1954 gewannen Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent den "International Woolmark Prize" ©Keystone Eyedea Press

Next step: Nachwuchsförderung

Mit Tim Labenda, Roshi Porkar und Jennifer Brachmann stehen gleich drei deutschsprachige Jungdesigner auf der europäischen Nominierungsliste des internationalen Woolmark Prize

Der Woolmark Prize ist der wohl traditionsreichste aller Modepreise mit namhaften Gewinnern. Ein schüchterner Yves Mathieu-Saint Laurent gewann ihn, damals noch International Wool Secretariat Fashion Design Competition genannt, 1954 im Alter von 18 Jahren. Am selben Tag auf der selben Bühne – aber mit einer viel besseren Frisur – nahm ein ebenfalls junger Karl Lagerfeld den Preis in der Kategorie ‚Mäntel’ entgegen. In der Jury: Hubert de Givenchy und Pierre Balmain; im Jahr zuvor war bereits Christian Dior dabei gewesen.

In diesem modegeschichtlichen Kontext lohnt sich auch in der Gegenwart immer wieder ein Blick auf die Nominierungsliste für den Europäischen Vorentscheid – 2015 stand darauf unter anderem das Berliner Talent Bobby Kolade, den wir in unsere aktuellen Ausgabe 31 in Kooperation mit der deutschen Vogue näher beleuchten. Seit der Wiederbelebung des Woolmark-Preises 2012 gingen ansonsten unter anderem die deutschen Labels Augustin Teboul, Vladimir Karaleev, Dawid Thomaszewski, René Stork und Michael Sontag ins Rennen. Zu den Gewinnern zählen andere: Christian Wijnants, Rahul Mishra oder Public School.

Und im April 2016? Gleich zwei deutsche und eine österreichische Jungdesignerin zieren die Liste, die wir bei Achtung Mode in unserem Radar schon seit längerem auf Beobachtungsmodus gestellt haben: Tim Labenda, Roshi Porkar und das Menswearlabel Brachmann von Designerin Jennifer Brachmann.

Roshi Porkar AW16 Lookbook. Fotograf: Irina Gavrich
©Roshi Porkar AW16 Lookbook. Fotograf: Irina Gavrich

Schon jetzt eignet sich Roshi Porkars Lebenslauf hervorragend zum Name-Dropping: Als Absolventin der Wiener Universität für Angewandte Kunst studierte sie unter Bernhard Willhelm und Veronique Branquinho. Bald danach durfte die Wienerin den Chloé-Preis in Hyères in Empfang nehmen. Ihr Blick auf die Mode könnte man als unkonventionell bezeichnen: Einen „Hippie, aber ziemlich dark“ nennt sie sich selbst. Ihre Kollektionen zeigen eine sensibel eingestellte Richtnadel für Zeitgeist und Ästhetik, für Stofflichkeit und Experiment: eine seidene Marlenehose mit fernöstlichem Dessin trifft etwa auf einen Chiffonrock mit Pelzborte; ein Mantel mit clownesk überzeichneten Taschen, der ebenso aus der Feder Elsa Schiaparellis stammen könnte, wären da nicht ein paar knöchelhohe Chucks am Fußende des Models, ist ebenfalls ganz nach ihrem Geschmack.

Tim Labenda AW16/17 Lookbook. Fotograf: Bastian Jung
©Tim Labenda AW16/17 Lookbook. Fotograf: Bastian Jung

Ganz anders geht es bei Tim Labenda zu, dessen zart-starke Entwürfe wir bereits in Ausgabe 29 mit in den Oderbruch nahmen. Es ist ein wahres Vergnügen, seine Kollektionen in umgekehrter Reihenfolge durchzuscrollen und zu sehen, wie ein Designer Stück für Stück seine Handschrift verfeinert. Vom klassischen Herrenschneider kommend, der bei Hugo Boss lernte, erforschte er in seiner Abschlusskollektion der Hochschule Pforzheim die Graustufen der Genderidentity von Heterosexuellen, die Spaß am Doppeldeutigen finden.

Bereits im Frühjahr-Sommer 2014 wechselte er die Seiten und gestaltete eine Damenkollektion, die noch klar auf ihre Verankerung in der HAKA verwies und sich noch nicht traute, das Feminine weiter zu erforschen. Seine S/S 15-Kollektion namens ‚Pool’ könnte man als den Befreiungsschlag sehen, ähnlich wie jenen Romy Schneiders am Swimmingpool liegend: verführerisch, enthemmt; eine brave, regelkonforme Vergangenheit hinter sich lassend. Seither spielt Labenda mit wechselnden Schattierungen einer gereiften Persönlichkeit, der zuzusehen eine Freude ist: Mal erkundet er Zutaten wie Holzperlen oder Seile, mal gibt er sich ganz einer Stoffbearbeitung oder einem Materialmix hin.

Brachmann Runway AW16/17. Fotograf: Rafael Poschmann
©Brachmann AW16/17Runway. Fotograf: Rafael Poschmann

Jennifer Brachmann beschäftigt sich nach wie vor mit Männerkollektionen. Mit einem Architekturabschluss der TU Dresden wollte sie sich nicht begnügen und setzte noch einen in Modedesign an der Halleschen Kunst-Uni Burg Giebichenstein nach. In ihren Kreationen vereint sie die Liebe zur Bauhaus-Architektur mit der zur räumlichen Dimension des männlichen Körpers. Post-Klassische Herrenkollektionen mit einem popkulturellen Twist sind die Spezialität von Frau Brachmann, die keine Konvention der klassischen Herrenmontur unerforscht und unüberarbeitet lässt. Sei es eine pumpige Bundfaltenhose, Hemdkrägen aus denen sie Neues herausholen will oder Kastenjacken, die sie mit sportlichen Blouson-Bündchen und angespitzten Schultern versieht. Trotz Potenzial: Bisweilen schadet diese Modernisierungswut im Detail dem Klassiker eher, als dass sie ihm guttut.

Alle drei gehen nun ins Rennen um den europäischen Vorentscheid, der am 28. Juni in Mailand stattfindet. Insgesamt gibt es übrigens sechs Regionalausscheide, in denen zwei Gewinner gekürt werden, je einer aus der Mens- und Womenswear. Diese heimsen jeweils 50.000 australische Dollar ein und dürfen am internationalen Finale teilnehmen. Dem globalen Gewinner winkt das Doppelte Preisgeld sowie der Verkauf der Kollektion bei internationalen Handelspartnern wie Harvey Nichols, Saks Fifth Avenue, Matchesfashion oder Mytheresa – schon allein deshalb heißt es für Tim Labenda, Jennifer Brachmann und Roschi Porkar: Daumen drücken.