Fashion Stories

In Wolfang Tillmans Ausstellungsraum Between Bridges zeugen von ihm kuratierte Modestrecken von der dokumentarischen Kraft der Modefotografie

In der Modefotografie geht es hingegen gängiger Vorurteile nur selten um die werbewirksame Abbildung von Kleidung. Welche Funktion und kulturelle Bedeutung ihr zugeschrieben werden kann, bringt niemand schöner auf den Punkt als der legendäre Modefotograf und Sammler F.C.Gundlach in unserer aktuellen Ausgabe Nummer 30 von Achtung Mode: „Fotografie und Mode sind Wahlverwandte. Beide stehen im Ruf der Kurzlebigkeit. Aber meiner Meinung nach lässt sich an Modefotografien oft mehr über eine Zeit ablesen als in der ‚Dokumentarfotografie’.“

Gerade Modestrecken möchten Geschichten erzählen – über Mensch und Alltag, Zeit und Träume. Neben einer grenzenlosen Stilisierungs- und Kombinationsmöglichkeit von Individuen, Orten, Posen und Realitäten ist die Kleidung dabei nur eine Möglichkeit des Ausdrucks. Erst in einer Gesamtkomposition aus allen Elementen werden in Kollaboration von Stylisten, Fotografen und Modellen Bildwelten geschaffen, die ihren Betrachter nicht nur inspirieren oder zum Kauf verführen wollen. Immer geben sie auch Aufschluss über die jeweilige Epoche und das jeweilige Milieu, aus denen sie erwachsen.

Von der dokumentarischen Kraft der Modefotografie kann sich der interessierte Betrachter in der von Wolfang Tillmans kuratierten Ausstellung „Fashion Stories“ noch bis zum 12. September ein Bild machen. In seiner Galerie Between Bridges, die Tillmans im vergangenen Jahr, als er nach einem knappen Vierteljahrhundert von London nach Berlin zog, einfach mitnahm, präsentiert er ausgewählte Modestrecken der Magazine i-D, The Face und Arena.

Alle Strecken wurden dafür nicht, wie sonst häufig üblich, aus ihrem ursprünglichen Erscheinungsrahmen – dem Modemagazin – gerissen und an die Wand gebracht. Sondern erzählen als aufgeschlagene, aufeinander folgende Doppelseiten von den wilden Subkulturen im London der frühen 1990er. Mit dabei sind Arbeiten stilprägender Fotografen jener Zeit, wie etwa Nick Knight, Jürgen Teller, Craig McDean oder David Sims.

Kaum einer wäre wohl besser geeignet als Tillmans selbst, solch eine Ausstellung zu initiieren. Obwohl sich der zeitgenössische Künstler heute primär mit technischen Farbstudien auseinandersetzt, die das Medium der Fotografie als solches reflektieren, liegen seine Anfänge in eben jener Zeit; in der Modefotografie der frühen 1990er. Berühmt wurde er durch hedonistische Aufnahmen, die er von seinen Freunden in der Hamburger Clubszene machte, die non-konforme Zeitgeist-Magazine wie Tempo dann veröffentlichten – Zeugnisse exzessiver Abende, durchzechter Nächte und dem großen Kater am Morgen danach.

Seine Modefotografien mit Reportage-Charakter waren ähnlich wie die seiner ausgestellten Kollegen wie geschaffen für die wilde Bildsprache jener jungen, neu aufpoppenden Self-made-Publikationen wie i-D oder The Face, die von London aus den Stil einer ganzen Generation prägten, deren Akteure sich ihr Leben fernab von vorherrschenden Hochglanz-Welten in unzähligen Untergrundmilieus arrangierten. „Fashion Stories“ ist deshalb nicht nur eine Ausstellung über Modestrecken und den besonderen, neuen Stil der Magazine, in denen sie erschienen – sondern auch ein Einblick in einen kleinen Abschnitt Kulturgeschichte.

Between Bridges
Keithstrasse 15, 10787 Berlin
Mittwoch – Samstag 12 – 18 Uhr