Anton Belinskiy photographed by Innokentiy Makarov.

National Designer: Anton Belinskiy is Ukraine

There is a chaotic, rebellious spirit thriving in Kiev, which is a source of rich inspiration for the local fashion scene and which is emancipating itself more and more drum western expectations. At the forefront is Anton Belinskiy who lavishly uses national symbols and politically charged slogans to make conceptual clothes spell out a cold post-soviet aesthetic

Der Wald grenzt an eine strandähnliche Lichtung. Die Models stapfen den feinen Sand hinunter, vorbei an riesigen Baumwurzeln, allesamt Männer unterschiedlichen Alters, 33 an der Zahl. Sie tragen weite Hosenröcke, lange Röcke, Strickpullover mit Zopfmuster und leichten Puffärmeln. Der dunkle Wald scheint sie auszuspucken und, nachdem sie einmal die Lichtung abgeschritten sind, wieder zu verschlucken. Eine Modenschau irgendwo zwischen Naturschauspiel und Naturgewalt.

Anton Belinskiy konzeptuelle Mode spielt mit ukrainischer Nationalität und politischen Slogans.

Anton Belinskiy hat in den letzten Jahren in Paris gezeigt, in London, einmal auch in New York, diesmal hingegen präsentierte er seine Winterkollektion 2020/21 gewissermaßen auf heimischer Erde, in einem Waldstück am Rande seiner Heimatstadt Kiew. Ohne Publikum, ohne Laufsteg, ohne Showelemente, und das zeitgleich zur Pariser Männermodewoche. Man muss schon eine gewisse Chuzpe besitzen, über 2.000 Kilometer entfernt mal eben einen walk in the forest hinzulegen. Oder eine sehr klare Vorstellung davon, wo man gerade steht und was man mit seiner Mode ausdrücken will. „Dieser Ort hat eine sehr besondere Energie für mich“, sagt Belinskiy. „Er strahlt Ruhe und Kraft aus.“ Er sei momentan in einer Phase, in der er sich mit weniger Menschen umgeben wolle.

Left: Jacket and pants (Spring/Summer 2020).

„Genau diese Stimmung wollte ich auch mit der neuen Kollektion transportieren und sie in einer entsprechenden Atmosphäre präsentieren. Ohne die übliche Crowd, den Stress und die Hektik der großen Fashion Weeks.“ Das Gefühl zu haben, sich zurückziehen zu wollen, Abstand zu nehmen und einen ethischeren, aufrichtigeren Weg einzuschlagen, dürfte im Osten wie im Westen ein Zeichen unserer Zeit sein. Deshalb auch die Anzahl der Models, sagt Belinskiy, 33 sei eine mystische Ziffer, ein Zeichen des Wandels.

Dress (Fall/Winter 2019).

Belinskiy sorgte international für Aufsehen, als er es 2015 als einziger Ukrainer in die Vorauswahl des LVMH Prize schaffte – sogar als einziger Osteuropäer überhaupt. Der eiserne Vorhang, der eigentlich seit mehr als 25 Jahren Geschichte sein sollte, existiert in der Mode zumindest in Form von exorbitanten Versandkosten und Zollformalitäten noch immer. Trotzdem schaffte es Belinskiy, mit seinen Entwürfen so sehr aufzufallen, dass sie bei Harvey Nichols und in einer Ausstellung des FIT (Fashion Institute of Technology) landeten.

Dress (Fall/Winter 2019).

In einer seiner früheren Kollektionen druckte er Passfotos und Bilder von ukrainischen Pässen auf Sweatshirts – nicht aus nationalistischen Motiven, sondern, im Gegenteil, um die Vielfalt des Landes zu visualisieren: Nicht alle dieser Ukrainer waren tatsächlich in der Ukraine geboren. Auch Belinskiy hat unterschiedliche Wurzeln. Er selbst stammt zwar aus Kiew, seine Mutter jedoch ist Russin, sein Vater Israeli.

Europäer, die heute in der Hauptstadt wohnen, beschreiben die Stadt als Ort der geduldeten Unterschiede: stalinistische Prachtarchitektur neben gigantischen Apartmentblocks, alltägliche Tristesse mit pulsierendem Nachtleben im Untergrund, eine massive Kluft zwischen Arm und Reich. Nicht zu vergessen befindet sich dieses Land noch immer im Krieg. In der Heimat fühle er sich trotzdem sicher beziehungsweise beschützt, sagt Belinskiy. „Ich bin zu dieser Zeit genau am richtigen Ort. Um mich selbst und Erfüllung zu finden, in dem was ich tue.“

Statt in Paris, zeigte Belinskiy seine letzte Männerkollektion im Wald.

FOTOGRAFIE: Julie Poly

STYLING: Stas Arsen

MODELS: Dima, Ivan, Maria, Maksim

Fotografiert am 23. Februar 2020 in Kiew.