Modewoche Paris: Maison Odeeh

Ein Besuch im Showroom der Designer Jörg Ehrlich und Otto Drögsler

Seit 2008 kreieren Jörg Ehrlich und Otto Drögsler mit ihrem fränkischem Label Odeeh feine handwerkliche Mode, die man in die Welt tragen möchte: mutig, kreativ, eklektisch, gelegentlich lässig und immer elegant. Ihre Kollektion für den kommenden Sommer – No.11 – präsentiert das Designerduo, das bereits seit 20 Jahren im Team arbeitet, dieser Tage während der Pariser Modewoche im Quartier Marais. ACHTUNG ONLINE traf die beiden zum Gespräch. Das Protokoll einer Begegnung

Odeeh als Song? Das wäre mit Sicherheit eine Soundcollage. Bob Dylan und Bach, Heyden oder die Stones: musikalisch hören wir alles durcheinander. Ein bisschen ist das so wie mit unserer Mode, die sich konstant aus vielen verschiedenen Einflüssen zusammensetzt. Bevor wir Odeeh 2008 ins Leben riefen, erstellten wir einen visuellen Fahrplan um uns jener Ideenwelt zu nähern, in der wir uns noch heute bewegen. Wie kunterbuntes Konfetti klebten wir Stimmungsbilder von den Sixties, den Wiener Werkstätten, David Hockney, Gustav Klimt oder Romy Schneider kreuz und quer auf ein langes Liporello. So entstand eine Collage, auf der sich alle Fetzen zu jenem Bild zusammensetzten, das wir für unsere Odeeh-Frau sehen. Manchmal holen wir die Collage heute noch heraus und stellen fest: Wir sind auf der richtigen Spur.

Obwohl sich unsere anfänglichen Inspirationen wie ein roter Faden durch alle unsere bisherigen Kollektionen ziehen, hat sich Odeeh extrem weiterentwickelt; keine Saison muss der anderen gleichen. Grundsätzlich entwerfen wir Mode für sehr selbstständig denkende Frauen, aber anfangs handelten wir konventioneller. „Frau Odeeh“ hatte in der ersten Kollektion ein Kleid an, dazu maximal einen Blazer aus Jersey. Es war ein definierter Look, der über ein einzelnes Kleidungsstück funktionierte. Heute ist sie eine, die extrem spielerisch mit Dingen umgeht, die mutig ist und gerne Neues ausprobiert. Bis dahin war es allerdings ein langer Prozess, den wir als Designer zunächst selbst durchlaufen mussten – auch wir werden von Saison zu Saison mutiger.

Das sieht man auch an unserer aktuellen Kollektion, mittlerweile bereits Nummer 11, die aus dreißig Röcken und dreißig Blusen besteht. Die Ursprungsidee war, den Röcken eine Weichheit und den Blusen etwas Grafisches zu verleihen. Letztere sind, ganz ungewöhnlich für uns, komplett in Weiß gehalten. Mit Schichten und Mustern konnten wird dennoch arbeiten, Farbspiele finden eben nur unten herum statt. Als kleineres Gestaltungs-Element arbeiteten wir mit Herzformen, die wir teils auf die Stoffflächen aufklebten und mit groben Stichen versahen. Layering, Falten und Einflüsse der Active-Wear sind für uns momentan ein großes Thema.

Uns ist wichtig, dass rüberkommt: Odeeh ist Atelier, Handarbeit, Zeichnen.

Unsere Herangehensweise ist allerdings unverändert: Mode erschließen wir uns über die Zeichnung. Und über eine Handwerklichkeit, die aus der Couture kommt. Wir sind da alte Schule und brauchen keine großen Konzepte. Allen Anfang bilden die Silhouetten, die Otto aus seinem Kopf auf das Papier bringt – er ist der Perfektionist, hat an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien in der Meisterklasse von Karl Lagerfeld und Jil Sander studiert. Uns ist wichtig, dass rüberkommt: Odeeh ist Atelier, Handarbeit, Zeichnen. Diesen Prozess sieht man normalerweise nicht. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, in dieser Saison keine Show zu inszenieren, sondern eine Still-Life-Präsentation in den Räumlichkeiten der Pariser Galerie Karsten Greve, wo wir bereits zum fünften Mal während der Pariser Modewoche zu Gast sein dürfen.

