Modewoche Paris: Deutschland, England, Achtland

Oliver Lühr und Thomas Bentz über ihr Debüt in einer neuen Modestadt

2011 zog es Oliver Lühr und Thomas Bentz von London nach Berlin, um gemeinsam ihr Label Achtland aufzubauen. Drei Jahre feilte das Kreativteam, das auch privat ein Paar ist, an ihrer farbenreich konzipierten und seriös verschnörkelten Mode. In diesem Jahr kehrte das vielversprechende Designduo zurück in die britische Hauptstadt - und damit Deutschland den Rücken. Zur Pariser Modewoche präsentierte Achtland ihre neue Kollektion nun im internationalen Kontext. ACHTUNG ONLINE traf die beiden zu einem Gespräch. Das Protokoll einer Begegnung.

In dieser Saison haben wir den Begriff „Entry Coat“ gelernt. Er beschreibt jenen besonderen Mantel, der scheinbar mühelos über die Schultern geworfen seine Trägerin gerade so weit verhüllt, dass sie sich beim Betreten eines Raumes im Wechselspiel von Schutz und Koketterie allen Blicken behauptet. Der Mantel ist ihre Signatur, ohne dabei ihr Wesen in den Schatten zu stellen. Als Sinnbild trifft das auch Achtland ganz gut auf den Punkt: Wir machen Mode für selbstbestimmte und starke Damen, die auf der Suche nach Neuem sind und innerhalb eines selbstgewählten Rahmens Grenzen überschreiten. Sie lieben spannende Materialien und Oberflächen und haben eine gewisse Schwäche für einzelne auffällige oder experimentelle Elemente, mit denen sie ihren Look komplimentieren. Farbe, Qualität und Lieblingsteilgefühl – das ist unsere DNA.

2011 sind wir von London nach Berlin gezogen, um diese Vision von Achtland umzusetzen. In London haben wir studiert, Oliver am Central St. Martins und Thomas Internationale Beziehungen. Dort fühlten wir uns sicher und geborgen. Der Schritt in die deutsche Hauptstadt war wichtig, um uns aus unserer „Comfort Zone“ heraus in etwas Neues zu stürzen. Uns gefiel dieses Raue und Gegensätzliche der Stadt – das hat Achtland anfangs sehr geprägt. Berlin war ein wunderbarer Ort, um die Marke aufzubauen.

Die typische Kundin heutzutage ist wahnsinnig informiert. Ob wir als Label in Oberammergau oder New York sitzen, spielt für sie keine Rolle.

Dennoch sind wir in diesem Jahr zurück nach London gezogen. Zurück in die „Comfort Zone“? Nur bedingt. Ein wichtiger Grund für den Rückzug war die schleichende Erkenntnis, dass wir für Achtland ganz dringend eine internationale Plattform brauchen, um uns langfristig zu etablieren. Wir müssen dafür sorgen, dass auch die Asiaten und Amerikaner auf unsere Mode schauen. In dem Segment, in dem wir arbeiten, ist das in Berlin nach wie vor leider schwierig. Inhaltlich funktionieren wir zwar überall dort auf der Welt, wo die Achtland-Frau zu Hause ist – aber auf einer geschäftlich-rationalen Ebene nicht.

Die typische Kundin heutzutage ist wahnsinnig informiert. Ob wir als Label in Oberammergau oder New York sitzen, spielt für sie keine Rolle. Aber Achtland mitzunehmen in eine Stadt, in der Mode und Design über die letzten fünf bis zehn Jahre eine enorme internationale Berechtigung erfahren hat, ist für uns von Relevanz. „Comfortable“ ist für uns als Marke neuerdings nichts, denn in London müssen wir nun ganz von vorne anfangen. Das braucht seine Zeit. Im privaten Kontext hingegen bedeutete der Stadtwechsel ein nach Hause kommen zu Menschen, die wir als Familie empfinden. Anfangs haben wir bei Freunden gewohnt; in Thomas alter WG. In diesem Umkreis haben wir uns vor acht Jahren auch kennen gelernt: Thomas trug einen Schal mit Schmetterlingen darauf, der Oliver gut gefiel – außer ihm allerdings niemandem. So kamen wir ins Gespräch, offensichtlich gefiel uns beiden nicht nur das Stück Stoff. Manchmal zanken wir uns über die korrekte Version dieser Geschichte, weil sie so banal und oberflächlich klingt. Aber wie sehr Mode Mittel der Kommunikation ist, und uns natürlich auch verbindet, zeigt das einmal mehr.

