Tage, aber sehr häufig getragen werden? 1967 eröffnete der erste Pomellato-Store in Mailand.

Rabolinis Idee ging auf – und stimmt heute, gut fünfzig Jahre später, mehr denn je. Schmuck ist in der Mode kein Ausnahme-Accessoire mehr, sondern gehört für Frauen mittlerweile ganz selbstverständlich zu einem Look dazu. Wie sehr sich vor allem in den letzten Jahren – im „Age of Instagram“ – die Schmuckbranche verändert hat, lässt sich schon an den Kampagnen von Pomellato ablesen. 2015 und 2016 war Salma Hayek das Gesicht der Marke, nicht zufällig die Frau von Kering-Boss François-Henri Pinault. Eine Filmdiva, glamourös und sinnlich in Szene gesetzt, mit den Händen durch die Haare fahrend, den Kopf dramatisch in den Nacken geworfen. In der aktuellen Kampagne ist dagegen Chiara Ferragni zu sehen, italienische Super-Influencerin mit über 15 Millionen Followern. Die schwarz-weiß Aufnahmen mit ihr sollen betont natürlich rüberkommen, sie trägt viele Ringe, Ketten, Armbänder, aber eher beiläufig, selbstverständlich. Ein paar 2000-Euro-Ohrringe zum weißen Hemd oder T-Shirt anlegen? Na und? Heute kein Drama mehr.

(Left) Pomellato former Ambassador Salma Hayek. (Right) Pomellato new Ambassador Chiara Ferragni.

Sabina Belli hat seit ihrem Antritt viel in der Ausrichtung verändert: Sie spricht von Frau zu Frau, die nicht mehr länger das Schmuckstück an der Seite eines reichen Mannes sein will, sondern selbst Powerfrau ist. Belli erzählt gern, dass sie sich schon früher, als sie noch für Bulgari arbeitete, ihren Schmuck selbst kaufte, als Belohnung für einen Jobwechsel, oder wenn der Bonus ausgezahlt wurde. Worauf warten? Und warum? Viele Schuhe und Kleider kosten mittlerweile kaum weniger als ein Nudo-Ring von Pomellato, und trotzdem soll letzterer nur unterm Weihnachtsbaum liegen dürfen?

Pomellato Nudo rings in white gold with iolite, aquamarine, rhodolite, peridot and white diamonds

Und noch in anderer Hinsicht waren die Italiener geradezu ultramodern: Statt nur Diamanten, Smaragde, Saphire zu verarbeiten – die „klassischen“ Edelsteine – setzten ihre Kreativdirektoren früh auf Minerale wie Amethyst, Peridot oder Rosenquarz. Früher nannte man die in der Branche etwas herablassend „semi precious stones“. Mittlerweile sind viele von ihnen so begehrt und Steine wie Turmaline und Aquamarine bereits so selten, dass lieber von „new precious stones“ die Rede ist. Noch so eine neue Weltordnung.

Lea M. and Hilal L. wearing Pomellato rings shot by Benedikt Frank at Vitra Schaudepot, Vitra Design Museum for Achtung Mode Nr. 36