Irakli Rusadze founded his label Situationist in 2015.

National Designer: Situationist is Georgia

Demna Gvasalia’s Balenciaga and Vetements put Tbilisi on the international fashion map. Reflecting on contemporary Georgia and the ever-changing city scape of Tbilisi, designer Irakli Rusadze and his label Situationist measure high on the international fashion Richter scale

Es braucht erstmal einen Eisbrecher, um im Fahrwasser hinterher schwimmen zu können. Demna Gvasalia lebte zwar längst nicht mehr in Georgien, als er mit Vetements und später mit Balenciaga bekannt wurde, trotzdem setzte er das Land erstmals auf die modische Landkarte. Die Tbilisi Fashion Week war plötzlich etwas, das sich lohnte anzuschauen – feiern ging man dort ja eh schon lieber als in Berlin – und wer the next big thing nach Demna werden würde, stand auch bald fest: Irakli Rusadze und sein Label Situationist.

Allerdings entwarf der heute 28-jährige Rusadze schon Mode, als Gvasalia noch nicht einmal bei Maison Martin Margiela angefangen hatte. Mit 14 oder 15 (so genau weiß er das selbst nicht mehr) arbeitete er als Assistent für lokale Designer, lernte von ihnen, brachte sich den Rest zu Hause selber bei. Eine Modeschule hat er bis heute nicht von innen gesehen, in seiner Heimat Tiflis gab es bis vor einigen Jahren ohnehin kaum welche.

Jacket and pants (Fall/Winter 2019)

Sein Label gründete Rusadze 2016, der Durchbruch folgte zwei Jahre später. Damals orderte Browns in London die Kollektion, vor allem trug deren Kreativchefin und Aushängeschild Holli Rogers die auffällig gut geschnittenen Blazer. Vogue Runway schrieb über seine Schauen, wodurch noch eine andere Influencerin auf dieses exotische georgische Label aufmerksam wurde: Bella Hadid. Das Model habe ihm sogar persönlich geschrieben, nicht ihre Stylistin, sagt Rusadze, und fünf Looks bestellt. Vor allem die Lederteile, Blazer und Hose, trug sie dann auch tatsächlich. Mehr Aufmerksamkeit ist – ohne großes Budget – schwer zu erreichen.

Dress (Spring/Summer 2020)

Was an Situationist vor allem auffällt: Die Ästhetik ist zwar wie bei vielen anderen osteuropäischen Designern deutlich vom (Post)- Soviet-Chic beeinflusst, im Gegensatz zu etwa Gosha Rubchinskiy interessiert diesen Designer aber weniger Street- und Sportswear, sondern vor allem Tailoring: Blazer mit Cutouts an den Schulternähten, lange Ledermäntel, weit geschnittene Anzüge, Hosen mit versetztem Bund. Frauen machen in seinen Entwürfen den Eindruck, als würden sie sich von ziemlich wenig einschüchtern lassen, während die Männer umgekehrt in ihrem Auftreten nicht so aussehen, als würden sie heutzutage noch irgendwen einschüchtern wollen.

Left: Jacket and pants (Fall/Winter 2019). Right: Dress (Spring/Summer 2020).

Rusadze macht jedes Schnittmuster selbst und lässt seine Entwürfe von einer 60-jährigen Schneiderin namens Guara supervisen. „Ich habe so viel Respekt vor dieser Frau – immer wenn ich zu ihr nach Hause komme, bin ich ein bisschen nervös“, gestand Rusadze in einem Interview. Die oft begrenzten Mittel in seiner Heimat hätten ihn bislang nicht behindert, sondern im Gegenteil eher beflügelt, sagt der Designer. „Im Westen Europas gibt es für alles, was du willst, irgendwo ein Geschäft. In Georgien musst du für dein Material regelrecht auf die Jagd gehen und alle möglichen Leute kontaktieren, die womöglich gar nichts mit der Modewelt zu tun haben.“ Das sei sehr inspirierend, habe aber noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil. „Du läufst nie Gefahr, in der fashion bubble steckenzubleiben“, sagt der Designer. „Georgien bringt dich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.“

 

FOTOGRAFIE: Levan Maisuradze

MODELS: Etuna Machavariani, Alessio Ricardo

Fotografiert am 13. Februar 2020 in Tiflis.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39 (April 2020)