150 von Ottos Skizzen, aus denen sich die dreißig Röcke und dreißig Blusen der Saison ableiteten, waren ebenso zu sehen wie unsere Toiles, die stofflichen Skizzen. Damit zeigen wir auch unsere Basis, denn aus diesem Atelier-Geist ist der Wunsch entstanden, Odeeh zu gründen: Abseits der großen Industrie. Nach Stationen bei Escada, Rena Lange und Toni Gard arbeiteten wir zwölf Jahre mit Herzblut als Kreativdirektoren bei René Lezard, bevor wir uns endlich dazu entschlossen, etwas Eigenes und gleichzeitig eine Alternative zu den „Big Brands“ zu erschaffen. Zum Glück existiert vielerorts ohnehin eine anhaltende Sehnsucht nach Transparenz und Manufaktur. Deshalb wurden wir von Anfang an mit Offenheit begrüßt.

Über die Jahre vor Odeeh konnten wir uns sukzessive ein Netzwerk aus Manufakturen und kleinen Produktionsstätten in Deutschland und Italien aufbauen, wir sind also relativ erfahren in die Sache gestartet. Alles fühlte sich richtig an, obwohl die Welt dank Wirtschafskrise am Abzittern” war. Für uns, ohne Investor, hätte der Zeitpunkt in dieser Hinsicht nicht schlechter sein können. Das setzt ein großes Maß an Vertrauen voraus. Aber nach zwanzig Jahren, die wir nun schon im Team arbeiten und leben, kennen wir die Stärken und Schwächen des anderen. Otto denkt viel eleganter, Jörg hingegen eher sportlich. Diese Verschiedenheit ist es auch, die in unserer Mode erst richtig für Spannung sorgt.

Unser größter Wunsch ist es, Odeeh zu einem Maison weiterzuentwickeln, bei dem die Mode im Zentrum steht, aber auch ein Drumherum existiert.

Ruhe und Abstand finden wir in Giebelstadt nahe Würzburg. Wir haben dort ein großes altes Haus aus dem 16. Jahrhundert. Und einen alten Supermarkt, in dem das Atelier platziert ist. Sechzig Prozent der Zeit sind wir unterwegs, das Bedürfnis nach Großstadt ist sowieso gestillt. Dennoch lieben wir Paris und Berlin. Paris gibt uns die Chance, entscheidende Absatzpunkte zu erreichen – internationale Verkäufer kommen nicht in die deutsche Hauptstadt. Aber Berlin ist ein guter Anlaufpunkt für junge Designer, die sich etwas aufbauen wollen. Würden wir nicht an die Stadt glauben, hätten wir in diesem Jahr nicht unseren ersten Laden im Bikini Berlin eröffnet. Der Laden ist für uns ein Space, der in der Grundidee hochflexibel sein soll. Entstanden ist ein sehr offener Raum, in dem alle Elemente variabel bleiben. Dort hängt Odeeh, dort ist aber auch Platz für andere Dinge.

Unser größter Wunsch ist es, Odeeh zu einem Maison weiterzuentwickeln, bei dem die Mode im Zentrum steht, aber auch ein Drumherum existiert. Odeeh soll ein Gefühl vermitteln und Atmosphäre erzeugen. Deswegen gibt es bei uns zum Beispiel Decken und Kissen und immer wieder entwickeln wir Kooperationen. Zuletzt Sonnenbrillen mit Lunettes und einen Schuh mit Unützer. Wir lieben es, mit Spezialisten zusammen zu arbeiten. Wir können ja nicht alles selber. Odeeh in einer Welt wahrzunehmen, von Kopf bis Fuß – das gefällt uns.

Immer mehr gehören dazu Social Media-Kanäle wie Facebook oder Instagram. Wir sind dabei etwas „retarded“, weil wir mehr auf Qualität denn Quantität setzen. Es soll eben unsere Ästhetik verkörpern. Gemeinsam versuchen wir, eine Gegengeschwindigkeit reinzubringen; die Industrie zum Erstarren zu zwingen. Man denkt ja manchmal, die hat eine Seele. Hat sie aber nicht. Eines unserer Lieblingsbilder auf Instagram zeigt eine Detailaufnahme von zwei Odeeh-Pullovern, die auf einer Stange hängen; von unten fotografiert. Das Licht verliert sich in den Besonderheiten der Oberfläche, beinahe scheinen sie noch ganz leicht zu schwingen. Das ist doch einfach wunderbar.