Lynne Koester, Paris 1984 © Peter Lindbergh.

Bilder, die Geschichten erzählen

Er war der Mann hinter einigen der bekanntesten Modefotografien der Welt: Peter Lindbergh. Nachdem sein Tod im vergangenen Jahr die Modewelt erschütterte, widmen sich nun zwei Ausstellungen seinem Lebenswerk.

Es gibt Menschen, dessen Geschichten leben auch nach dem Tod noch weiter. So werden aus Künstlern manchmal eben Legenden. Peter Lindbergh ist so eine.

Lindbergh, einer der wohl einflussreichsten Modefotografen, war selbst einer der Geschichten erzählte. Geschichten in Schwarz-Weiß. Geschichten von Supermodels und Hollywoodgrößen. In Bildern, die vor allem eines zeigen: den Menschen. Im September vergangenen Jahres, verstarb er unerwartet. Jetzt, nach der pandemiebedingten Schließung von Museen und Kultureinrichtungen, haben nun gleich zwei Ausstellungen, die sich Peter Lindberghs Lebenswerk widmen, wieder ihre Tore geöffnet: Untold Stories im Düsseldorfer Kunstpalast und Heimat im Mailänder Armani/Silos. 

Naomi Campbell, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Tatjana Patitz und Christy Turlington: Die Supermodelelite der 90er Jahre vereint in einem Foto auf dem Cover der US-amerikanischen Vogue, Lindberghs wohl populärstes Bild, sucht man im Düsseldorfer Kunstpalast vergebens.

Karen Elson, Los Angeles, 1997 © Peter Lindbergh (courtesy Peter Lindbergh, Paris).
Universal Studios, Los Angeles, 2004 © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh).

Untold Stories ist der Titel der Ausstellung, die Peter Lindbergh in den zwei Jahren vor seinem Tod für den Düsseldorfer Kunstpalast eigens zusammenstellte. Die Rede ist von Geschichten, fernab derer, die man aus seinen so bekannten Bildern schon zu kennen meint. In den drei Ausstellungsräumen mischen sich zwischen die Gesichter von Nicole Kidman, Kate Moss und Claudia Schiffer auch Landschaftsaufnahmen, Architektur, Stillleben. Und zwischen Supermodels und Mode, taucht auf einem Foto auch mal ein Delfin aus der Wasseroberfläche auf. Eine scheinbar wahllose Auswahl zur großen Werkschau? Im Gegenteil. Hinter jeder Bildauswahl, jeder Hängung stecken zwei Jahre akribische Planung an Miniatur-Ausstellungsmodellen. Und wer genau hinsieht, der entdeckt ein detailliertes Netz, das sich in Anordnung und Auswahl zwischen allen Bildern spannt. Und die übernahm Lindbergh persönlich: für ihn „eine Frage von Leben und Tod“. Ein Satz, der mittlerweile leider einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Denn nur zwei Tage, nachdem er diese Planung für vollendet erklärte, starb er. 

Ein Sketch der Ausstellungsplanung von Peter Lindbergh.

Eine Retrospektive? „So alt bin ich doch noch nicht“ soll er auf die Anfrage Felix Krämers, Direktor des Kunstpalastes, entgegnet haben. Denn Retrospektiven, die seien nur etwas für alte Knacker. Untold Stories, das steht auch für die bisher unveröffentlichten Arbeiten, die in dieser Ausstellung ihren Platz fanden. Die wohl eindrücklichste von ihnen: Testament. Eine Arbeit, die in Lindberghs Portfolio erstmal aus der Reihe zu tanzen scheint. Sieben Jahre versteckte er sie in seinem Archiv, jetzt fand sie erstmals einen passenden Rahmen. Das Model: Elmer Carroll, ein US-amerikanischer Sträfling, zum Tode verurteilt. Die Perspektive: Die Kamera platziert hinter einem Spiegel, in dem er sich in dem 30-minütigen Video in die eigenen Augen schaut, zwischendurch schmunzelt, weint, schnauft. Auf sich allein gestellt. Eine Arbeit ganz anders, ganz unerwartet. Und das nicht nur, weil sie in Farbe aufgenommen ist.

Heidi Mount, Paris, 2008 © Peter Lindbergh.

Einem ganz anderen und durchaus bekannten Schwerpunkt widmet sich hingegen die Ausstellung in Mailand. Peter Lindbergh wuchs im Ruhrpott auf, in Duisburg und lebte einige Zeit in Düsseldorf. Wie tief die Heimatverbundenheit seine Arbeit beeinflusste zeigt die Ausstellung Heimat – A Sense of Belonging im Mailänder Armani/Silos. Rauchende Schornsteine, sprühende Funken, Schweißermasken und Industriekulissen – immer wiederkehrende Motive in Lindberghs Bildern, war doch die Industrieästhetik in Schwarz-Weiß sein Markenzeichen.

Duisburg, Germany, 1984 © Peter Lindbergh.

Allzu passend präsentiert an den rohverputzten Wänden des ehemaligen Getreide Silos, das inzwischen Giorgio Armanis Mode- und Kunstmuseum beherbergt. Wieso es nun gerade Modedesigner Giorgio Armani ist, der eine Ausstellung zu Lindberghs Ehren initiiert? Vielleicht ist es eben diese Liebe zur Heimat, die Lindbergh und Armani miteinander verband. Denn die gemeinsame Geschichte beider Modelegenden begann bereits in den 80er Jahren. Seitdem fotografierte Lindbergh immer wieder große Kampagnen des Hauses. Zusammen mit der Peter Lindbergh Stiftung stellte Armani die Ausstellung zusammen, die neben einigen dieser gemeinsamen Projekte auch legendäre und sogar bisher unveröffentlichte Arbeiten zeigt. Aufgrund der zwischenzeitlichen Schließung wurde Heimat – A Sense of Belonging jetzt sogar bis Januar 2021 verlängert. Sie sind also noch lange nicht auserzählt, die Geschichten auf und hinter Peter Lindberghs Fotografien.

Alessandra Carlsson, Beri Smither, Harue Miyamoto – Beauduc 1993 © Peter Lindbergh.

Peter Lindbergh: Untold Stories im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen bis zum 27.09.2020.

Heimat – A Sense of Belonging im Armani/Silos zu sehen bis Januar 2021.