Das Modejahr 2014

Ein Jahresrückblick in Momentaufnahmen

Für ACHTUNG ONLINE lassen die FAZ-Modespezialisten Alfons Kaiser und Helmut Fricke die modischen Höhepunkte der vergangenen zwölf Monate Revue passieren. Entstanden ist eine Abfolge subjektiver Eindrücke in Wort und Bild. Autor Alfons Kaiser bereichert auch ACHTUNG MODE regelmäßig mit seinen pointierten Glossen und Beiträgen und Fotograf Helmut Fricke, ebenfalls hauptberuflich bei der FAZ, ist sogar auf der Liste des Goethe Instituts als einer der zehn besten Modefotografen Deutschlands.

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Vor ihnen ein Bild von einer Kenzo-Schau, hinter ihnen ein Bild von Hilfiger. Die Berliner Modemacher haben es nicht so leicht, internationalen Erfolgsansprüchen gerecht zu werden. Nicht einmal diese drei, obwohl Vladimir Karaleev, Sissi Goetze und Michael Sontag (von links) zweifellos zu den besten Designern aus der deutschen Hauptstadt gehören. Das Bild vom F.A.Z.-Modeempfang im Januar in Berlin zeigt die drei Modemacher zwar in aufgeräumter Stimmung. Aber 2014 war in Berlin ein verlorenes Mode-Jahr. Der Umzug von Achtland nach London, der Schlusspunkt bei „Firma“, die Trennung von Issever Bahri und die Absage der Bread & Butter haben es gezeigt. Hoffentlich halten wenigstens diese drei durch!

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Weil Modemacher nur angewandte Kunst machen, scheinen sie die richtige Kunst so zu lieben. Seit Yves Saint Laurent sind daher die Kunst-Zitate auf Kleidern kaum noch zu zählen. Spannend wird es erst dann, wenn das Zitat zu einer eigenen Botschaft wird. In Albert Kriemlers Akris-Kollektion (Herbst/Winter 2014/2015) mit Kleidern, die von Fotokünstler Thomas Ruff beeinflusst sind, ist das endlich mal wieder gelungen. Ein schwarzer Pelzstreifen im weißen Pelzmantel zeigt die Umlaufbahn eines Saturnmondes, an einigen Kleidern lässt er sogar Lämpchen blinken, die sternenreiche Deko bringt die Marke in eine andere Umlaufbahn. Untypisch für Akris, untypisch für Ruff, gut für beide.

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Karl Lagerfeld hat es auch in diesem Jahr wieder allen gezeigt. Erst Anfang März die Prêt-à-porter-Schau im gigantischen Supermarkt (siehe Bild), dann das mittelöstliche Event in Dubai, dann die gigantische Straßenszene mit Demo für Frühjahr/Sommer 2015 und schließlich der herzerwärmende Ausflug nach Salzburg Anfang Dezember: Er weiß, wie man anlassgerecht, landestypisch, phantasievoll und mit aberwitzigen Übertreibungen die Herzen der Damen überrumpelt. Noch eine Zwischenkollektion wird bei ihm zum Haupt- und Staatsakt. Am Beispiel der Supermarkt-Schau im Grand Palais lässt sich auch die intellektuelle Größe des Kaisers ermessen: Da waren die Redakteurinnen so begeistert, dass sie um die Türvorleger mit Chanel-Motiv kämpften. Wie könnte man die Pracht und die Perversion des konsumgesteuerten Kapitalismus besser ins Bild setzen?

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Er müsste das nicht machen: Valentino Garavani, der ja nun auch schon 82 Jahre alt ist, und sein alter Freund Giancarlo Giammetti setzen sich in die erste Reihe der Valentino-Schau, mit der sie seit dem Verkauf vor mehr als fünf Jahren eigentlich nichts mehr zu tun haben. Aber Valentino lebt eben in dieser Marke weiter. Die Chefdesigner Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli, die er im Bild so nett herzt, sind seit Jahren ästhetisch und betriebswirtschaftlich top, und das beste: Sie sind unter ihm groß geworden. Nun polieren sie auch noch seinen Namen. Da kann man ruhig mal in Paris vorbeischauen.

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Wo ist eigentlich die Avantgarde geblieben? Das extreme Experiment? Bitte weiterlesen, denn das gibt es wirklich noch. Dieses Mal kommt es nicht aus Belgien, sondern von nebenan. Niemand arbeitet so mit den Materialien wie die Niederländerin Iris van Herpen. Und niemand bringt sie auf so abenteuerliche Weise auf den Laufsteg. Die Schau im März (unser Bild) konnte man kaum ertragen, weil man mit den vakuumverpackten (aber sauerstoffversorgten) Mädchen in den großen Plastiktüten litt. Für die Schau im Oktober auf dem Centre Pompidou besuchte Iris van Herpen vorab sogar den Teilchenbeschleuniger bei Genf, um mehr über magnetische Abstoßungseffekte zu erfahren. Naturwissenschaften, Technik, Kunst: Seit den italienischen Futuristen waren sich diese Kulturen selten so nahe. Und in der Mode hat man so etwas seit den starken Tagen von Paco Rabanne nicht mehr gesehen – und die sind wirklich lange her.

