Designerin Sissi Goetze in ihrem Atelier im ehemaligen Fernmeldeamt in Berlin Mitte.

National Designer: Sissi Goetze is East Germany

Discretely flying under the radar, Sissi Goetze has built a serious business with her men's shirts and has become one of Berlin's most relevant designers. Not having a show can be an advantage sometimes

Dass Frauenmode von Männern entworfen wird, ist das Normalste der Welt. Dass Frauen Männermode, und zwar ausschließlich Männermode entwerfen? Immer noch eher ungewöhnlich. Trotzdem stand für Sissi Goetze die Wahl von Anfang an fest.

Jacket, shirt and pants (Fall/Winter 2020).

„Bei mir geht es viel um die Silhouette, meine Entwürfe sind vor allem grafisch gedacht – da eignet sich der männliche Körper schlicht besser“, sagt die Designerin. Weniger Kurven, weniger Abnäher, dafür klare Akzente an Schultern und Taille. „Herrenmode folgt außerdem strengeren Regeln – sich in dieser Restriktion formell auszudrücken, finde ich spannend.“ Total klar, total Sissi Goetze.

Das 2011 in Berlin gegründete Label hat in den letzten Jahren auch einen grafisch-steilen Aufstieg erlebt. Mytheresa Men bis Lane Crawford (Hong Kong), Voo Store Berlin oder Printemps in Paris führen ihre Kollektion. Vor allem die Hemden mit ihren signature hybrid sleeves, eine Kreuzung aus eingesetzten und Raglan-Ärmeln, sind gefragt, weshalb die typische „Goetze-Schulter“ schön rund fällt. „Rund, aber akzentuiert“, wie die Designerin es selbst formuliert, aber was das genau bedeutet und wie kastig-cool es (erst recht mit hochgeschnittenen Goetze-Hosen) aussieht, merkt der Träger erst am eigenen Leib. Die meisten bleiben dann gleich dabei und kaufen das Label immer wieder.

Shirt and pants (Fall/Winter 2019).

Geboren wurde Elisabeth „Sissi“ Goetze 1981 in Dresden. Der Vater war Künstler, die Mutter Theatermalerin, beides wenig kompatibel mit dem damaligen DDR-Regime, also wurde ein ums andere Mal der Ausreiseantrag gestellt. „Als Kind versteht man vieles noch nicht“, sagt Goetze. Sie erinnere sich lediglich daran, dass sie nicht wie die anderen Kinder nach der Schule zu den Pionieren musste – und die freie Zeit natürlich viel besser fand. Außerdem ist ihr dieser eine Satz im Gedächtnis geblieben: Wenn etwas richtig toll war, sagten die Erwachsenen immer scherzhaft: „Das ist ja wie im Westen!“ Das klang nach Paradies.

1988, noch vor der Wende, durfte die Familie tatsächlich in diesen Westen ausreisen. Goetze wuchs daraufhin in München auf und lebt heute in Berlin. (Zwischendurch studierte sie übrigens am renommierten Central Saint Martins College in London.)

Jacket, shirt and pants (Fall/Winter 2020).

Ihre Biografie ist also eine deutsch-deutsche. Wenn sie heute aus ihrem Atelier im ehemaligen Fernmeldeamt der DDR guckt, schaut sie durch eine riesige Fensterfront direkt auf das Rote Rathaus und ein gewisser „Osttouch“ lasse sich bei ihren Designs womöglich nicht verleugnen, sagt die Designerin lachend. „Wahrscheinlich spiegelt sich in meinen Entwürfen eine Liebe für die Ästhetik des Unpopulären wider, die mich grundsätzlich in den verschiedensten Kontexten anzieht.“ Satinhemden mit Pferdeprint, Netzhemden unter Bowling-Shirts, typische Bankerhemden, die gequiltet plötzlich als Workwear durchgehen – unter Goetzes Vision kommt dabei jedenfalls immer etwas Spannendes heraus. Produziert wird das meiste der Kollektion in Polen, auch der Nähe zu Berlin wegen.

Nur dieser Fußballer gleichen Namens hat offensichtlich noch nichts von dem Label mitgekriegt. Dabei steht „Goetze“ mittlerweile sogar auf Gürteln und Hemden. Eigentlich eine Steilvorlage für ihn.

Shirt and pants (Fall/Winter 2019).

FOTOGRAFIE: Christian Werner

MODEL: Quaher Harhash/Iconic

Fotografiert am 7. Februar 2020 in Berlin-Mitte.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39 (April 2020)