Nicht von dieser Welt

Mit ihren geheimnisvollen Bildern zeichnet Sarah Moon ein Gegenentwurf zur etablierten Modefotografie – anlässlich ihrer Retrospektive sprach ACHTUNG DIGITAL mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken

Nuancen von Grau und Schwarz. Ein Gesicht von malerischer Unschärfe. Ein verschwommenes Gebilde aus Schatten. Die Gestalt, die man auf Sarah Moons Bild „Kasia Pysiak, 1998“ sieht, ist nicht in den etablierten Welten des Lifestyles zu Hause. Sie irrlichtert umher in einem unheimlichen Zwischenreich.

Wüsste man nicht, dass dieses Bild von Sarah Moon schon in den Neunzigern entstand, könnte man meinen, die französische Fotografin, welche die Deichtorhallen gerade mit einer umfassenden Retrospektive würdigt, wolle hier ein Statement setzen. Ein Statement gegen die totale Offenbarung und ständige Präsenz in Zeiten des Ich-Exhibitionismus, in der jeder Mensch alles aus seinem Leben auf der Bühne des Web veröffentlichen kann und nur als wahr gilt, was von anderen mit einem Like abgesichert wird. Als wolle sie sagen: Die total technisierte Gesellschaft braucht das, das Schemenhafte, das Halbwahre, das Zweideutige. Die total technisierte Gesellschaft braucht Romantik.

Zugegeben, das mag ein bisschen hochgegriffen sein. Doch wer die dreihundertfünfzig Fotos und fünf Filme – ihre zweite Leidenschaft, gilt sie doch als Verehrerin des Regisseurs Fritz Lang – sieht, weiß zumindest: selten ließ sich besser erkennen, woran die Modefotografie oftmals erkrankt. Moon selber formulierte das in einem Interview einmal so: „Modefotos sind eine schwierige Angelegenheit. Es gibt so viele vorgegebene Elemente; das Styling, das Makeup, das Model, das Image des Hauses. Heute sind Modefotografien sehr standardisiert. Es gibt eine kodierte Bildsprache für Mode, die nicht meine ist.“

Bei Moon hingegen ragt nichts aus unserer beschleunigten Gegenwart, kein Splitter des Zeitgeists in ihre entrückten Bilderwelten hinein, die Mode auf eine stille, berührende Art inszenieren. Nichts zielt bei Moon auf Glamour ab. Weder das Styling, noch die Posen und am wenigstens die Materialität ihrer Bilder. Vielmehr entwirft sie eine romantisch-poetische Gegenwelt, in denen die anmutigen Wesen ihrer Zeit irgendwie enthoben wirken. Statt der Person geben die starken Fomen der Kleidung die Komposition ihrer Bilder vor. Ungewöhnlich ist das anzusehen gegenüber dem figurinenhaften Menschenbild, das in der Modefotografie sonst oft vorherrscht.

Schon früh jedenfalls hat Sarah Moon, 1941 in Vichy geboren, ihre Verachtung für den Modezirkus geäußert. Sie hatte ihn auch von seiner eher unmenschlichen Seite erlebt, als Model auf dem Laufsteg in Paris und London. Als 29-Jährige kehrte sie dieser Karriere 1970 den Rücken und widmete sich der Fotografie, die sie sich autodidaktisch angeeignet hatte und mit der sie bis heute den Bildbetrachter irgendwie verunsichert. „Die Fotografin Diane Arbus sagte einmal: Fotografie ist ein Geheimnis über ein Geheimnis. Ich liebe diesen Satz, weil ich glaube, dass in einem Foto alles ein Geheimnis ist“, erzählte Sarah Moon einmal. In unser alles offenbarenden Gesellschaft, ist das zumindest bemerkenswert anzusehen.

Wie es auch die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken beschreibt, deren Ansichten zu Moon gerade im Katalog zur Ausstellung erschienen, und mit der wir an einem Donnerstag Abend in Berlin kurz über die fabelhafte Sarah Moon sprachen.

Frau Vinken, wer die Bilder Sarah Moons betrachtet, nimmt als erstes oft nicht die Person, sondern das Kleidungsstück wahr. Reduziert Sie damit die Modefotografie auf das Wesentliche – die Mode?

Man bekommt den Eindruck, dass das Kleid viel präsenter ist als der Mensch, der es trägt. Dass es sich einem mit seinem Stoff, seiner Weichheit, seinem Volumen, sinnlich einprägt. Das Verhältnis von Kleid und Körper ist in Moons Bildern interessant verschoben.

No personality – das wirkt doch eher untypisch in der heutige Zeit, in der selbst Models als Stars inszeniert werden und Modehäuser vor allem Stars für ihre Kampagnen verpflichten?

Die Figur in Moons Bildern bietet keine narzisstische Gesichtsfläche, mit der wir uns identifizieren können. Moons Arbeiten fetischieren die Frau nicht zum Objekt; das Modell setzt  sich dem Blick weder aus, noch erwidert es ihn; die Person bleibt dem Blick entzogen. Abstrahiert wird zu etwas Schemenhaften, eine Passantin, flüchtig, eine Arabeske, die im nächsten Moment schon wie die ins Wasser geschriebenen Liebesschwüre zerrinnt.

Moons Bilder bewegen sich oft zwischen Realität und Traum. Eine Parallele zur Mode?

Ihre Bilder erscheinen einem jedenfalls wie nicht ganz von dieser Welt. Es ist als ob der Geist der Zeit, das Vergangene, ihre Bilder heimsucht:  eine Traumwelt des Halbbewussten, des Schemenhaften. Ein ganz anderer Traum als der der lebendiggewordenen Mythen, der Götter, die zur Erde herabsteigen, die uns etwa Mario Testino in seiner Bildern zeigt.

Sie meinen den Traum der ewigen, blühenden Schönheit?

Ewige Jugend  finden Sie bei Sarah Moon gar nicht. Ihre Bilder haben eher eine Leere als eine Fülle, die gängige Modefotos sonst bestimmt. Auch geben ihre Bilder weder etwas über Raum noch Zeit bekannt. Das macht die Modefotografie sonst fast immer. Das Foto soll mir sagen: „That‘s the look. That is now.“

Ist Sarah Moon deswegen heute mehr denn je Avantgarde, weil sie sich dieser Zeitgebundenheit entzieht?

Ganz sicher stellen sich diese Bilder dem heutigen Präsenzterror im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Paradox inszenieren sie die Anwesenheit des Nicht Ganz Anwesenden. Geheimnisvoll und unheimlich.

Die Ausstellung „Sarah Moon – Now and Then“ läuft noch bis 21. Februar 2016 in den Deichtorhallen/Haus der Fotografie in Hamburg.