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Ermenegildo Zegna, also der Enkel des Firmengründers, will alles unter Kontrolle behalten. Es beginnt bei den Schafen; für die richtige Wolle hat sich der Chef der italienischen Herrenmodemarke in diesem Jahr große Anteile einer riesigen Farm in Australien gekauft. Es endet beim Verkauf; immer mehr Franchisenehmer werden ausbezahlt, so dass Zegna die Läden selbst führen kann. Und es hat seine Mitte im Design. Dafür hat Ermenegildo den Designer Stefano Pilati geholt, der bei den Mailänder Herrenschauen im Sommer (unser Bild) wieder eine der besten Schauen zeigte. Das Produkt muss überraschen, herausfordern, vor den Kopf stoßen. Denn nur mit dunkelblauen Anzügen, das hat Zegna eingesehen, kommt die Marke nicht weiter. Mit Pilati hat man die Chance, auch ein paar Spät-Hipster für sich zu gewinnen, also neue Kunden.

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Wir haben uns lange genug über Hedi Slimane erregt. Dass er die Kleider einfach nur kürzer, glitzernder und bunter macht, dass er einfach einen Neo-Hippie-meets-Disco-Glam-Look auf die Bühne bringt, dass die Mädchen wie Jungs aussehen und die Jungs wie Mädchen, dass sich seine Entwürfe schon jetzt zu wiederholen beginnen: Ja, das ist wirklich so, aber es ist doch auch toll. Wie wir zu dieser späten Einsicht kommen? Ex negativo, über eine Kollegin des Saint-Laurent-Designers aus dem gleichen Konzern, über Frida Giannini nämlich. Sie wird im Februar 2015 die Kering-Marke Gucci verlassen müssen, und man wird sich an kaum einen ihrer Looks erinnern. Wenn Hedi Slimane nun Saint Laurent verlassen müsste (und sei es als Giannini-Nachfolger in Richtung Gucci), hätte man gleich ein ganzes Lookbook im Kopf. Obwohl sich viele seiner Entwürfe so ähneln. Oder gerade deswegen?

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Christophe Lemaire, der herzensgute Designer mit dem Hang zum frauenverstehenden Entwurf, hat für Hermès schon so manche schwache Kollektion auf den Laufsteg gebracht. Oft konnte man ihm seltsame Drucke, unvorteilhafte Formen und überhaupt fehlende Stringenz vorwerfen. Ausgerechnet seine letzte Schau für die Marke Anfang Oktober war mit wunderbaren Drapierungen, starken Farben und eingebauter Lockerheit ein ganz starker Auftritt. Das hat gleich zwei Vorteile für ihn: Er bleibt in guter Erinnerung und kann sich nun beruhigt seiner eigenen Marke zuwenden; und er macht es seiner Nachfolgerin Nadège Vanhee-Cybulski, die in der nächsten Saison antritt, nicht so ganz leicht, besser zu sein als er.

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Es müssen glückliche Momente für den LVMH-Chef Bernard Arnault gewesen sein. Inoffiziell eröffnet wurde seine Fondation Louis Vuitton mit der zweiten Schau von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton, die wieder überzeugte. Und zur richtigen Eröffnung kam ganz brav auch François Hollande. Was für ein Unterschied nicht nur in der Körpergröße: hier der mächtige Luxusunternehmer, da der schwache französische Präsident. Der geflügelte Wal im Bois de Boulogne ist natürlich ein Symbol für das strategische Geschick und den betriebswirtschaftlichen Erfolg des Über-Unternehmers Bernard Arnault. Aber es ist natürlich auch ein bedrückendes Zeichen dafür, dass der öffentliche Sektor nichts mehr zu bestellen hat – und der private Mäzen bis hinein in die Kunst und die Museumslandschaft wie ein König regiert. In der Geschichte endete es so: Auf die letzten Sonnenkönige in Frankreich folgte die Revolution.

Prada - Das italienische Luxuslabel eröffnet seinen "Uomo Store" im One Goethe Plaza in Frankfurt.

Nein, dieser Mann trägt nicht Prada. Dabei wird hier gerade die Eröffnung des ersten deutschen Prada-Herren-Geschäfts gefeiert. Und ganz Frankfurt sollte sich freuen, dass seit November ausgerechnet in der Bankenstadt 1000 Quadratmeter dem modisch noch immer so schwachen Geschlecht gewidmet werden. Aber Ardi Goldman hat es natürlich nicht nötig, sich anzubiedern. Denn erstens trägt der spannendste Frankfurter Immobilienentwickler zum Ausweis modischer Kompetenz Pharrells berühmten Vivienne-Westwood-Hut. Und zweitens verkörpert dieser Mann natürlich den anderen Frankfurter, also den Anti-Banker: steinreich zwar, aber unangepasst, cool bis in die langen Haare und in die hintersten Bauprojekte. Oder macht hier ein Immobilien-Hai einfach nur einen Store-Check? Egal: Man sieht, dass Mode am schönsten unerwartet blüht. Was könnte Frankfurt besseres passieren?

Alle Fotos: Helmut Fricke