Modewahn mit Durchblick

Wenn ein junges Label gegen den Strom schwimmt, beweist das Mut. Ein Grund mehr die erste Kollektion von SAGITTAIRE A, die soeben auf der Paris Fashion Week gelauncht wurde, genauer unter die Lupe zu nehmen

 

Dass das Modesystem kränkelt, ist klar. Dass aber auf einmal Krankenhaussäle und Psychatrien zur Untermalung des allgemeinen Befindens der Mode als Referenz bemüht werden ist neu. Wo das momentane Über-Label Gucci mit seinem Designer Alessandro Michele noch mit OP-Tischen und kühlem Krankenhausgrün seine Luxusmode untermalte, baute das französisch-chinesische Designkollektiv SAGITTAIRE A für seine Debüt-Kollektion „Samphrenia“ gleich eine ganze Psychatrie nach und ließ – in „Einer flog über das Kuckucksnest“-Manie – seine Models für das Präsentationsvideo an leeren Stühlen vorbei defilieren.

SAGITTAIRE A stellt seine Debütkollektion “Samphrenia” in einem eigenerbauten Psychatrie-Setting vor

Medienwirksame Effekthascherei eines überambitionierten Newcomer-Labels könnte man jetzt denken. Doch anstatt irgendeinem Hype zu verfallen, geht es SAGITTAIRE A tatsächlich um einen Paradigmenwechsel in der Mode. So verzichtet das Kollektiv auf ein eigenes Logo (man fühlt sich noch nicht bereit dazu), stattdessen zieren abgewandelte Logo-Versionen der weltweit bekanntesten Marken Mäntel und Jacken – Marlb*ro, Sh*ll oder M*sterc*rd, allesamt handskizziert bevor sie aufgedruckt wurden. Ein Hinweis auf die Logomania unserer Zeit. Die Produzenten in China sind alles Handwerksbetriebe, die das Label mit seinen Aufträgen unterstützt. Die Naturstoffe stammen aus China, das Innenfutter aus Australien, das Garn und die Wollstoffe aus Japan. Schließlich wollen Konsumenten heute – zurecht – wissen, wo und wie ihre Kleidung hergestellt wird.

Mode mit Verstand: SAGITTAIRE A besticht mit seinem Defilee durch luxuriöser Handwerksarbeit, tragbaren Designs und einer ordentlichen Portion Sarkasmus

Apropros Kleidung, die ist neben aller zeitgenössischen artsy fartsy-Symbolik durchaus essentiell. Mäntel, Jacketts, Pullover und Jeans, die durch überschnittenen Schulterpartien, diversen zusammengenähten Stoffbahnen, weißen Ziernähten und kunstvolle Prints und Cut-outs bestechen. Unser abschließender Befund? So schlecht kann es um das kränkelnde Modesystem also noch nicht stehen, wenn sie noch solche ambitionierten Labels hervorbringt.