Unsere aktuelle Kollektion ist komplett in London entstanden, dafür hatten wir gerade einmal drei Monate Zeit. Eine ganze Produktion samt Infrastruktur umzustellen dauert eben. Wir wussten, würden wir uns noch einmal dort niederlassen, dann ginge das nur im Osten der Stadt. Gefunden haben wir ein helles Studio mit hohen Fenstern und spitzem Dach in einer alten Druckerei aus viktorianischer Zeit in Bezirk Shoreditch. Genau im Bermuda-Dreieck zwischen Kingsland Road, Hackney Road und Old Street. Eigentlich ist es sogar ein wenig wie in Berlin Kreuzberg: Ein typischer Industrie-Hinterhof, nur verschachtelter und gemütlicher. Alles ist klein, kopfsteingepflastert und irgendwie „tutzelig“, verwunschen. Ein guter Ort für kreative Energie, die wir versucht haben, in unsere Entwürfe fließen zu lassen.

Die Ordnung im Chaos zu verlieren und als stoffliche Linien oder Print auf die Entwürfe zu bringen: Da rattert es hoffentlich beim Betrachter im Kopf.

Unser Startpunkt für die kommende Frühjahr-Sommer-Kollektion war eine klassische Blümchen-Stickerei. Die haben wir auf Blusen und Kleider gebracht, vorzugsweise auf solche aus Baumwoll-Organza. Ein Material, das wir schon im Winter verwendeten und lieb gewonnen haben. Es hat den großen Vorteil, dass es waschbar ist, außerdem hat dieser Organza einen wunderbaren Effekt: Sobald der Stoff leichte Wellen schlägt, blitzt die Haut sanft darunter hervor, allerdings ohne ihren natürlichen Farbton zu verändern – die Haut bleibt neutral. Herrlich! Die Blumen haben wir auf eine angedeutete Brusttasche gestickt. Um den Effekt des „in-die-Tasche-Steckens“ zu verstärken, ist der Stängel im Gegensatz zum bunten Blütenkopf in schwarz-silber gehalten. Das hat auch ein zeitgemäß surreales Moment.

Aber weil Blumen im Sommer natürlich nicht so ein weiter Wurf sind, wollten wir dem Lieblichen etwas Hartes entgegen setzen. Dazu haben wir uns von dem britischen Bildhauer Antony Gormley inspirieren lassen. Er beschäftigt sich unter anderem mit Skulpturen der menschlichen Figur und löst sie auf in abstrakte Strichzeichnungen und – Blöcke. Ähnliches haben wir also mit der Blume probiert – diese aufzulösen, einmal in grafische Linien, ein anderes Mal gemalt. Die Ordnung im Chaos zu verlieren und als stoffliche Linien oder Print auf die Entwürfe zu bringen: Da rattert es hoffentlich beim Betrachter im Kopf. Außerdem haben wir uns in dieser Saison an Drapierungen probiert, um uns selber wieder schnitttechnisch herauszufordern. Die finden sich entweder All-Over oder als Betonung der Schulter-Arm-Partie.

Wir können noch eine Weile unseren Fokus auf das setzen, worauf es ankommt: Die Mode, das Handwerk. Und die Industrie.

Die Kollektion präsentieren wir erstmals im Rahmen der Pariser Modewoche in der Galerie Karsten Greve, weil wir zur kurz zuvor stattgefundenen Londoner Fashion Week noch nichts zeigen wollten. So ein Set-up, ohne auf dem „Schedule“ zu stehen? Das interessiert ja keinen Mensch. Dafür machen wir dort die Pressetage mit – und obendrein in Berlin und New York. Langfristig ist unser Ziel, in London eine Show zu zeigen, aber das wird dauern. In London regiert das British Fashion Council, das gleichzeitig stark und breit fördert. Deren Gremien muss man durchlaufen; gleichzeitig hilft deren Einordnung dabei, sich selbst einschätzen zu lernen. Unglücklich sind wir aber nicht, denn die Organisation für eine Modenschau in unserem kleinen Rahmen ist aufwendig. Man geht auch anders an die Gestaltung einer Kollektion heran, wenn man weiß, dass man sie hinterher als Show inszeniert – ein paar unserer aktuellen Ideen hätten wir extremer umsetzen müssen. So können wir uns noch eine Weile unseren Fokus auf das setzen, worauf es ankommt: Die Mode, das Handwerk. Und die Industrie.

Sobald dieser erste Rummel vorbei ist, belohnen wir uns mit einem Kurzurlaub – alles ist schon gebucht, und zwar über den britischen „Landmark Trust“, eine Vereinigung, die alte Monumente kauft, renoviert und als Ferienwohnungen anbietet. Dort kann man zum Beispiel in verlassenen Ruinen, Kirchen oder Krankenhäusern wohnen. Oder in einem kleinen Wasserturm in Norfolk, der einst für die Königin Victoria errichtet wurde; unsere Wahl. Ein wenig träumen wir uns jetzt schon dort hin.